Ein Leben mit Büchern

27. Januar 2016

Beide haben an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) Buchwissenschaft studiert. Doch erst Jahre später sind Jasmin Marschall und Elisabeth Windfelder aufeinandergetroffen. Sie entwickelten ihre Idee von einer eigenen, besonderen Buchhandlung. Das Konzept wurde mehrfach ausgezeichnet und im Juli 2014 öffnete "herr holgersson. lesen & leben" seine Türen.
 

Wo einst ein Scheunentor im Bogen des alten Gemäuers saß, findet sich heute ein heller, weiter Eingang mit viel Glas. "herr holgersson. lesen & leben" liegt mitten im Kern von Gau-Algesheim – und zugleich ein wenig zurückversetzt zwischen den anderen Läden des Marktplatzes. Ein schmaler Innenhof mit Kopfsteinpflaster führt zu der Buchhandlung.

"Das war tatsächlich mal eine Scheune", erzählt Elisabeth Windfelder. Der Besitzer hatte sich 2013 zu einer Kernsanierung entschlossen. "Die Leute waren von Anfang an neugierig, wer wohl einziehen würde", erinnert sich Jasmin Marschall. Die beiden Frauen waren entschlossen, es an diesem Ort zu wagen: Hier sollte ihr Laden öffnen.

"Uns war schon länger klar, dass wir eine eigene Buchhandlung gründen wollen", sagt Windfelder. "Aber dass es dann doch so schnell gehen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Es war eine günstige Gelegenheit, die wir uns einfach nicht entgehen lassen konnten." Alles passte. "Gau-Algesheim ist eine Kleinstadt, die gut funktioniert. Außerdem war dieses Gebäude in seiner Lage ideal für uns. Und wir durften auch noch bei den Details mitreden."

Wohnzimmer, Kinderzimmer, Küche

Als die ersten Gau-Algesheimer im Juli 2014 die Scheune betreten durften, werden sie wohl gestaunt haben, denn dies ist keine Buchhandlung im herkömmlichen Sinn. Zwar stehen überall Bücher, doch der weite Raum mit den Holzbalken unter der Decke und dem dunklen, warm wirkenden Parkett ist gestaltet wie ein Wohnzimmer. Sofas laden zum Verweilen ein, ein elektrisches Klavier lehnt an der Wand und sogar eine Kochinsel ist vorhanden. Nebenan haben Windfelder und Marschall dann noch ein Kinderzimmer eingerichtet: mit rotem Bettchen, bunten Schränken – und natürlich mit Kinder- und Jugendbüchern.

Es ist Betrieb in dem Laden, der viel mehr sein will als eine Buchhandlung. Während die beiden Geschäftsführerinnen erzählen, öffnet sich immer wieder die Glastür. Dann wird das Gespräch kurz unterbrochen, um die Kunden zu bedienen.

"Wir wussten genau, was wir wollen", betont Marschall. "Es war uns zum Beispiel wichtig, dass wir nicht das Wort 'Buchhandlung' im Namen tragen, denn wir sind anders." Der Namenszusatz "lesen & leben" ist der Schlüssel zur Unternehmensphilosophie. "Wir bieten vieles, womit die Leute in einer Buchhandlung nicht rechnen. Wir haben schon Kochabende und Konzerte hier veranstaltet." Anlässlich des neuesten James-Bond-Kinofilms etwa steht ein Filmabend an. Allerdings läuft bei "herr holgersson" der erste Bond "007 jagt Dr. No" aus dem Jahr 1962.

Windfelder und Marschall haben beide an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) studiert, beide Buchwissenschaft. Doch sie studierten aneinander vorbei.

Buchwissenschaft mal zwei

"Ich kam mit der zwölften Klasse am Tag der offenen Tür an die Uni nach Mainz", erzählt Marschall. "Ich wollte irgendetwas mit Literatur studieren und bin dann über die Buchwissenschaft gestolpert. In der Einführungsveranstaltung hieß es: 'Jeder, der Buchwissenschaft studiert, kriegt später einen guten Job'", erinnert sie sich lächelnd.

