"Ich bin mein Gehirn"

23. April 2016

Der renommierte Biopsychologe Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Onur Güntürkün ist Inhaber der 17. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur. In seiner Vorlesungsreihe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) im Sommersemester 2016 befasst er sich mit der "Innenansicht des Menschen". An zehn Abenden wird er verschiedenste Aspekte von Psychologie und Gehirn beleuchten. Zur Unterstützung hat er sich prominente Kollegen eingeladen. Unter anderem wird der Neurophysiologe Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolf Singer zu Gast sein.
 

Beinahe hätte Onur Güntürkün sein Studium bereits nach dem ersten Semester hingeschmissen. Er hatte sich an der Ruhr-Universität Bochum für Psychologie eingeschrieben. "Aber er hatte den Eindruck, es geht nicht um das, worum sich Psychologie dreht: das Gehirn", erzählt Prof. Dr. Heiko Luhmann vom Institut für Physiologie der Universitätsmedizin Mainz bei der Vorstellung des neuen Inhabers der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur.

Güntürkün hatte den Kollegen zuvor noch ermahnt: "Eine kurze Einführung ist immer besser als eine lange." Doch Luhmann ist es offensichtlich ein Anliegen, den renommierten Bochumer Biopsychologen etwas ausführlicher und persönlicher vorzustellen. Er zeichnet das Bild eines leidenschaftlichen Wissenschaftlers, der mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde. Er zitiert Menschen aus dem Umfeld Güntürküns: "Er gibt viel, er verlangt aber auch viel. Güntürkün ist ein Chef, um den wir beneidet werden." Und er kündigt an: "Güntürkün wird an unserem Selbstverständnis rütteln."

"Ich bin überwältigt"

Die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur wurde im Jahr 2000 von den Freunden der Universität Mainz e.V. ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, bedeutende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und prominente Persönlichkeiten an die JGU zu holen, die sich zu wichtigen Themen äußern und den neuesten Stand der Forschung allgemein verständlich vermitteln. Hans-Dietrich Genscher sprach auf dem Gutenberg-Campus über "Europa auf dem Weg in eine neue Weltordnung", der Evolutionsbiologe Bert Hölldobler beschwor "Die Soziobiologische Revolution" und der Quantenphysiker Anton Zeilinger fragte: "Was ist Wirklichkeit?" Nun ist Onur Güntürkün als 17. Stiftungsprofessor an der Reihe: Ihm geht es um "Psychologie und Gehirn: Zur Innenansicht des Menschen".

Der größte Hörsaal der JGU platzt beim Antrittsbesuch des Stiftungsprofessors aus allen Nähten. Studierende sitzen auf den Treppenstufen, Neugierige drängen sich vor den Türen. "Ich bin überwältigt", meint Güntürkün. Sprachlos allerdings ist er nicht. Schnell wendet er sich dem ersten Kapitel seiner zehnteiligen Vorlesungsreihe zu: "Die Evolution des Gehirns und die Evolution des Denkens".

"Ich bin der Überzeugung: Ich bin mein Gehirn", sagt Güntürkün. Dieses Gehirn hat eine lange Geschichte, die sich in seinem Innern reflektiert. "Wir sind ein unglaublich ungewöhnliches Gehirn. Wir sind ein Tier mit einer kognitiven Überlegenheit gegenüber allen anderen Spezies, die ungeheuer ist", so der Biopsychologe – und fragt im nächsten Schritt: "Was ist so besonders an unserem Gehirn?"

Pottwal schlägt Mensch

Ist es der Aufbau? "Da unterscheidet sich unser Gehirn nicht von dem anderer Wirbeltiere." Hat das menschliche Gehirn besondere Nervenzellen? Von den Spindelzellen war einst die Rede, die angeblich nur beim Menschen und beim Schimpansen vorkämen. Doch Forscher fanden sie später bei vielen Tieren.

Haben wir das absolut größte Gehirn? "Das Walross kommt uns gefährlich nahe – und der Pottwal? Das ist eine Erniedrigung." Auch die relative Größe kann es also nicht sein. Da lässt die Hausmaus den Menschen weit hinter sich zurück, ganz zu schweigen von der winzigen Spitzmaus.

