Die Gesichter einer Stadt

25. November 2015

Seit 20 Jahren bietet der Verein Geographie für Alle (GfA) Stadtrundgänge der etwas anderen Art. Ziel ist es, nicht nur die üblichen Sehenswürdigkeiten zu präsentieren, sondern besondere Facetten zu beleuchten, Zusammenhänge aufzudecken und Hintergründe zu erklären. Die Idee für den Verein brachte Prof. Dr. Günter Meyer 1993 ans Geographische Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Der Herr im Dreispitz zeigt sich ausgesprochen übellaunig. "Gott zum Gruße, es lebe der Kurfürst", schmettert er den Menschen entgegen, die sich in der Dämmerung am Mainzer Fastnachtsbrunnen eingefunden haben. "Wie kommt es hier zu dieser unangemeldeten Versammlung von Bürgern?", fragt er fordernd. "Bei Dunkelheit ist der Mainzer zu Hause!"

"Herr von Stark", vermittelt eine Dame, "dies sind Freunde des Kurfürsten." Der Herr im Mantel stützt die Hand auf seinen Degen und runzelt die Stirn, als er erfährt, dass er diesen ungeordneten Haufen mitnehmen soll auf seinem Gang durch die Gassen der Stadt. "Nun gut, man folge mir", brummt er nach einiger Überzeugungsarbeit.

Kein Nachtwächter für Mainz

"Auf Nachtwache in Mainz – Unterwegs mit dem Gewaltboten" heißt eine von rund 90 Führungen, die der Verein Geographie für Alle anbietet. "Dieser Rundgang ist eigentlich etwas untypisch für uns", räumt Prof. Dr. Günter Meyer vom Geographischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein. Der Löwenanteil des reichen Angebots an Führungen und Erkundungen findet in entschieden sachlicherer Atmosphäre statt und überwiegend sind es Studierende, die zum Entdecken der Stadt einladen.

"Im Kostüm des Gewaltboten würden sie allerdings wenig glaubhaft wirken", meint Meyer. Also übernimmt Franz Winkler die Rolle des Franz von Stark. Der pensionierte Feuerwehrmann nutzt den besonderen Blickwinkel des Amtmanns, um einige weniger bekannte Aspekte des Lebens in der "Churfürstlichen Residenzstadt Meyntz" zu beleuchten.

"Mainz war in einer besonderen Situation damals", erzählt Meyer. "Man hatte keinen Nachtwächter." Also kümmerte sich der Gewaltbote um Sicherheit und Ordnung, um Bereiche wie Sittenkontrolle, Bauwesen oder Feuerschutz. Er wird erzählen von der blühenden Prostitution in dieser Großstadt mit ihren 20.000 Einwohnern, von den Bemühungen, eine Müllabfuhr einzurichten, und von vielem mehr.

Franz von Stark verschwindet mit der Gruppe in der Dunkelheit. Günter Meyer bleibt zurück, um von dem Verein zu erzählen, den er vor rund 20 Jahren mit Studierenden und Mitarbeitern der JGU gegründet hat.

Erlangen, Jordanien, Mainz

Die Idee brachte Meyer aus Erlangen mit, wo er studierte und lehrte, bevor er 1993 ans Geographische Institut der JGU wechselte. "Ich bekam damals mit, wie einige arbeitslose Historiker das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg erschlossen und Rundgänge anboten. Sie schufen damit ein Dutzend Arbeitsplätze. Als ich nach Mainz kam, führte mich meine erste Exkursion mit Studierenden nach Jordanien und Syrien. Jeder bekam ein Thema, das er uns vor Ort präsentieren sollte. An einem Abend im jordanischen Bergland saßen wir um ein Lagerfeuer und ich meinte: 'Das, was Sie auf der Exkursion präsentieren, das könnten Sie auch in der Öffentlichkeit machen.'"

Meyer erzählte von den Nürnberger Rundgängen und regte an, in Mainz Führungen ähnlicher Art anzubieten. "Sie hörten mir brav zu, aber es kam erst mal gar nichts. Zwei Monate später standen dann zwei Studierende vor mir und meinten: 'Wir wären jetzt so weit.' Wir haben mit zehn, zwölf Leuten angefangen. Inzwischen zählen wir mehr als 250 Vereinsmitglieder, von denen rund 80 aktiv sind und Rundgänge durch Mainz, Wiesbaden und Frankfurt leiten."

