Vom Unterschied der Geschlechter

18. Juni 2016

Ist er riesig groß oder winzig klein? Ist er biologisch bedingt oder kulturell? Der Unterschied zwischen Frau und Mann treibt nicht nur Comedians oder die Verfasser diverser populärwissenschaftlicher Werke um, auch Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Onur Güntürkün, Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2016, widmet diesem Thema einen Abend seiner Vorlesungsreihe "Psychologie und Gehirn: Zur Innenansicht des Menschen" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

"Das ist jetzt für mich die schwierigste Veranstaltung", kündigt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Onur Güntürkün seinem Publikum im größten Hörsaal der JGU an. "Man kann eigentlich bei dem Thema nur verlieren, trotzdem will ich mich dem stellen." Im Zuge seiner Vorlesungsreihe "Psychologie und Gehirn: Zur Innenansicht des Menschen" wendet sich der diesjährige Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessor in seinem Vortrag "Gehirn und Geschlecht" den Unterschieden zwischen Mann und Frau zu.

"Es war für uns Menschen über Jahrtausende ganz selbstverständlich, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind und dass es gewollt ist – gottgewollt. Es wäre närrisch gewesen, dass zu bezweifeln." Erst im letzten Jahrhundert hat sich diese Ansicht drastisch geändert.

Kultur oder Biologie?

Hinzu kam die Diskussion, wo der Mensch steht, was ihn prägt. "Der Mensch ist ein besonderes Tier am Schnittpunkt zwischen Kulturevolution und biologischer Evolution." In der Einschätzung der beiden Faktoren allerdings stellt der Biopsychologe Güntürkün ein Ungleichgewicht fest: Niemand bezweifele, dass kulturelle Faktoren den Menschen prägen. Zweifel allerdings, dass biologische Faktoren Einfluss haben, seien an der Tagesordnung. "Die Wissenschaft ist gefragt, Klarheit zu schaffen. Ich möchte das mit aller Vorsicht und Bestimmtheit angehen."

Güntürkün konstatiert: "Wir haben eine extreme Überbetonung von Geschlechtsunterschieden." Populärwissenschaftliche Bücher erzählen, dass Frauen von der Venus, Männer vom Mars kommen. Einparkvermögen oder Konsumverhalten scheinen sie zu völlig unterschiedlichen Spezies zu machen – und Comedians walzen das genüsslich aus.

"Das löst den Reflex aus, dass viele Kolleginnen und Kollegen sagen: Da ist nichts dran." Als Beispiel führt Güntürkün das Buch "Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben" an. "Ich habe nachgefragt: Habt ihr denn erforscht, ob Frauen tatsächlich schlechter einparken?" Sie hatten es nicht. "Es ist falsch zu sagen, dass alles falsch ist", kommentiert Güntürkün. Ihm ist das zu simpel.

"Wohlan, beginnen wir. Die Fakten!" Angeblich reden Frauen mehr als Männer. Das wird immer wieder kolportiert. "Da ist nichts dran. Es gibt keinen Unterschied in der Menge, auch im Wortschatz nicht." Sind Frauen in der Mathematik besser? Es scheint immerhin, dass Männer es etwas leichter in Sachen Geometrie haben. In der Wahrnehmungsgeschwindigkeit wiederum haben Frauen die Nase vorn, auch in diversen Feldern, die die Sprache betreffen. "Wenn es aber darum geht, Texte zu verstehen, sind die Unterschiede nicht signifikant."

Unterschiede des Gehirns

Bei einem speziellen Test schneiden Männer besser ab: beim mentalen Rotationstest. Eine Figur wird gezeigt und dazu eine Auswahl von weiteren Figuren, von denen eine oder mehrere identisch mit der ersten sind, nur wurden sie eben im Raum gedreht. Oder anders formuliert: Sie sind aus einem anderen Blickwinkel dargestellt. Güntürkün hält fest: "Insgesamt sind die Unterschiede außer in wenigen Bereichen nicht stark oder gar nicht vorhanden."

Im Gehirn allerdings gibt es große Unterschiede. Der Hippocampus etwa, das Zentrum zur Gedächtnisbildung, ist bei Frauen größer. Die Amygdala, das entscheidende Areal für Gefühle wie Angst, ist wiederum beim Mann größer. "Männer haben auch einen um etwa zehn Prozent größeren Cortex mit zehn Prozent mehr Nervenzellen." Dies ermögliche mehr Faktenwissen, ohne allerdings zu mehr Intelligenz zu führen. Ansonsten aber stehen den großen neuroanatomischen Unterschieden keine großen kognitiven Differenzen zwischen Mann und Frau gegenüber. "Ich bin überzeugt, dass es Unterschiede gibt, dass sie nur nicht so offensichtlich sind", sagt Güntürkün.

