Literatur jenseits von Klischees und Schubladen

19. Mai 2016

Die Jahn-Bibliothek für afrikanische Literaturen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) beherbergt literarische Werke in rund 80 Sprachen. Neben Klassikern der verschiedenen literarischen Traditionen Afrikas umfasst die Sammlung zeitgenössische Literatur international renommierter afrikanischer Autorinnen und Autoren ebenso wie zahlreiche unbekanntere, lokal produzierte Werke. Hier finden sich Übersetzungen, Comics, Literaturverfilmungen, Hörbücher, Sekundärliteratur und vieles mehr.
 

Am Ende liegt der Tisch voller Bücher: Comics finden sich ebenso wie Kriminalromane, Lyrik ruht neben Autobiografischem. Einbände kommen mal bunt, mal blass daher. Feine Romanausgaben mit Lesebändchen liegen neben bescheideneren Heftchen.

Das Büchlein mit einem Theaterstück des Nigerianers Akinwumi Isola gehört zu den eher unscheinbaren Exemplaren. "Isola setzt sich mit der Korruption in seinem Land auseinander", erzählt Dr. Anja Oed, die wissenschaftliche Leiterin der Jahn-Bibliothek auf dem Gutenberg-Campus. Das Stück ist auf Yorùbá verfasst. "Zwar sei es keine Ausnahme, dass afrikanische Autorinnen und Autoren in den Sprachen ihres Kontinents schreiben", berichtet Oed weiter, "aber viele nutzen auch die ehemaligen Kolonialsprachen Englisch und Französisch." Unter anderem geht es ihnen wohl darum, größere Verlage für sich zu gewinnen und ein breiteres, internationales Publikum zu erreichen.

Bestseller aus Afrika

Chimamanda Ngozi Adichie ist genau das gelungen. Sie stammt ebenfalls aus Nigeria, lebt heute aber zeitweise in den USA und schreibt auf Englisch. Ihr großer Roman "Half of a Yellow Sun" ist ein vielfach ausgezeichneter und verfilmter Bestseller. Ebenfalls höchst erfolgreich ist der Kenianer Ngugi wa Thiong'o. Oed legt eine deutsche Ausgabe seines ursprünglich in Gikuyu verfassten Romans "Wizard of the Crow" neben die anderen Bücher: "Herr der Krähen." Eine Elster schmückt den Einband. Es geht um einen fiktiven afrikanischen Staat, um einen korrupten Despoten und um den Missbrauch von Entwicklungshilfegeldern.

"Das sind die Themen, die wir von afrikanischen Autoren erwarten", meint Oed. "Aber gerade die jüngere Generation afrikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller möchte mit solchen Erwartungen oft brechen." Viele wollen eben nicht darüber definiert werden, dass sie spezifisch afrikanische Autoren mit afrikanischen Themen sind, was auch immer das im Einzelfall heißen mag.

Die Jahn-Bibliothek für afrikanische Literaturen des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der JGU gehört zur Bereichsbibliothek Ethnologie und Afrikastudien der Universitätsbibliothek. Mit ihren rund 20.000 Bänden in 80 Sprachen ist sie ein wahrer Schatz.

Janheinz Jahn und die Anfänge der Sammlung

In ihrer Sprachenvielfalt, ihrer historischen Tiefe und Bandbreite an Werken ist die Bibliothek weltweit eine der bedeutendsten Sammlungen afrikanischer Literatur. Oed erzählt, dass die Bücher zwar vor allem gelesen werden, oft aber auch als Objekte interessant und wertvoll sind. So sind Erstausgaben von Werken darunter, die heute als Klassiker gelten, oder Bände, deren Gestaltung viel über den Publikationskontext verrät.

In den 1950er-Jahren begann der Frankfurter Janheinz Jahn damit, sogenannte "neo-afrikanische" Literatur zu sammeln. Er war ein großer Vermittler, Übersetzer, selbst auch Schriftsteller und sah seine Aufgabe darin, den Menschen im Nachkriegsdeutschland klar zu machen, welch reiche Literatur Afrika zu bieten hat.

