Krank und ohne Papiere

3. Februar 2016

Medinetz Mainz e.V. hilft Migrantinnen und Migranten, denen es in Deutschland an medizinischer Versorgung fehlt. Im Jahr 2006 wurde der Verein von Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gegründet. An die 150 Hilfesuchende kommen jährlich in die Sprechstunden.
 

"Wir arbeiten daran, dass wir überflüssig werden, aber im Moment sieht es nicht so aus, als würde das in absehbarer Zeit passieren", sagt Stella Loock. Es geht darum, eine weit klaffende Lücke im deutschen Gesundheitssystem zu schließen. "Wenn ich Bekannten erzähle, dass es Hunderttausende Menschen bei uns gibt, die keinen Zugang zu einer geregelten Krankenversorgung haben, dann wollen das viele erst gar nicht glauben", erzählt Clara Michel. "Wir sind doch so ein reiches Land."

Loock und Michel gehören zu einem sehr aktiven Kern von rund 30 Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die sich im Verein Medinetz Mainz engagieren. Sie helfen Migrantinnen und Migranten, die nicht weiterwissen. Schwangere Frauen, die keinen Anspruch auf ärztliche Hilfe in Deutschland haben, Flüchtlinge mit schlecht verheilten Schusswunden und Brandnarben, die offiziell nicht behandelt werden müssen, Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen und mit ihren traumatischen Erlebnissen alleingelassen werden, erhalten hier ärztliche Behandlung.

Wöchentliche Sprechstunde

Es ist Montag, 18 Uhr. Medinetz Mainz e.V. lädt zu seiner wöchentlichen Sprechstunde ins Caritas-Zentrum Debrêl in der Mainzer Neustadt ein. Draußen weist ein Schild den Weg in einen Innenhof. Drinnen warten in einem hellen Raum Studierende auf die Hilfesuchenden. "Viele kommen über Mundpropaganda zu uns, manche haben den Tipp von Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern verschiedener Behörden bekommen", berichtet Michel.

Meist sind es Medizinstudierende, die hier helfen, aber auch andere Fächer sind durchaus vertreten. Loock etwa studiert Unternehmenskommunikation, Michel Psychologie. "Wir könnten sehr gut noch Unterstützung aus anderen Fachbereichen brauchen", meint Loock. "Juristinnen und Juristen fehlen uns zum Beispiel noch. Es gibt viele rechtliche Probleme zu klären." Die Medinetz-Mitglieder treffen sich immer nach der Sprechstunde um 20 Uhr im Caritas-Zentrum. "Wer möchte, kann einfach mal reinschauen."

Um an diesem Abend nicht im eigentlichen Sprechzimmer zu stören, führen Michel und Loock ein Stockwerk hinauf. Das Gespräch findet in einem engen Flur statt. Medinetz ist zwar gut organisiert und der Verein kann auf viele Helfer bauen, aber er ist alles andere als üppig ausgestattet.

Im Jahr 2006 wurde Medinetz Mainz e.V. von Studierenden der JGU gegründet. Zuerst ging es darum, Menschen ohne Papiere medizinische Versorgung zu vermitteln. "Gleichzeitig arbeiten wir aber auch von Beginn an auch politisch", sagt Michel. Medinetz verschafft sich Gehör bei verschiedenen Veranstaltungen und kontaktiert Politikerinnen und Politiker.

Politische Forderungen

"Wir fordern unter anderem, dass die ärztliche Schweigepflicht Vorrang vor der Meldepflicht bekommt", erzählt Michel. Menschen ohne Papiere haben theoretisch Anspruch auf medizinische Versorgung. Gehen sie jedoch zu einem Arzt, muss dieser die Behandlung ordnungsgemäß abrechnen. Über diesen Kanal nehmen die Behörden die Spur auf und es kommt in den allermeisten Fällen zur Abschiebung. "Die praktische Folge ist, dass diese Menschen keinen Arzt aufsuchen."