"Haben wir etwa den größten Encephalisierungsquotienten?" Der EQ gibt an, ob ein Tier mehr Hirn hat, als es eigentlich benötigt. "Wir haben ein siebenmal größeres Hirn, als wir als Säugetiere brauchen. Das ist schön. Die dringende Frage ist: Bedeutet das was? Wenn man sich vom Jubel erholt hat, muss man feststellen: Es bedeutet nichts, es ist eine reine Anpassung an die Umwelt. Der EQ ist bedeutungslos, aber er tut uns gut – deswegen hat man 25 Jahre an den EQ geglaubt."

Überlegenheit nur quantitativ

Vielleicht haben die Menschen ja die meisten Neuronen im Hirn? Es sind immerhin rund 100 Milliarden. "Aber der Afrikanische Elefant hat 257 Milliarden." Nun schaut Güntürkün genauer ins Hirn. "Haben wir vielleicht die meisten Neuronen im Cortex?" Hier wird der Wissenschaftler fündig. Die Großhirnrinde ist üppig mit Neuronen ausgestattet. "Unser Gehirn ist nicht einzigartig, doch es hat eine extrem hohe Zahl an kortikalen Neuronen. Im Kern bedeutet das aber, dass unsere Überlegenheit nur quantitativ ist."

In der Folge galt: Einzig der Cortex ermöglicht höhere kognitive Leistungen und dem Menschen gibt er wahrscheinlich das Sprachvermögen. Güntürkün hält kurz inne, bevor er lächelnd meint: "Ich möchte Sie schon wieder enttäuschen. Ich möchte die Überlegenheit des Cortex infrage stellen."

Vögel haben keinen Cortex, also sind sie nicht zu höherer Kognition fähig. Das war der Stand vor 15 bis 20 Jahren. "Dann kam die Vogelkognitionsrevolution." An ihr ist Güntürkün nicht ganz unschuldig. Sein Team arbeitete mit Elstern. Es übertrug die Experimente des Entwicklungspsychologen Jean Piaget von Kindern auf Krähenvögel. Dabei ging es um die Objektpermanenz, also um die Fähigkeit zu wissen, dass ein Objekt weiterhin existiert, auch wenn es aus der Wahrnehmung verschwindet.

Die Elstern schlugen sich nicht nur hervorragend. "Sie machten sogar dieselben Fehler wie die Kinder. Sie zeigten die exakt gleiche Architektur im Denken – und das bei einem Hirngewicht von zwölf Gramm und ohne Cortex."

Kontrollinstanz im Hirn

Die Erklärung dafür findet sich in einer zentralen Kontrollinstanz für komplexe kognitive Prozesse, über die sowohl Vögel als auch Säugetiere verfügen. Beim Menschen und seinen näheren Verwandten ist es der Präfrontale Cortex, bei den Vögeln der NCL, der in einem ganz anderen Teil des Hirns zu finden ist. Güntürkün spart es sich, die Abkürzung NCL aufzulösen: "Ich will Sie nicht weiter quälen mit lateinischen Begriffen", meint er. "Aber das ist das Tolle: Unabhängig voneinander ist in der Evolution zweimal dasselbe passiert."

Dann stellt Güntürkün die letzte Frage des Abends: "Warum haben die Vögel nicht die Herrschaft über die Erde übernommen?" Es gibt einen Bauplanunterschied zwischen Säugetier- und Vogelhirn. Beim Säugetier übertragen Neuronen in der grauen Hirnsubstanz Signale an andere Neuronen, indem sie sie über eine Datenautobahn schicken: die weiße Hirnsubstanz. Bei Vögeln allerdings ist alles grau. Es gibt keine Autobahn, schnell kommt es zum Stau.

"Es fehlt die weiße Substanz. Das wird zum Problem, wenn das Hirn wächst." Der Tyrannosaurus Rex, der riesige Verwandte der Vögel, hatte 110 Gramm im Hirnkasten. In diesem Bereich scheint die Obergrenze zu liegen. Der Cortex kann also wachsen, das Vogelhirn nicht. Und am Ende steht dann doch wieder dieser eine Satz: Die Masse macht's.