Klar ist: Hormone spielen eine große Rolle. Sie sind verantwortlich für die Entwicklung der unterschiedlichen Geschlechter und für vieles mehr. Da lag es für den Biopsychologen nahe, sich den Zyklus der Frau anzuschauen, das Auf und Ab der Hormone. Tatsächlich stellte er fest, dass Frauen den mentalen Rotationstest je nach Zyklusphase mal besser, mal schlechter bestehen. Und Männer, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, werden schlechter im Rotationstest, Frauen auf dem umgekehrten Weg besser.

Kochtopf oder Auto?

Unterschiede gibt es also – und um dem Argument vorzubeugen, dass all dies irgendwie doch kulturell beeinflusst wird, präsentiert Güntürkün ein Experiment mit Primaten, mit Grünen Meerkatzen. Jungen Meerkatzen wurde Spielzeug angeboten: Kochtöpfe, Puppen, Bilderbücher, Stofftiere, Polizeiautos und Fußbälle.

Die Weibchen spielten eher mit Puppen und Kochtöpfen. "Warum Kochtöpfe? Zwar haben Meerkatzenmädchen keine Ahnung von Einbauküchen, aber sie sammelten darin Gegenstände. Wir alle sammeln gern, aber Mädchen ein bisschen lieber." Stofftiere kamen bei Weibchen und Männchen gleich gut an, Bilderbücher gleich schlecht. Bälle und Polizeiautos wurden von den Meerkatzenmännchen bevorzugt. "Sie haben sicher kein Konzept von Polizei, aber sie bevorzugen Spielzeug, das bewegtes Spielen induziert, das man gut wegschnappen kann, um sich dann darum zu prügeln."

Für Güntürkün ist damit klar: "Wir haben eine lange evolutionäre Geschichte im geschlechtsspezifischen Spiel. Alles am Menschen ist Kultur und Biologie, aber es ist eben nicht nur Kultur."

Der Stiftungsprofessor holt tief Luft. "Jetzt kommt das Gefährlichste: das Parken! Ich habe mich entschlossen, ein Experiment zu machen, obwohl meine Kolleginnen und Kollegen meinten: 'Bist du verrückt? Das ist dein Ende.' Ich habe gesagt: 'Leute, ich habe eine Lebensstelle.'" Als er sich nach vier Schrottwagen für den Aufbau des Experiments erkundigte, bezifferte der Händler die Kosten auf 1.000 Euro. "Es fragte mich, wofür ich sie brauche. Als ich es ihm sagte, zerriss er unseren Vertrag und meinte: 'Ich geb' sie dir umsonst.'"

Das Einpark-Experiment

Güntürkün prüfte Fahranfängerinnen und Fahranfänger. Mehrere Parksituationen wurden durchgespielt. Am Ende stand ein eindeutiges Ergebnis: "Männer parken 35 Prozent schneller ein." Aber könnte es sein, dass Frauen dafür präziser einparken? "Nein, sie parkten auch schlechter. Frauen brauchen länger, um schlechter zu parken."

Im Laufe ihrer Fahrkarriere verbessern sich beide Geschlechter parallel zueinander, der Abstand aber bleibt gleich. Beim ersten Lernen spielt laut Güntürkün ein Mechanismus ähnlich wie beim Rotationstest eine Rolle. Doch später dürfte das nicht mehr ins Gewicht fallen, Frauen müssten aufholen. "Aber eine Frau erlebt sich selbst als schlechter beim Einparken als Männer." Das wird bei den Fahranfängerinnen erstmal bestätigt, das Gefühl verstärkt sich und wirkt sich rückkoppelnd auf die Parkqualität aus. "So wird aus einem biologischen ein psychologischer Faktor. Biologische Faktoren können psychologisch persistieren, aber wir können sie auch psychologisch verändern."

Am Ende bleiben die kleinen Unterschiede – und die Diskussion um kulturelle und biologische Faktoren. Güntürkün meint dazu in seinem Schlusswort: "Ich bin überzeugt, dass ich als Mann zu 99 Prozent ein Produkt meiner Kultur und zu 99 Prozent ein Produkt meiner Biologie bin."