Ethisch verwerflich, aber keine Korruption

14. Januar 2016

Der Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universitätsmedizin Mainz bezieht Stellung zum Organvergabe-Skandal der jüngsten Vergangenheit: Prof. Dr. Norbert W. Paul sieht die ernsten Verstöße und begrüßt den Druck, den die Medien ausüben. Die Transplantationspraxis im europäischen Raum aber beurteilt er insgesamt positiv.

Die Medienberichte über Manipulationen bei der Vergabe von Organspenden wollten 2014 einfach nicht abreißen. Es war ans Licht gekommen, dass in den vier Transplantationszentren Göttingen, Leipzig, München rechts der Isar und Münster in den Jahren 2010 und 2011 auf verschiedenste Weise gegen geltende Richtlinien verstoßen worden war. Falschangaben von Ärzten führten dazu, dass Patienten auf der Warteliste für eine Leber nach vorn rutschten.

Die Verunsicherung in der Bevölkerung war groß, die Zahl der Spendewilligen ging zurück, zumal immer neue Berichte folgten. Mal war es ein Sturm im Wasserglas, mal kamen Fakten zum Vorschein, die geeignet waren, das Vertrauen in die Vergabepraxis einzelner Kliniken schwer zu erschüttern.

"Jemand, der sich auf einem Gebiet auskennt, wird von Medienberichten immer enttäuscht sein", sagt Prof. Dr. Norbert W. Paul, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universitätsmedizin Mainz. "Die Tendenz zu Verkürzungen und Vereinfachungen finden Sie selbst auf dem Niveau von FAZ, ZEIT und Süddeutscher Zeitung."

Die Rolle der Medien

Aber Paul zeigt Verständnis: "Ein Journalist kann die Dinge nicht zu differenziert darstellen. Er will eine breite Leserschaft erreichen. Jedoch ist die Rolle der Medien beim Organvergabeskandal sehr wichtig. Sie haben Probleme im Transplantationssystem sichtbar gemacht, die sonst verschwiegen worden wären. So ist auch der erforderliche öffentliche Druck für Veränderung entstanden." Paul ist sicher: "Wir werden möglicherweise von weiteren Unregelmäßigkeiten bei Organvergaben hören, schon deswegen, weil es nun unabhängige und unangekündigte Prüfungen in den Zentren gibt."

Die tiefe Verunsicherung, die sich hier und da breit macht, wenn es um die Vergabepraxis von Organen in Deutschland geht, kann Paul jedoch nicht teilen – und von Korruption will er schon gar nicht reden. "Es gab in der Vergangenheit nur einen Fall, in dem eine Leber ausgeflogen wurde und möglicherweise Geld geflossen ist."

In der Regel sei es den Ärzten aber darum gegangen, einem ihrer Patienten zu helfen. "Die Unregelmäßigkeiten sind auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass wir einen allgemeinen Mangel an Spenderorganen haben und man sich zu häufig im Spannungsfeld zwischen Dringlichkeit der Transplantation bei Schwerkranken und Erfolgsaussicht bei nicht ganz so schwerwiegenden Verläufen befindet." Oft sehe sich ein Arzt einfach nicht in der Lage, seinem Patienten zu einem medizinisch günstigen Zeitpunkt ein Organ anzubieten, wenn er nicht die Parameter verschiebe und ihn – wie auch immer – ein Stück auf der Warteliste nach vorn bringe. "Das ist ethisch verwerflich, weil es die gemeinschaftlichen Werte des Transplantationssystems unterläuft, aber noch keine Korruption."

Paul will nicht nur auf den aktuellen Skandal schauen. Er taucht tiefer in das Thema Organspende ein. Der Medizinethiker skizziert Zusammenhänge und wirft Fragen auf, die angesichts aktueller Schlagzeilen oft in den Hintergrund treten.

