Geschichten aus der Universitätsgeschichte

26. Februar 2016

Drei ehemalige Universitätspräsidenten und der amtierende Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben im Mainzer Rathaus einen Blick auf die jüngste Universitätsgeschichte geworfen, die jeder von ihnen ein Stück weit begleitet und auf seine Art mitgestaltet hat. Dabei ging es um Wettbewerb und Bologna, um angepasste Studierende und Universitäten im Aufbruch.
 

Er war gerade mal ein Jahr Präsident der JGU, dann berief ihn der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Rudolf Scharping als Wissenschaftsminister in sein Kabinett. Dennoch sind Prof. Dr. E. Jürgen Zöllners Erinnerungen an die Mainzer Universität höchst lebendig geblieben. "Was damals schon auf die Agenda kam, war das schrittweise Vorbereiten auf eine stärkere Wettbewerbssituation mit anderen Universitäten. Auch war schon absehbar, dass Drittmittel und Ähnliches eine immer größere Rolle spielen würden."

Das waren 1990 und 1991 die wichtigen Entwicklungen. Doch nicht nur davon will Zöllner berichten. Er hat Anekdotisches mitgebracht. "Der Alltag an der Universität war völlig anders als heute." Eines Tages stand er nicht mit dem Dienstwagen, sondern seinem Privatauto an der Campuspforte. "Man wollte mich nicht durchlassen. Ich meinte: 'Ich habe eine Einfahrerlaubnis.'" – "Das sagt jeder", wurde ihm beschieden. "Ich sagte: 'Ich kenne Herrn Allendorf sehr gut.'" Das wer derjenige, der die Einfahrterlaubnis erteilte. "Das sagt auch jeder", kam es prompt zurück. "Meine Pressereferentin hat daraufhin in der Pforte Bilder von mir aufgestellt, damit mir das nicht wieder passiert."

Historisch gewachsener Campus

Im Ratssaal des Mainzer Rathauses haben sich drei ehemalige Präsidenten und der amtierende Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Univ-.-Prof. Dr. Georg Krausch, eingefunden, um über Geschichten aus der Universitätsgeschichte zu erzählen. Dieses Podiumsgespräch ist ein Höhepunkt in der Reihe "35 Jahre Universität im Rathaus. Die Geschichte der Universität seit 1946". Eingeladen haben der Forschungsverbund für Universitätsgeschichte der JGU und die Allgemeine Zeitung, deren Chefredakteur Friedrich Roeingh die Moderation übernimmt.

Zöllner ist voll des Lobes für die JGU. Der Gutenberg-Campus gefällt ihm ausnehmend gut. "Das Schöne daran: Man sieht, dass es ein historisch gewachsener Campus ist." Er habe Mainz noch um einen Spitzenplatz unter den deutschen Universitäten kämpfen sehen. "Heute ist Mainz auf jeden Fall vorn dabei."

Prof. Josef Reiter, JGU-Präsident von 1991 bis 2001, schlägt in seinen Ausführungen einen weiten Bogen: Er schaut auf die ersten Jahre nach der Wiedereröffnung der JGU im Jahr 1946 zurück, auf die bereits von den Franzosen angelegte Weltoffenheit der Mainzer Universität und auf die vielen internationalen Partnerschaften, die sich im Lauf der Jahrzehnte entwickelt haben. "Internationalität heißt Respekt vor dem anderen und nicht, sich selbst aufzuplustern", skizziert er die Rolle der JGU in diesem Prozess.

Dann rückt er die Studentenproteste der 1990er-Jahre in den Fokus, die allerdings vergleichsweise mild ausfielen. Das Philosophicum wurde besetzt. "Ich habe damals keine Polizei geholt, was mir auch Kritik einbrachte." Reiter räumt ein: "Der Umgangston der Studierenden war nicht immer der beste. Aber die Umgangsart war immer unproblematisch. Ich musste die Studenten in dieser Hinsicht beinahe verteidigen."

Herausforderung Bologna

Dann fällt ein Satz, der den ersten kräftigen Applaus des Abends erntet: "Wenn die Jungen schon genauso denken wie die Alten, dann brauchen wir auch keine Universität mehr." Und Reiter führt weiter aus: "Sie brauchen Studenten, die über den Tellerrand blicken, die nicht nur reproduzieren, die fragen: Wie kann es weitergehen?"

