Von der Uni direkt auf die Opernbühne

21. März 2012

Mit der renommierten Mezzosopranistin Claudia Eder kam 1988 frischer Wind in die Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Als Professorin verband die Sängerin auf einzigartige Weise Studium und Praxis. Ihr Konzept hat bis heute großen Erfolg. Inzwischen gibt es viele Nachahmer.

(Foto: privat)Ihr Büro ist klein. Neben zwei Tischen und den obligatorischen Schränken passt nicht viel hinein. "Ich wollte das so", erzählt Prof. Claudia Eder. "Das ist zwar das kleinste, aber auch das schönste Büro im Haus. Die anderen haben nur Fenster nach innen." Der Blick der Leiterin der Abteilung Gesang an der Hochschule für Musik Mainz jedoch gleitet ungestört über den Campus hinaus in die Welt. "Außerdem liegt die Black Box genau gegenüber", ergänzt Eder. Dort proben gerade Studenten für "Barock vokal". "Ich habe den Arbeitsraum direkt vor der Nase."

Lehrerin aus Lust

Damit sind zwei Pole im vielgestaltigen Berufsleben von Claudia Eder abgesteckt: die weite Welt und der Unterricht mit den Studierenden. "Ich bin Lehrerin aus Lust", meint sie entschieden.

Als sie selbst Gesang und Violoncello studierte, fehlte ihr einiges, egal ob in München, Frankfurt oder Mailand. "Niemand kümmerte sich um die Verbindung von Studium und Praxis", erinnert sie sich. Nach dem Abschluss musste man selbst sehen, wie es weitergehen würde in der Welt des Theaters.

Die Mezzosopranistin fand ihren Weg: Neben Engagements am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, am Staatstheater am Gärtnerplatz an der Deutschen Oper in Düsseldorf und der Volksoper Wien führten sie Gastverträge in die großen Metropolen: Sie sang in London und Paris, Barcelona und Madrid, New York, Los Angeles oder Tokio. Unter anderem trat sie bei den Salzburger Festspielen und den Wiener Festwochen auf.

Junges Ensemble fürs Staatstheater

"Als ich in den 1980ern einen ersten Lehrauftrag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bekam, habe ich mich erst mit Händen und Füßen gewehrt. Ich war noch nie so nervös wie vor der ersten Gesangsstunde. Da steht jemand vor mir und macht alles, was ich sage. Es war ein ungeheures Gefühl von Verantwortung." Zwei Jahre gab sie Unterricht. "Dann ging ich nach Wien. Aber seitdem hatte ich immer im Hinterkopf, dass ich Professorin werden wollte." 1988 war es so weit. "Ich sehe das bis zum heutigen Tag mit tiefer Dankbarkeit."

(Foto: Martina Pipprich)In den nächsten Jahren machte sich Eder daran, den Studierenden das zu geben, was ihr damals fehlte. So initiierte sie eine Kooperation mit dem Staatstheater Mainz. "Im 'Jungen Ensemble' bekommen Studierende ab dem vierten, fünften Semester den ganz normalen Theaterablauf mit. Da merken sie, dass es ein Riesenunterschied ist, ob sie von einem Gesangslehrer gelobt werden oder vor einem Publikum auftreten."

Theaterleben ist unendlich hart

Eder ist stolz auf die Zusammenarbeit. So sind seit einigen Jahren die Barockopern mit junger Besetzung ein Riesenerfolg. "Für die Studierenden ist es fantastisch und auch das Theater profitiert davon." Dabei ist ihr klar: "Das Theaterleben ist unendlich hart. Sie müssen von morgens zehn Uhr bis abends zehn Uhr funktionieren." Genau das aber sollen die jungen Frauen und Männer zu spüren bekommen, denn es wird ihr Leben sein. "Und seit 2002 hat noch niemand hingeschmissen, im Gegenteil." Eder zeigt auf eine Fotocollage mit Ex-Schülerinnen und Ex-Schülern: "Sie hier singt an der Wiener Staatsoper, sie in Hannover und er als Countertenor in Köln." Mit dieser Praxisnähe setzte die Hochschule für Musik Mainz Maßstäbe. "Inzwischen gibt es Nachahmer. Ich weiß von Leipzig, von Weimar."

Jenseits davon führte Eder eine Reihe weiterer Neuerungen ein. Sie und ihre Kollegen bieten in der vorlesungsfreien Zeit Kurse, Workshops und Produktionen an. "Als Sänger brauchen Sie tägliches Training. Uns ließ man früher in den Semesterferien allein. Manche suchten sich private Gesangslehrer." In Mainz ist das anders. "Das bedeutet natürlich mehr Arbeit für die Lehrenden und viel Engagement bei den Studierenden."

Barock vokal

Auch das Weiterbildungsangebot "Barock vokal - Kolleg für Alte Musik" geht auf Eders Initiative zurück. Jahr für Jahr holt sie für dieses Projekt und für weitere Vorhaben prominente Mentoren nach Mainz. "Alte Musik ist im Moment sehr gefragt", erzählt sie. Und gerade der Barockgesang gebe den Schülern eine breitere Basis.

"Wir schauen mal, ob wir stören dürfen", meint Eder. Sie führt aus ihrem kleinen Büro den Gang hinüber in die Black Box. Gerade versucht sich ein junger Countertenor an Händel. Ralf Otto, Leiter des Mainzer Bachchors und Professor an der Hochschule für Musik, kommentiert, während ein knappes Dutzend Kommilitonen zuhört.

Die Black Box ist als Studiobühne auf vielseitige Verwendung ausgelegt. Die Ausstattung ist modern, aber keineswegs üppig. 2008 bezog die Hochschule für Musik ihr neues Gebäude auf dem Campus. Eder ist sehr zufrieden damit. "Allerdings könnten wir einen größeren Saal gebrauchen." 220 Gäste fasst der Konzertsaal. Das reicht manchmal nicht angesichts des kräftigen Zulaufs zu den fast täglich angebotenen Konzerten.

Black Box, Übzelle und Orgelsaal

(Foto: Martina Pipprich)Wo sie schon mal auf den Beinen ist, präsentiert Eder noch schnell die "Übzellen". In den kleinen Räumen kann einzeln geprobt werden. Sie wirken ein wenig wie Klosterzellen. "Aber jede hat ein Fenster", verweist die Professorin schmunzelnd auf die Vorzüge. Auch ein Saal mit einer neuen Konzertorgel steht zur Verfügung.

Im Foyer verabschiedet sich die Professorin. Hier illustrieren Bilder der Fotografin Martina Pipprich die Arbeit des "Jungen Ensembles": Szenen aus Händels "Amadigi di Gaula" sind zu sehen, aus Purcells "Dido und Aeneas" oder Scarlattis "La Giuditta". Theater mag schon hart sein, doch diese Bilder sprechen vom Zauber der Musik, einem Zauber, den Eder Jahr für Jahr mit ihren Schülern vom Campus ins Theater bringt, aufs Sprungbrett in die weite Welt.