Bilder einer unbekannten Universität

6. März 2012

Hinter dem Namen "campus digital" stecken fünf versierte Hobbyfotografen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, möglichst viele Facetten der Universität aufs Bild zu bannen. Alle sechs Monate zeigt die Gruppe eine neue Ausstellung. Gerade hat sie ihre Schau "labore" eröffnet.
 

Jahrzehntealte Spritzen liegen locker gereiht auf hellem Grund. Ihre Glaskörper funkeln, Stahlnadeln drohen dunkel. Die umgestülpten Finger eines Schutzhandschuhs strecken sich dem Betrachter entgegen. Eben noch schmiegten sie sich um die Hand eines Forschers, nun gähnen fünf leere Gummikrater. Das Labor hat schon bessere Tage gesehen. Die weißen Kacheln schimmern matt, kaltes Licht enthüllt Abnutzungserscheinungen an Möbeln und Gerät. Von der Wand blättert Farbe.

"Wir machen so viele Fotos für uns privat, die verschwinden dann aber doch irgendwann ungesehen auf der Festplatte", erzählt Rosita Reindel. Sie arbeitet als Bautechnikerin für die Abteilung Immobilien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Mit ihrer Kollegin Ruth Adam aus der Abteilung Technik verbindet sie eine Leidenschaft: das Fotografieren.

Tulpen im Weichzeichner

Im Februar 2007 schauten sich die beiden Frauen ihre digitale Ausbeute an und kamen auf eine Idee: "Wir sollten mal eine Ausstellung machen." Jürgen Dietrich, ebenfalls aus der Abteilung Technik, stieß noch hinzu - damit war die Gruppe "campus digital" geboren.

"Weißt du noch?", spricht Reindel den Kollegen an. "Du hast ein Bild mit vielen kleinen Tulpen gemacht, mit Weichzeichner verfremdet, so eine Art Hamilton-Effekt." Nein, daran erinnert sich Dietrich nicht, wohl aber an die Erkenntnis: "Damals haben wir erst so richtig entdeckt, was jeder von uns kann."

Februar 2012: Im Technischen Betriebszentrum der Uni eröffnet "campus digital" seine neue Ausstellung "labore". Volker Faust von der Abteilung Technik stieß als Vierter zur Gruppe. Zur Vernissage erinnert er sich: "Wir haben uns gesagt: Fotos hat jeder, was soll's. Aber wir arbeiten alle an der Uni, warum machen wir keine Bilder von unserem Arbeitsplatz?"

Riesenröhren unterm Campus

Von da an war kaum eine Ecke des Campus mehr sicher vor "campus digital". Die Gruppe fotografierte riesige unterirdische Röhren und Tunnels, sie stellte Menschen ins Rampenlicht, die sonst eher im Verborgenen arbeiten, oder durchforschte ein altes Heizkraftwerk. Ausstellungen wie "kunst am bau", "anlagen" oder "mitarbeiter im hintergrund" entstanden. "Es ist toll, dass wir überall die Tür aufgemacht bekommen", meint Adam, "das ist nicht selbstverständlich."

Eines ihrer Bilder zeigt ein Glas mit grellblauer Flüssigkeit, in dem sich ein Wirbel abzeichnet. Die gelernte Grafikerin legt Wert auf Details. "Sie stand eine halbe Stunde um dieses Glas herum, um genau das richtige Motiv zu bekommen", erzählt Reindel. Dietrich hingegen arbeitet ganz anders: "Ich fotografiere quasi im Vorbeigehen." Danach beginnt die lange Arbeit am PC. "Ich bearbeite meine Bilder nicht so gern", meint dagegen Jürgen Hofmann aus der Abteilung Immobilien. Er stieß zuletzt zu "campus digital".

Jeder Fotograf hat seine Eigenheiten

"Wir haben gelernt, dass jeder die Eigenheiten des anderen gelten lässt", sagt Reindel. Die Fotografen sehen sich zwar häufig und ihre Ausstellungen zeugen von hohem Engagement, doch eine feste Struktur wollten sich die fünf nie geben. Alles geschieht informell, ohne Vereinskorsett. "Wir üben schon Kritik aneinander", erzählt Faust von ihren Treffen, "aber die ist regelrecht befruchtend. Wir haben ungeheuer viel gelernt in den letzten fünf Jahren."

Die offene Struktur der Gruppe spiegelt die Ausstellung "labore" in vielfacher Hinsicht. Augenzwinkernd aufgenommene Details wechseln mit eher dokumentarischen Bildern. Raffinierte Winkel verfremden Bekanntes, Facetten des Unilebens, die womöglich bald unrettbar verloren sind, scheinen auf. Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Ulrich Förstermann ist zur Eröffnung gekommen und konstatiert: "Dies Gruppe fotografierender Laien hat längst professionelle Züge angenommen."

Zweiter Platz beim JGU-Ideenwettbewerb

Ähnlich dachte wohl auch die Jury, die "campus digital" den zweiten Platz beim JGU-Ideenwettbewerb zuerkannte. Die Universität hatte eingeladen, das Motto ihres Zukunftskonzepts "The Gutenberg Spirit: Moving Minds - Crossing Boundaries" auf originelle Weise umzusetzen. Die Fotografen von "campus digital" reichten nicht nur eigene Fotos ein, sondern regte an, Bilddokumente verschiedenster Couleur zu bündeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

"Der Preis hat uns sehr bestärkt", sagt Hofmann. Das Geld wird in die Arbeit von "campus digital" fließen, neue Pläne hat die Gruppe längst. "Unser nächstes Projekt heißt 'untergrund'", verrät Reindel schon mal.

Nächste Station Untergrund

Aber jetzt sind erst mal ein halbes Jahr die "labore" zu sehen: Der orangefarbene Mülleimer, der bis zum Rand mit alten Reagenzgläsern gefüllt ist, das hochmoderne Mikroskop aus dem Institut für Molekulare Biologie, das noch in jungfräulichem Weiß erstrahlt. Und dieser blaue Regenschirm, der zum Trocknen unter einem Belüftungsschacht hängt.