Prof. Dr. Jörg Michaelis bekam es als Präsident von 2001 bis 2007 mit der Bologna-Reform zu tun. "Das war eine zentrale Herausforderung. Wir haben natürlich bei den Vorgaben Fehler gemacht, ganz klar. Das ist dann aber schrittweise verbessert worden."

Michaelis blieb immer ein Anhänger von Bologna. "Wir hatten eine Überflutung der Universität mit Bildungswilligen. Also musste das Ziel sein, die Ausbildungszeit zu verkürzen und die große Zahl der Studierenden schneller durchzubringen." Das sei erreicht worden mit den Bachelor- und Masterstudiengängen und den strafferen Regelungen. Der Typus des Studienabbrechers nach vierzehn oder fünfzehn Semestern verschwand. "Ein gewisser Druck brachte vielen schon kurzzeitig die Erkenntnis, dass es vielleicht besser ist, etwas anderes zu machen." Das sei ein wichtiger Fortschritt gewesen: "Wenn man die kreativste Zeit seines Lebens unsinnig an der Uni verbringt, ist das ein Problem."

Brückenschlag in die Stadt

Michaelis trieb insbesondere den Brückenschlag zur Stadt voran. "Ich habe erlebt, dass viele Leute mit der Universität nichts anfangen konnten. Es war die Rede von faulen Studenten und den Professoren im Elfenbeinturm." Also rief Michaelis den Wissenschaftsmarkt im Herzen der Stadt ins Leben, die KinderUni und vieles mehr. "Dass es so gut angekommen ist, liegt auch an der Mainzer Bevölkerung, die sehr offen ist."

Prof. Dr. Georg Krausch treibt diese Entwicklung seit seinem Amtsantritt im Jahr 2007 mit viel Energie weiter voran. Doch nicht nur das: "Es ist wichtig, sich in der Region zu vernetzen." Damit meint er einerseits den Rückhalt in der Stadt, in der er mit einem leisen Schmunzeln drei Konstanten ausmacht: die katholische Kirche, die Fastnacht und den Fußball.

Zudem verweist Krausch in Sachen Vernetzung auf die Mainzer Wissenschaftsallianz e.V., den Schulterschluss verschiedenster Institutionen im Fahrwasser der Auszeichnung von Mainz als Stadt der Wissenschaft 2011. "Ich habe gemerkt, dass man nach innen und nach außen für sich werben muss." Eine Corporate Identity musste geschaffen werden. Das sei gelungen. Beim Festakt zum 70. Geburtstag der JGU habe er eine hervorragende Stimmung gespürt: "Wow, so toll sind wir."

Zeit für große Allianzen

Eine weitere Allianz hat Krausch Ende vorigen Jahres besiegelt, als sich die Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Technische Universität Darmstadt und die JGU zu den Rhein-Main-Universitäten zusammengeschlossen haben. "Wir sind halt nicht München", habe der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurz Beck mal resignierend geseufzt. Krausch setzt dagegen: Wenn man sich die Dichte der wissenschaftlichen Institutionen im Rhein-Main-Gebiet anschaue, könne man da durchaus mithalten.

In der sich darauf entspinnenden Diskussion stimmt besonders Zöllner, einst Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin, zu: "Für die Weiterentwicklung der Universität ist das genau der richtige Weg." Es gebe mit München und Berlin zwei Wissenschaftszentren – und dann sei bereits das Rhein-Main-Gebiet als potenzieller dritter Kandidat dran.

Im Punkt der finanziellen Grundausstattung der Universitäten in Rheinland-Pfalz sind Zöllner und Krausch jedoch uneins. Der amtierende JGU-Präsident verwies nach dem zugegeben beeindruckenden Bauboom auf dem Mainzer Campus auf all die älteren Gebäude mit Sanierungsbedarf. "Das ist inzwischen, das muss ich offen sagen, unser gravierendster Wettbewerbsnachteil." Ironisch griff er Zöllners Äußerung vom Beginn des Abends auf: "Man sieht eben, dass es ein historisch gewachsener Campus ist." Das mag für manche Besucher eine gewisse Nostalgie bergen. Für den amtierenden Präsidenten aber ist es eine Herausforderung – gerade in diesen Zeiten, wo sonst so viele Zeichen auf Aufbruch und Fortschritt stehen.