Das Studium gefiel ihr. "Die meisten, die Buchwissenschaft studieren, wollen später ins Lektorat. Ich wusste, dass ich das nicht wollte." Marschall absolvierte ein Volontariat in einem Verlag, dann begann sie 2008 eine Ausbildung zur Sortimentsbuchhändlerin. Daneben nahm sie einen Lehrauftrag am Institut für Buchwissenschaft an: "Über sechs Semester hinweg bot ich Proseminare an, korrigierte Hausarbeiten … Ich machte alles, was so dazugehört. Das rundete meine Ausbildung ab."

"Mir war nach dem Abi klar: Ich brauche erst mal was Praktisches", sagt Windfelder. Also ging sie in die Buchhändlerausbildung. Erst danach kam die Lust zum Studieren. Aber was sollte es sein? "Literatur war mir zu weit weg vom Marktgeschehen. Ich stieß auf Buchwissenschaft und schaute mir an, was verschiedene Unis da zu bieten hatten. Ich fand, dass Mainz am breitesten aufgestellt war. 2010 begann ich also zu studieren."

2010 war auch das Jahr, in dem sich die Beiden schließlich kennenlernten: Windfelder arbeitete als studentische Aushilfe beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main, Marschall war Referentin für Produktentwicklung und Vertrieb bei mediacampus frankfurt. "Ich hatte Lust, wieder in eine Buchhandlung zu gehen", sagt Windfelder. "Ich wollte mich im Beruf nicht einem Verlag, einem Inhalt verschreiben." Die beiden entwickelten ihre Idee einer außergewöhnlichen Buchhandlung.

Gründerpreise für herr holgersson

"Unser Projekt war durchaus auf Erfolg angelegt. Wir haben alles genau durchgeackert und geplant, damit es funktioniert", berichtet Marschall. "Der Laden sollte kein teures Hobby werden", stellt Windfelder klar. "Wir sind davon überzeugt, dass man auch heute Buchhandel so gestalten kann, dass er sich trägt und zugleich Persönlichkeit widerspiegelt."

Das Konzept vom Wohnraum als Buchhandlung überzeugte: Im November 2013 gewannen die beiden den Gründerpreis des Mainzer Zentrums für Medien und Kommunikation "nordhafen e.V.". Ein Jahr später gab es obendrauf den zweiten Preis des rheinland-pfälzischen Existenzgründerwettbewerbs "Pioniergeist".

Wenn Marschall und Windfelder heute im Bücherwohnzimmer von "herr holgersson" sitzen und von ihren Ideen erzählen, dann scheint die Liste endlos. "Ganz am Anfang haben wir die Leute Formulare ausfüllen lassen und nach ihrem Lieblingsbuch gefragt", erzählt Windfelder. "Dazu haben wir einen Abend gestaltet." Die erfolgreiche Kinderbuchillustratorin Nina Dulleck zeichnete in der Buchhandlung für kleine Gäste. "Sie wohnt in Gau-Algesheim und kommt gern her." Immer wieder sind auch die Kinder der ansässigen Schulen zu Gast, gern in Klassenstärke. Und wenn in Gau-Algesheim die Woche des Buches gefeiert wird, dann ist "herr holgersson" selbstverständlich wichtiger Anlaufpunkt.

"Uns war ziemlich früh klar, dass – wenn es funktionieren soll – wir alle ins Boot holen müssen", resümiert Marschall. Die Gründung in der Kleinstadt war ein Wagnis, das die beiden sehr bewusst in Kauf nahmen. "Wir haben lieber ein paar weniger Kunden, die wir aber persönlich beraten können", meint Windfelder dazu. "Hier gibt es kaum Laufkundschaft. Aber wer zu uns kommt, der kommt auch wieder."