Von den Gefühlen der Lehrer

18. Januar 2016

Zum fünften Mal präsentieren Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Bachelor of Education der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ihre Forschungsprojekte. Am Tag der Bachelorarbeit Ende Januar geben sie einen Einblick in die breite Palette an aktuellen Themen, mit denen sich die Bildungswissenschaften beschäftigen. Das JGU Magazin präsentiert vorab eine der Arbeiten ausführlicher: Tobias Schütz forschte zu Emotionsregulationsstrategien bei Lehrerinnen und Lehrern.
 

"Es ist ein bekanntes Phänomen, dass die psychische Belastung von Lehrkräften sehr hoch ist", berichtet Tobias Schütz. "Untersuchungen belegen, dass hier bei rund 10 Prozent Handlungsbedarf besteht, und von den pensionierten Lehrerinnen und Lehrer gaben im Jahr 2002 41 Prozent Dienstunfähigkeit als Grund für ihre Versetzung in den Ruhestand an. Ich denke, das sind beunruhigend hohe Zahlen."

Es gibt also gute Gründe, genauer auf die psychische Gesundheit von Lehrkräften zu schauen. Eine Gruppe von Lehramtsstudierenden unter der Leitung von Dr. Eszter Monigl von der Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz griff sich einen wichtigen Faktor heraus: Sie beleuchtete in einer Reihe von Bachelorarbeiten die sogenannte emotionale Kompetenz von Lehrkräften. Schütz schaute dabei speziell auf die Emotionsregulationsstrategien: Wie gehen Lehrerinnen und Lehrer im Berufsalltag mit ihren Gefühlen um und welche Auswirkungen hat das auf ihr Wohlbefinden, ihre psychische Gesundheit?

Seine zum Teil überraschenden Ergebnisse wird der 24-Jährige beim fünften Tag der Bachelorarbeit Ende Januar 2016 vorstellen. Hier haben Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Bachelor of Education die Gelegenheit, ihre Forschungen als Posterpräsentation einem breiteren Publikum zu vermitteln.

Strategien für die Emotionen

Organisiert wird die Veranstaltung vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK), dem Psychologischem Institut, dem Zentrum für Bildungs- und Hochschulforschung (ZBH) und dem Zentrum für Lehrerbildung (ZfL) der JGU. Prof. Dr. Margarete Imhof, Sprecherin des ZBH und Professorin für Psychologie in den Bildungswissenschaften, schätzt den Tag der Bachelorarbeit als gute Gelegenheit, auf das hohe Niveau der verschiedensten Arbeiten aufmerksam zu machen. Zudem kann sich hier jeder einen Überblick verschaffen, welche Themen in den Bildungswissenschaften aktuell sind.

Der Titel von Schütz' Arbeit mag manch einen Besucher vielleicht abschrecken: "Erhebung von alters- und geschlechtsspezifischen Unterschieden beim Umgang mit den Emotionsregulationsstrategien Neubewertung und Unterdrückung sowie deren Auswirkungen auf das affektive Erleben der Lehrkräfte" steht auf dem Manuskript. Doch im Gespräch wird schnell deutlich, worum es geht.

"Es gibt verschiedene Strategien, um mit Emotionen umzugehen", erläutert Schütz. Zwei sehr unterschiedliche hat er sich für seine Arbeit herausgepickt. Die eine ist die Unterdrückung aufkommender Gefühle in einer bestimmten Situation. Die andere ist die Neubewertung. Schütz verdeutlicht an einem Beispiel, was das jeweils meint: "Vor einem Zahnarzttermin haben viele Menschen erst einmal Angst. Man kann sich aber auch sagen, dass der Termin einem langfristig nutzt und so versuchen, die Situation anders einzuschätzen."

184 Lehrkräfte geben Auskunft

Die Neubewertung gilt als eine Strategie, die sich positiv auf die Gefühlssituation auswirkt. Der Blickwinkel auf eine Situation ändert sich, man kann ihr mit anderen Emotionen begegnen. Die Unterdrückung soll sich negativ auf die affektive Situation auswirken. "Das ist der aktuelle Stand der Forschung."

Schütz und seine Kommilitonen erstellten einen gemeinsamen Fragebogen, den jeder in der Gruppe für seine Arbeit auswerten konnte. "Auf diese Weise haben wir einfach mehr Lehrerinnen und Lehrer erreicht." Letztlich nahmen 231 Lehrkräfte teil, 184 beantworteten die Fragen vollständig. "Das ist eine ganze Menge, darauf sind wir sehr stolz."