Zur ersten Stadtführung lud Geographie für Alle dann 1995 ein. Das Angebot wuchs schnell und beständig. Studierende stellen "Gutenbergs schwarze Kunst" vor, sie führen durch "Magenza – das jüdische Mainz" oder klären über die "Trinkwasserversorgung in Mainz" auf. Auch Stadtrallyes und Rundgänge für Kinder und Jugendliche stehen auf dem Programm. Mittlerweile haben bereits etwa 150.000 Personen haben an den Führungen teilgenommen.

Interaktive Rundgänge

"Unsere Klientel sind nicht unbedingt die Touristen in Mainz, wir wenden uns mehr an die Leute vor Ort. Wir wollen Zusammenhänge und Hintergründe erklären." Zu den Führungen aus dem Standardprogramm können Interessenten einfach unangemeldet kommen. "Sind mehr als drei da, findet die Führung statt. Aber diese im Jahresprogramm angekündigten öffentlichen Exkursionen machen mittlerweile nur noch ein Drittel unserer Rundgänge aus. Viele Firmen und Institutionen buchen uns regelmäßig. Auch bei Familienfeiern sind solche Gruppenführungen sehr gefragt. Für Schulklassen und Anlässe wie Kindergeburtstage bieten wir außerdem eigene altersspezifische Formate."

Ein wichtiges Element der Rundgänge ist der Ordner mit reichlich Anschauungsmaterial zum jeweiligen Thema. Fotos, Grafiken, Karten, Grundrisse und einiges mehr werden den Gästen vor Ort präsentiert "Zeigen ist immer besser als reines Erklären und Erzählen", meint Meyer. Ein anderes Element ist der interaktive Charakter der Rundgänge: Die Teilnehmer sollen nachfragen oder ihr eigenes Wissen einbringen. In manchem Fall entwickelt sich sogar eine Diskussion – etwa wenn es um aktuelle Themen wie die Bebauungspläne am Zollhafen geht.

Dass die Gäste von den Führungen profitieren, leuchtet unmittelbar ein. Doch Meyer hat auch die Studierenden im Blick: "Sie lernen bei uns, ein Thema zu präsentieren, frei vorzutragen und überzeugend zu argumentieren." Jedes Semester werden 25 Studierende im Bereich Exkursionsdidaktik geschult. "Zehn Studierende kommen dabei von unserem Kooperationspartner, dem Institut für Humangeographie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main." Gerade in Frankfurt ist die Nachfrage in Sachen Rundgänge groß.

Ein Gewinn für Publikum und Studierende

Zwei Tage dauert das Einführungsseminar. "Am ersten Tag gehen wir systematisch darauf ein, wie die Studierenden vor einer Gruppe auftreten, wie sie zum Beispiel auf Störungen reagieren, wie sie Leute einbinden können. Aber wir schauen auch auf die Körpersprache, auf den Vortrag. Am zweiten Tag bereiten sie Inhalte für eine Führung auf und präsentieren jeweils ein Thema." Nach dieser Einführung arbeiten sich die Studierenden inhaltlich in bestehende Rundgänge an. Nach und nach übernehmen sie kurze Passagen, bis sie dann so weit sind, selbstständig Rundgänge zu leiten.

Jedes neu angebotene Thema für das GfA-Programm wird dabei bis ins Detail diskutiert. "Es findet ein Proberundgang statt. Danach setzen wir uns zusammen und besprechen alles. Das dauert oft zweimal oder dreimal so lang wie der eigentliche Rundgang." Dennoch bleibt Meyer immer dabei. Zwar ist er als viel gefragter Experte für die Arabische Welt gerade sehr eingespannt und die Interviewanfragen türmen sich. Aber für GfA nimmt er sich die notwendige Zeit.

Zu den großen Jubiläen macht der Verein regelmäßig von sich reden. Zum fünften Geburtstag etwa veranstaltete er die "Längste Stadtführung der Welt" mit einer Dauer von 26 Stunden. Das reichte für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Zum aktuellen Jubiläum schlüpften Akteure der Mainzer Schauspielschule in die Rollen historischer Persönlichkeiten und luden ein zum Rundgang "Mainz im Wandel – Prominente Zeitzeugen der letzten 200 Jahre berichten aus ihrem Leben".

Längst ist der Verein über die Grenzen des Gutenberg-Campus hinaus gewachsen. Nicht nur Studierende aller Fachbereiche sammeln sich hier, auch interessierte Bürger wie Winkler tragen ihren Teil bei. "Wir freuen uns immer, wenn wir engagierte Leute finden, die unsere Inhalte professionell vermitteln", sagt Meyer. Das Programm von Geographie für Alle e.V. ist längst ein Markenzeichen für den etwas anderen Stadtrundgang – und für vieles mehr.