Übersetzer und Lehrer aus Leidenschaft

11. Mai 2016

Mit Prof. Dr. Hans Peter Hoffmann konnte im vergangenen Jahr ein renommierter Forscher und Übersetzer für den Arbeitsbereich Chinesisch am Germersheimer Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gewonnen werden. Der Sinologe bringt nicht nur frische Ideen mit, sondern auch viele persönliche Erfahrungen mit dem Land China, mit seinen Menschen, seiner Kultur und seiner Literatur.
 

Zu Beginn des Gesprächs liegen drei schmale Bücher auf dem Tisch. Sie wirken unscheinbar, obwohl sie ansprechend gestaltet sind. Ihre blassen, braungrünen Einbände erinnern ein wenig an verwaschene Aquarelle. Beinahe lassen sich Bäume erahnen oder Landschaften, doch das liegt ganz im Auge des Betrachters. Bei näherem Hinsehen löst sich Gegenständliches in abstrakte Strukturen auf.

Prof. Dr. Hans Peter Hoffmann greift nach einem der Büchlein. Es enthält die Erzählung "Der Neujahrssegen“ von Lu Xun. "In älteren Übersetzungen heißt es 'Das Neujahrsopfer', aber das trifft es nicht", sagt der Sinologe. "Das Neujahrsfest als Ganzes ist gemeint. Es ist eine komplexe Festlichkeit. Wenn im Titel von 'Opfer' die Rede ist, dann wird der Text damit von vornherein auf Sozialkritik reduziert, aber er ist vielschichtiger."

Lu Xun frisch übersetzt

Studierende des Arbeitsbereichs Chinesisch am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaften (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Standort Germersheim haben Lu Xuns berühmte Erzählung neu übersetzt. Der Autor gilt als Begründer der modernen chinesischen Literatur. Hoffmann sieht Parallelen zwischen Xuns "Neujahrssegens" und Heinrich Bölls Erzählung "Nicht nur zur Weihnachtszeit".

Lu Xun schwankt zwischen Ironie und Realismus. Er hat ein Textgewebe geschaffen, dem frühere Übersetzer nicht immer gerecht wurden. Durch kleine Entscheidungen kappten sie Bezüge und kaschierten Muster des Originals. Hoffmann zeigt ein paar dieser Ungereimtheiten auf und erläutert die Verbesserungen der vorliegenden Ausgabe. Dabei zeigt sich seine tiefe Leidenschaft für das literarische Übersetzen.

Vor mittlerweile anderthalb Jahren folgte Hoffmann dem Ruf nach Germersheim. Damit erhielt der Arbeitsbereich Chinesisch nach längerer Vakanz wieder einen festen Professor und einen Leiter. "Als ich herkam, gab es gerade mal zwei Studierende", erzählt der Sinologe. Mittlerweile sind es wieder gut ein Dutzend.

"Eine der ersten Fragen der Studierenden war, ob ich wirklich länger bleibe." Hoffmann lächelt: Ja, er will bleiben. "Germersheim ist ein angenehm ruhiger Ort und die Community hier ist großartig. Wir machen zwar nicht alle dasselbe, aber wir verstehen doch sehr gut, was der jeweils andere macht. Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen ist sehr rege und inspirierend."

Von Klischees und Originalen

Hoffmann studierte von 1977 bis 1987 Sinologie und Germanistik in Tübingen, Taipeh und Beijing. In Tübingen promovierte er und habilitierte sich. Seit den 1990er-Jahren machte er sich mit seinen Forschungen zu Fragen der Übersetzungstheorie und -praxis, zur modernen chinesischen Literatur, zum philosophischen Daoismus und als Übersetzer moderner chinesischer Literatur einen Namen. Zudem trat er selbst als Autor hervor. Zuletzt lehrte er fünf Jahre an der Fu-Jen-Universität in Taipeh.

Sein Germersheimer Büro spiegelt die zahlreichen Verbindungen zu China und Taiwan wider. In den Regalen stehen kleine landestypische Gastgeschenke zwischen dicken Wörterbüchern. Daneben reihen sich die Ausgaben seiner zahlreichen Übersetzungen aneinander. Das Gespräch mit dem Sinologen über dieses Übersetzen und seine umfangreiche Kenntnis von chinesischer Literatur und Kultur berühren. Allein schon deswegen, weil er so wunderbar mit all jenen Vorurteilen aufräumt, die im Westen über China im Umlauf sind.