Transplantationspraxis in Deutschland

"Soweit es um gesetzliche Regelungen im Bereich Organspende geht, ist Deutschland spät dran gewesen", kritisiert er. "1967 wurde Eurotransplant gegründet." Damit sollte die Vermittlung von Organen im Europäischen Raum in möglichst genau geregelte Bahnen geleitet werden. "Erst 30 Jahre später bekam Deutschland ein Transplantationsgesetz."

Just dieses Gesetz aber sorgte nicht nur für Klarheit, sondern schuf Probleme und zwang die Ärzte, sich mit Widersprüchen auseinanderzusetzen. "Organe sollen einerseits nach Erfolgsaussicht, andererseits nach Dringlichkeit vergeben werden." Je gesünder jedoch ein Patient sei, desto höher seien die Erfolgsaussichten. "Eine Transplantation wird durchgeführt, um dem Betroffenen eine Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen." Bei einem dringlichen Fall sei es angesichts des schlechten Zustands des Patienten allerdings unwahrscheinlicher, dieses Ziel zu erreichen.

"Eigentlich schieben wir den Tod zwischen der Warteliste und der postoperativen Phase hin und her. Im Moment sterben rund 30 Prozent der Menschen, die auf ein Organ warten. Wir könnten das ändern und sagen: Wir erlauben eine Quote von 35 Prozent, helfen dafür aber mehr aussichtsreichen Patienten und haben weniger Todesfälle nach der Operation. Das sind ethische Fragen, zu denen ich Politiker zwingen würde, sich zu verhalten."

Paul beleuchtet einen anderen Aspekt der Organspende: In den 1960er-Jahren fand der Übergang von der Lebendspende zur postmortalen Spende statt. Das war ein erster großer Schritt. Der zweite folgte, als man beschloss, hirntoten Patienten Organe zu entnehmen. "Gegenüber dieser Praxis besteht nach wie vor Unbehagen und Unsicherheit, auch weil immer auf längst vergangene Praktiken Bezug genommen wird." Es sei für Angehörige sicher eine Herausforderung zu verstehen, dass trotz offensichtlicher, technisch unterstützter Körperfunktionen das Leben der geliebten Person mit dem Hirntod erloschen sei. "Um die Organentnahmen überhaupt akzeptabel zu machen, bedarf es höchster Sorgfalt sowohl in der Hirntoddiagnostik als auch im Umfeld der Organentnahme." Diesen Anspruch sieht Paul im europäischen Raum im Allgemeinen eingelöst. Gerade letztes Jahr sei für Deutschland eine neue Richtlinie für die Feststellung des irreversiblen Ausfalls der Hirnfunktionen umgesetzt worden.

Plädoyer für Organspende

Unterm Strich beurteilt der Professor die Lage so: "Was Transplantationen angeht, gibt es eine Rechtssicherheit im europäischen Raum. Wir haben Organisationen und Regularien, die ethische und rechtliche Standards gewährleisten."

Was bleibt, ist das Problem des Mangels an Organen. Es gibt schlicht nicht genug Spender. Hier bezieht Paul sehr klar Stellung: "Aus ethischer Sicht kann ich nur sagen, dass ich es als meine Pflicht ansehe, mich als postmortaler Spender zur Verfügung zu stellen."

Er holt etwas weiter aus: "Wir alle haben ein Anspruchs- und ein Abwehrrecht. So ist unsere Gesellschaft konzipiert. Ich habe Anspruch auf Hilfeleistung, wenn ich in eine Notlage gerate, und ich habe das Recht, mich zu wehren, wenn jemand übergriffig wird. Wenn ich zu Lebzeiten aber einen Anspruch auf ein Organ habe, falls ich eins brauche, dann muss ich auch bereit sein, nach dem Tod meine Organe zu spenden und damit zu helfen."

Paul plädiert für die Widerspruchsregelung wie sie in Österreich oder Spanien praktiziert wird: "Nicht der Spendenwillige ist aufgerufen, einen speziellen Ausweis mit sich zu tragen, sondern wer sich ausklinken will, muss das vermerken lassen."