Loock nennt ein anderes Beispiel. "Wer aus neuen EU-Ländern wie Bulgarien oder Rumänien zu uns kommt, um sich eine Existenz aufzubauen, ist meist nicht krankenversichert. Er müsste sich hier privat versichern und das über Monate rückwirkend. Das kostet mehrere Tausend Euro. Wer kann sich so etwas schon leisten?" Das betrifft unter anderem auch schwangere Frauen. "Sie müssten die Entbindung selbst bezahlen. Auch das kostet 2.000 Euro. Und das ist nur die Entbindung selbst, hinzu kommen noch all die Vorsorgeuntersuchungen." Medinetz Mainz fordert hier – wie auch in vielen anders gelagerten Fällen – eine garantierte lückenlose Gesundheitsversorgung.

"Im Wesentlichen kümmern wir uns mit Medinetz um drei Gruppen", erzählt Michel. "Zunächst gibt es Migrantinnen und Migranten ohne Papiere. Es sind oft Asylsuchende, die abgelehnt wurden. Zudem kommen Menschen aus der EU ohne Krankenversicherung und in letzter Zeit immer öfter Asylbewerberinnen und -bewerber."

Traumatische Erlebnisse

Dass die letztgenannte Gruppe zahlenmäßig größer geworden ist, überrascht nicht angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme. Umso erstaunlicher ist, dass diese Menschen nicht routinemäßig versorgt werden.

"Wenn sie Schmerzen oder eine akute Erkrankung haben, dann bekommen sie Hilfe", erklärt Loock. "Wenn es aber um chronische Beschwerden geht, die nicht direkt lebensbedrohlich sind, oder um alte Verletzungen, die nicht richtig ausgeheilt sind, passiert meist nichts. Wir hatten den Fall einer jungen Frau mit einem Loch im Trommelfell. Sie verlor nach und nach ihr Hörvermögen." Schmerzen hatte sie nicht, als akut galt das Leiden auch nicht, sie wurde daher von offizieller Seite zunächst nicht behandelt. Medinetz Mainz e.V. sprang ein und konnte beim Sozialamt erfolgreich Widerspruch einlegen.

Die Gruppe der Flüchtlinge konfrontiert den Verein mit einem Problem, das in dieser Breite bisher nicht dagewesen ist: "Viele Menschen, die aus Syrien oder Afghanistan kommen, leiden unter schweren traumatischen Beschwerden", berichtet Psychologiestudentin Michel. Therapieplätze en masse wären nötig, doch daran ist nicht zu denken.

Grundsätzlich stellt Loock klar: "Wir von Medinetz Mainz e.V. können und dürfen die Menschen, die zu uns kommen, nicht selbst behandeln. Aber wir können eine erste Einschätzung geben, können die Leute dann weiter vermitteln und sie auf ihrem Weg begleiten."

Gut vernetzt

Hier kommt das Netz von Medinetz zum Tragen. Der Verein hat Kontakte zu rund 30 Ärztinnen und Ärzten in der Region aufgebaut, die unbürokratisch helfen. Zu den Unterstützern zählen die Universitätsmedizin Mainz und das Katholische Klinikum Mainz. Auch die Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Frankfurter Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung oder Vereinen wie Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. läuft hervorragend.

Medinetz Mainz knüpft Fäden in viele verschiedene Richtungen. Unter anderem hat der Verein den Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der JGU am Standort Germersheim besucht, um angehende Dolmetscherinnen und Dolmetscher mit ins Boot zu holen. "Denn viele Leute, die herkommen, können kein Deutsch. Sie versuchen sich mit Händen und Füßen verständlich machen", erzählt Loock. "Da hilft ein Anruf bei jemandem, der ihre Sprache spricht."

Medinetz Mainz hilft, wo es möglich ist, auch wenn es um Probleme geht, die nicht immer direkt mit der Gesundheit zu tun haben. Rechtliche Fragen sind zu klären, Einsprüche bei Behörden zu erheben und vieles mehr. Doch im Kern geht es um die Gesundheit. Im äußersten Fall kann der Verein auch mal eine Operation finanzieren. Über Benefizveranstaltungen und Unterstützer wird für derartige Sonderfälle etwas Geld gesammelt.

Der Verein hat bereits viel erreicht. Nur das mit der eigenen Abschaffung wird wohl noch dauern. Jahr für Jahr suchen ungefähr 150 Menschen bei Medinetz Mainz Hilfe. Ein Ende ist nicht in Sicht. "Uns wird es wohl noch länger geben", prognostiziert Michel. Dabei wäre es so schön, wenn der Verein irgendwann überflüssig werden würde.