"Ich habe mal nachgeschaut, was bei Wikipedia über die chinesische Kultur steht und ich habe meinen Augen nicht getraut, was da für ein Unsinn zusammengeschrieben wird. Alles dreht sich um Beziehungen, um Gruppenidentität und um Gesichtsverlust. Das wird auch Thema in einem meiner nächsten Seminare sein: Wie können wir dazu beitragen, dass mit solchen Stereotypen und Vorurteilen aufgeräumt wird?"

China gilt Vielen als das Land der anonymen Masse. "Der Chinese ist angeblich uniform, er ist ein Gruppenmensch." Als Gegenbeweis zieht Hoffmann das Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" des Dissidenten Liao Yiwu aus dem Regal. "Es hat unglaublichen Spaß gemacht, das zu übersetzen. Liao Yiwu führt Interviews mit verschiedensten Personen, meist aus Randgruppen der chinesischen Gesellschaft. Es sind Zeitzeugenberichte, aber er hat sie komponiert und in eine sehr literarische Sprache gefasst."

Tour durch die Literatur

Der Leser begegnet einer Prostituierten, die versucht, sich ohne Zuhälter durchzuschlagen, oder einem der letzten Totenrufer, dessen Beruf es ist, in der Fremde Verstorbene auf seinem Rücken in die Heimat zurückzutragen – oder eben jenem Bauern, der sich unversehens zum Kaiser erklärt und von Liao Yiwu entsprechend angesprochen werden will. "So skurrile Originale wie in diesem Buch wird man in Deutschland nur wenige treffen. Es ist schließlich auch bei uns noch nicht so lange her, dass wir uns als Individualisten auf die Schulter klopfen. Denken Sie nur an das Kaiserreich oder das düstere Danach!"

So geht es weiter. Band um Band holt Hoffmann aus dem Regal, um verschiedenste Facetten zu beleuchten: Yang Yang Jishengs "Grabstein – Mùbei: Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958-1962" zum Beispiel. "Es ist ein großartig geschriebenes Buch, sehr kenntnisreich. Leider ging es bei uns etwas unter." Oder Zhang Yihes "Vergangenes vergeht nicht wie Rauch". "Sie erzählt von ihrem Vater, der zu Maos Zeit Führer der Demokratischen Liga war. Es ist in einer Einfachheit geschrieben, die man erst erreicht, wenn man wirklich gut schreiben kann." Oder Murong Xuecuns "Chengdu, vergiss mich heut Nacht", ein Roman über das Luxusleben im urbanen China der Gegenwart.

Am Ende häuft sich chinesische Literatur auf dem Tisch. Hoffmann hält kurz inne. "Ich will keine Werbung für diese Bücher machen", stellt er klar. Tatsächlich ist das völlig überflüssig. Eine tiefe Begeisterung für die Werke, für die Autoren, für das praktische Übersetzen und für die theoretische Auseinandersetzung mit dem Problem des Übersetzens wird sehr deutlich.

Frische Ideen für Germersheim

Hoffmann holt wieder die drei unscheinbaren Büchlein hervor. Es sind die ersten, die in der frisch gegründeten "edition pengkun" erschienen sind. "Mit dieser Reihe bekommen meine Studierenden die Möglichkeit, ein Projekt wirklichkeitsnah durchzuspielen. Sie sind für alles verantwortlich: von der Übersetzung über das Layout bis zur Präsentation im Rahmen einer Lesung."

Hoffmann bringt eine ganze Reihe Ideen mit in seinen neuen Germersheimer Arbeitsbereich. Unter anderem plant er einen Austausch mit China und Taiwan. "Unsere Studierenden kommen zum Masterstudium für gerade mal vier Semester nach Germersheim. Die Aufspaltung ihres Studiums in Bachelor und Master führt leider dazu, dass nicht mehr unbedingt gewährleistet ist, dass sie einen längeren Aufenthalt im Ausland absolvieren. Mit dem Austausch wollen wir ihnen diese Möglichkeit geben – auch außerhalb des Studiums." Hinzukommen werden der Austausch von Forschenden und Lehrenden sowie interdisziplinäre Kooperationen. Auch eine Form des Double Degree ist angedacht.

Der Arbeitsbereich Chinesisch an der JGU ist im Aufbruch. Neben der akademischen Ausbildung in den Bereichen Übersetzungs-, Kultur- und Sprachwissenschaft betont Hoffmann die Bandbreite des Studiums, die von der Fachübersetzung über das literarische Übersetzen bis hin zum noch auszubauenden Dolmetschen reicht. "Das ist ein in Deutschland einmaliges Angebot", sagt Hoffmann, "mit dem wir unseren Studierenden eine möglichst breite Basis für ihr späteres Berufsleben, sei es an der Universität, als freier Übersetzer oder in Wirtschaft und Kultur, mitgeben wollen."