Oed zieht einen Band aus dem Regal: "Schwarzer Orpheus. Anthologie moderner afrikanischer und afroamerikanischer Poesie". Das Buch ist 1954 bei Hanser erschienen. Jahn stellt darin Lyrik von 82 meist afrikanischen Autorinnen und Autoren vor. "Das Buch ist damals eingeschlagen wie eine Bombe. Wenn Sie in der Generation meiner Großeltern überhaupt etwas zu afrikanischer Literatur finden, dann das hier."

Jahn pflegte den persönlichen Kontakt zu zahlreichen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Afrika, in vielen Fällen auch per Luftpost. Er war ein unermüdlicher Briefeschreiber. "In vielen Bänden unserer Bibliothek finden Sie persönliche Widmungen und Danksagungen an ihn." Nach Jahns Tod im Jahr 1973 wurde die Bibliothek an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz übergeben und wird seitdem ständig erweitert. Es gibt einen kleinen Etat, der sich vor allem aus den Budgets der Professorinnen und Professoren am Institut für Ethnologie und Afrikastudien zusammensetzt.

Benni Kamba alias James Bond

Dr. Anja Oed übernahm 2002 die Leitung der Bibliothek. "Jahn hatte noch die Vorstellung, alles zu sammeln, was es gibt. Das ist bei der Vielfalt und der Menge an Veröffentlichungen heutzutage schlicht unmöglich. Aber ich bemühe mich, einen interessanten Querschnitt zu bieten."

Im Gespräch über die Jahn-Bibliothek geht es ihr auch darum, Klischees zu den so unterschiedlichen afrikanischen Literaturen aus der Welt zu räumen. "Sicher fließen hier und da auch Formen und Inhalte traditioneller mündlicher Überlieferung mit ein", erzählt Oed. "Aber gerade jüngere Autorinnen und Autoren spielen raffiniert mit solchen Elementen oder wenden sich ganz davon ab."

Allerdings bleibt auffällig, dass sich viele mit der gesellschaftlichen Situation ihres Landes befassen, egal über welches Genre dies geschieht. Oed zieht einen Thriller mit recht marktschreierisch aufgemachtem Einband aus dem Regal. Ein grimmig dreinschauender Typ mit Pistole hält eine Schutz suchende Schöne im Arm. "Benni Kamba 009 – Operation DXT" steht auf dem Einband, Autor ist der Kenianer David G. Maillu. "Er hat eine Art afrikanischen James Bond geschaffen. In diesem Fall geht es um einen Konzern, der eine tödliche Chemikalie produziert."

Was ist afrikanische Literatur?

So könnte es lange weiter gehen: Wie wäre es mit einer autobiografisch gefärbten Comic-Erzählung des Kongolesen Alain Mabanckou, mit Sefi Attas Roman "It's My Turn!" über die nigerianische Drogenszene oder mit afrikanisch gefärbter Fantasy von Nedi Okorafor? Letztere lebt in New York, unterrichtet in Buffalo als Professorin kreatives Schreiben und hat für ihr "Book of Phoenix" bedeutende Auszeichnungen erhalten.

"Was ist überhaupt afrikanische Literatur?", fragt Oed und antwortet mit einer weiteren Frage, die sich problemlos fortschreiben lässt: "Produziert eine Autorin, die während des Studiums ihrer nigerianischen Eltern in den USA geboren wurde, dort auswuchs und studiert hat, afrikanische Literatur?" Oder wie ist es mit einem gebürtigen Afrikaner, dessen Romane nicht in Afrika spielen? "Gerade jüngere Autorinnen und Autoren äußern gelegentlich Unmut, wenn sie ausschließlich als afrikanisch wahrgenommen werden. Ihnen wäre es lieber, man würde sie einfach als Schriftsteller sehen."

Afrikanische Literatur ist bunt. In ihrer Vielfalt verweigert sie sich allen Klischees, enge Schubladen können sie nicht fassen. Wer die Jahn-Bibliothek besucht und womöglich mit Dr. Anja Oed ins Gespräch kommt, begreift das schnell. Die Sammlung bietet Erstaunliches, Unerwartetes, Skurriles. Sie bietet all das, was lebendige Literatur ausmacht – in Afrika wie anderswo auf der Welt.