Kreative, unabhängige Forschung fördern

24. Februar 2016

Seit der Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Jahr 1946 verfolgt Sibylle Kalkhof-Rose mit viel Interesse und Engagement die Entwicklung der Hochschule. Über die Jahrzehnte hinweg hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Forschung und Lehre an der JGU nach Kräften unterstützt. Bis heute bringt sie sich auf vielfältige Weise ein. Dabei liegt ihr vor allem der akademische Nachwuchs am Herzen.
 

Wer Sibylle Kalkhof-Rose besucht, bekommt einen weiten Horizont geboten – und das in mehrfacher Hinsicht. Der Blick aus dem Fenster kann über den Rhein schweifen, über das jenseitige Ufer und darüber hinaus. Kalkhof-Rose hat Kaffee auftischen lassen. Schöne alte Möbel stehen in dem großen Wohnraum. "Ich lebe gern damit und brauche nicht ständig etwas Neues. Auch jungen Leuten gefällt es bei mir", sagt sie lächelnd.

Der Blick der 90-Jährigen ist wach und durchaus auf die Gegenwart gerichtet. Im Jahr 2006 hat sie die Sibylle Kalkhof-Rose-Stiftung ins Leben gerufen, mit der sie Doktorandinnen und Doktoranden aller Fachbereiche der Johannes Gutenberg-Universität Mainz über Stipendien und Sachkostenzuschüsse fördert. Dies ist die Fortsetzung ihres langjährigen Engagements. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem 1988 verstorbenen Unternehmer Walter Kalkhof-Rose, hat sie die Universität schon früh tatkräftig unterstützt.

Fördern als Tradition

"Eigentlich ist Fördern ja nichts Neuzeitliches. In seinen Schriften zu Natur und Wissenschaft schrieb bereits Goethe: 'Fördern ist, worauf im Leben alles ankommt.' Damals waren Universitäten Orte der Begegnung und des Austauschs. Es entstand ein Bildungsbürgertum, das Wissenschaft und Gesellschaft in gegenseitiger Identifikation verband und die Förderung von Forschung und Lehre an den Hochschulen zu einer Verpflichtung machte. Das ist geblieben."

Es ist für Sibylle Kalkhof-Rose keine Großtat, Geld in einer Stiftung anzulegen. "Ein Vermögen verdient man nicht allein, es ist die Arbeit vieler. Davon sollte man etwas zurückgeben. Das ist eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Ich bin keine Wohltäterin, die Dankbarkeit verlangt, überhaupt nicht. Ich habe so viele Menschen unterstützt, dass allein der Rattenschwanz an Dankbarkeit gar nicht zu bewältigen wäre", scherzt sie.

"Manche sehen Stifter als Lückenbüßer, die dort einspringen, wo der Staat eigentlich zuständig wäre. Das ist falsch. Stifter wollen heute in Übereinstimmung mit der Hochschule dort helfend tätig sein, wo sie eine Notwendigkeit sehen. Ich möchte junge Menschen fördern, die kreativ arbeiten und forschen." Zu oft bestimme der wirtschaftliche Nutzen die Forschung. "Die Freude an der Erkenntnissuche ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit. Alles sollte davon bestimmt sein."

Engagierte Jugend

Dankbarkeit für ihre Stiftertätigkeit erwartet sie nicht, das betont Kalhof-Rose immer wieder. Den Kontakt mit dem akademischen Nachwuchs genießt sie. "Die heutige Jugend interessiert sich politisch, aber sie rebelliert nicht. Sie versucht es mit Kooperation. Der Dialog zwischen jungen Menschen und der Gesellschaft ist besser geworden. Im Schnitt sind die Studierenden interessiert, weltoffen und leistungsbewusst. Was mich dabei immer erstaunt: wie gut gerade die Frauen sind. Ich bin keine Feministin, doch diese Frauen sind eine hoffnungsvolle junge Generation. Sie bekommen Kinder und erbringen gleichzeitig in Forschung und Lehre ebenbürtige Leistungen." Die 90-Jährige hält kurz inne. "Ja, ich habe ein ganz positives Bild von der Jugend."

Sibylle Kalkhof-Roses zentrales Anliegen ist es, Anteil zu nehmen und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über eine Stiftung zu fördern. Um dies zu erreichen sind Strukturen an einer Universität nötig, die auch in Mainz noch im Aufbau sind. "Studierende brauchen einen Doktorvater oder eine Doktormutter, die sie kennen, die eine Tür für sie offenhalten. Die Lehrenden müssen mit ihren Studierenden vertraut sein, deren Leistungen einschätzen können und sie gegebenenfalls für ein Stipendium vorschlagen. Das ist eine Erwartung, die bei den vielen Studierenden, die heute zu betreuen sind, leider oft nicht in der vom Mäzen gewünschten Weise erfüllt werden kann."

Hier habe sich in den letzten Jahren einiges zum Besseren gewendet, wie überhaupt das Umfeld für Stiftungen an der JGU immer besser geworden sei. So ist Kalkhof-Rose mit ihrer Stiftung unter den Schirm der 2004 gegründeten Johannes Gutenberg-Universitätsstiftung geschlüpft. "Die Dachstiftung nimmt mir die bürokratische Seite ab. Dort leistet man eine hervorragende Arbeit."

Universität bereichert Mainz

Der JGU ist Sibylle Kalkhof-Rose in jeder Hinsicht verbunden. Sie ist Mitglied des Vereins der Freunde der Universität Mainz e.V. und auch sonst in vielen Gremien vertreten. "Mein Mann und ich waren sehr glücklich, als die Hochschule 1946 ihre Tore öffnete. Es war ein unglaublicher Schritt, dass die Franzosen diese Universität, die Napoleon geschlossen hatte, wiedereröffneten. Mein Mann meinte damals: 'Mainz braucht das.' Tatsächlich hat es die Stadt sehr bereichert."

Es ist Kalkhof-Roses großes Anliegen, dass die Bürgerinnen und Bürger der Stadt und der Region eine Bereicherung in der JGU sehen. Zwar spricht sie von ihrem "kleinen persönlichen Beitrag", doch darin sehen viele ein Beispiel für die große Freude daran, mit Fördermitteln Nachwuchstalenten ein intensives und fruchtbares Forschen zu ermöglichen.

Mit solchen Lorbeeren kann sie selbst allerdings nichts anfangen und schon gar nicht würde sie sich darauf ausruhen. Lieber wünscht sie sich mehr Engagement für die Hochschule. "Bei der Johannes Gutenberg-Universitätsstiftung schauen wir zwar immerhin auf ein Finanzvolumen von insgesamt 6,5 Millionen Euro", räumt sie ein. Das aber sei gar nichts gegen die Fördermittel, über die etwa eine Universität wie Harvard verfüge.

"Es ist nicht so, dass das Engagement der Gesellschaft gering ist", meint sie. "Die Hilfsbereitschaft, die wir jetzt beispielsweise für Flüchtlinge erleben, ist großartig. Das Emotionale spielt einfach eine große Rolle, wenn Sie für die Umwelt oder für Not leidende Menschen spenden. Bei dem Wort Hochschulförderung denken viele, das sei Sache des Staates. Man sieht nicht, welch große Leistungen die Universitäten mit einer zu knappen Zuteilung von Geldmitteln erbringen. Ihre Förderung ist so wichtig", betont Kalkhof-Rose, "denn Forschung und Lehre sind unsere Zukunft, an der sich hoffentlich noch weitere Stifter und Mäzene beteiligen."