Arbeitsbasis waren zwei renommierte amerikanische Fragenkataloge: der Emotion Regulation Questionnaire (ERQ) und der Positive and Negative Affect Schedule (PANAS). "Wir haben sie allerdings modifiziert, denn sie waren nicht speziell auf Lehrkräfte zugeschnitten." Außerdem bauten die Studierenden die Möglichkeit ein, differenzierter zu antworten: Während die Originale abfragten, ob sich jemand fähig fühlt, zum Beispiel eine bestimmte Strategie anzuwenden, wollten es die Mainzer Studierenden genauer wissen.

"Wir fragten nach den Häufigkeiten. Die Befragten sollten angeben, ob etwas selten oder öfter zutrifft. Bei den amerikanischen Fragebögen konnten die Antworten auch theoretischer Natur sein. Jemand konnte antworten: Ja, diese oder jene Strategie beherrsche ich. Wir wollten wissen, ob und wie oft Lehrkräfte die Strategien Neubewertung und Unterdrückung anwenden." Ergänzend schaute er sich an, ob die Lehrkräfte im Unterricht eher positive oder negative Emotionen erleben. Hier konnten sie aus einer ganzen Skala von Gefühlen wie "freudig" und "stolz" oder "verängstigt" und "unsicher" wählen.

Neubewertung und Unterdrückung

"Meine erste These war: Je häufiger Lehrkräfte die Neubewertung anwenden, desto mehr positive Affektivität erfahren sie in der Schule." Das belegte Schütz' Arbeit eindeutig. Für seine zweite These, dass Lehrkräfte, je häufiger sie die Unterdrückung anwenden, auch umso mehr negative Affektivität in der Schule erfahren, fand er jedoch keine Belege.

"Die Forschung sagt, dass der, der seine Emotionen unterdrückt, sich schlechter fühlt. Das scheint bei unseren Befragten nicht der Fall zu sein." Schütz ging im Folgenden einen Schritt weiter: Er verglich, wie es aussieht mit dem Verhältnis zwischen Unterdrückung und Neubewertung. In welchem Mix verwenden Lehrkräfte die beiden Strategien und wie wirkt sich das aus?

"Das war zwar eigentlich nicht geplant, aber ich sah da auf einen spannenden Zusammenhang, den ich ursprünglich nicht beachtet hatte." Unter dem neuen Gesichtspunkt kam er zu dem Ergebnis: "Lehrkräfte, die im Unterricht häufiger unterdrücken als neu bewerten, erleben weniger positive und mehr negative Affektivität." Die Realität scheint also komplexer als angenommen.

Lehrkräfte wollen Weiterbildung

Jenseits davon kann Schütz noch belegen, dass Lehrerinnen häufiger die Strategie der Neubewertung wählen. Das wiederum hatte er vermutet. Aber zu Spekulationen, warum das so ist, lässt er sich nicht hinreißen: "Ich achte darauf, dass ich wirklich nur das sage, was aufgrund der Daten belegbar ist. Das ist mir wichtig."

Überrascht war Schütz, dass er keine Veränderungen der Strategien je nach Altersgruppe feststellen konnte. "Es gibt Theorien, dass Ältere häufiger neu bewerten, jüngere häufiger unterdrücken. Manche sagen auch, im mittleren Alter passiert insgesamt weniger. All das hat sich nicht bestätigt. Auch das finde ich aufschlussreich."

Am Ende stand die Frage, ob Lehrkräfte interessiert sind an einer Weiterbildung im Bereich der emotionalen Kompetenz und ob sie ein solches Training empfehlen würden. "An beidem sind viele sehr interessiert."

Schütz studiert Mathematik, Physik und Chemie auf Lehramt. Die Bachelorarbeit im Bereich der Bildungswissenschaften war für ihn auch methodologisch Neuland. "In den Naturwissenschaften ist alles viel eindeutiger", sagt er. Mitgenommen hat er von diesem Ausflug in eine andere Disziplin vor allem eines: "Man unterschätzt als Lehrperson den Einfluss von Emotionen. Dass ich Strategien wie Neubewertung oder Unterdrückung bewusst anwenden kann, das ist mir vorher nirgends begegnet. Das ist eine wichtige Anregung."