Geradlinige Karrieren sind die Ausnahme

20. Juli 2016

Das Christine de Pizan-Mentoring-Programm des Büros für Frauenförderung und Gleichstellung unterstützt Nachwuchswissenschaftlerinnen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) auf ihrem Weg in die Professur oder in andere leitende Positionen – ob innerhalb der Hochschule oder an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Es ermöglicht den Austausch mit erfahrenen Mentorinnen und Mentoren, bietet ein vielfältiges Programm als Begleitung auf dem Karriereweg und fördert die Netzwerkbildung.
 

Wohin soll es gehen nach der Promotion? Habe ich eine Chance, an der Universität zu bleiben – und wenn ja: Was für eine Art von Stelle wird das dann sein? Oder ist der Schuldienst doch mein Plan B? Eine endgültige Antwort auf diese Fragen hat Vanessa Schlüter noch nicht gefunden. Sie hat den Trinationalen Studiengang Mainz-Dijon-Bologna in den Fächern Italienisch, Französisch, Geschichte und Bildungswissenschaften absolviert, das erste Staatsexamen abgelegt. Im Moment arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Romanischen Seminar der JGU. Ihre Dissertation möchte sie in absehbarer Zeit fertigstellen. Was dann?

Prof. Dr. Sylvia Thiele stand im Lauf ihrer Karriere an einem ähnlichen Punkt. Sie hatte Französisch, Italienisch, Spanisch und Kunstgeschichte auf Lehramt studiert, danach promovierte sie in romanischer Sprachwissenschaft. "Ich bin dann erst mal an die Schule gegangen", erzählt sie. Nach einigen Jahren bekam sie eine unbefristete Ratsstelle an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. "Münster hat mir vielfältige Möglichkeiten eröffnet, unter anderem mich für eine fachdidaktische Hochschulkarriere gut aufzustellen. Ich dachte deshalb: Das kann noch nicht das Ende sein." Dann erging der Ruf auf die Professur für Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Ich habe erfahren, dass geradlinige Wege die Ausnahme sind", sagt Thiele. "Man sollte immer einen Plan B haben."

Austausch auf Augenhöhe

Kennengelernt haben sich die beiden Frauen im Zuge des Christine de Pizan-Mentoring-Programms des Büros für Frauenförderung und Gleichstellung der JGU. Dieses Programm begleitet Promovendinnen, Postdocs und Habilitandinnen der Geistes- und Sozialwissenschaften, der Kunst und der Musik in ihrem Karriereprozess. Schlüter nahm bereits im Jahr 2014 daran teil. Zuerst machte sie sich auf die Suche nach einer passenden Mentorin – und fand Thiele.

"Unsere Mentees überlegen selbst, wen sie als Mentorin oder Mentor haben möchten", erzählt Monika Stegmann, Koordinatorin des Pizan-Projekts. "Sie entscheiden auch, welche Fragestellungen ihnen wichtig sind. Sie gestalten ihre persönliche Förderbeziehung, die dann über ein Jahr hinweg besteht." Wichtig ist, dass beide nicht direkt beruflich miteinander zu tun haben. Das Tandem Schlüter und Thiele ist da schon ungewöhnlich, weil beide am Romanischen Seminar der JGU tätig sind. "Meist liegen Mentorin und Mentee auch räumlich weiter auseinander", meint Stegmann. "Denn sie sollen sich ungeachtet der akademischen Hierarchien auf Augenhöhe begegnen."

Das tun die beiden buchstäblich: Für ein gemeinsames Gespräch ist Schlüter in Thieles Büro zu Besuch. Von ihrem eigenen Arbeitsplatz sind das nur wenige Meter. Hier erzählen sie von ihrem Jahr im Pizan-Mentoring-Programm.

Karriere und Privatleben

Schlüter wollte seinerzeit wissen, wie sich Karriere und Privatleben vereinbaren lassen. Thiele hatte keine wohlfeilen Antworten parat, sie erzählte von sich: "Als der Ruf nach Mainz kam, stellte sich die Frage, ob die Familie mitzieht. Mein Sohn war in der neunten Klasse. Sollte er wirklich die Schule wechseln?" Die Stelle an der JGU reizte Thiele ungeheuer. "Es gab zum Wintersemester 2013/2014 bundesweit vielleicht gerade mal acht Stellen für Didaktik in der Romanistik mit breit ausgewiesener Italianistik." Sie ging nach Mainz, die Familie blieb. "Mit dem Wochenendpendeln ist es schwierig im Normalfall. Bei uns funktioniert es aber gut."

"Aus dem Mentoring-Programm nehme ich vor allem die Erkenntnis mit, dass alles völlig vom Individualfall abhängt", sagt Schlüter. "Mit einer Ratsstelle im Nacken konnte ich zwei Kinder bekommen", ergänzt Thiele. "Aber wie sieht das bei einer befristeten Stelle aus? Solche Stellen sind schließlich die Regel."

Beide sehen, dass sich in den letzten Jahren die Einstellung zu Karriere und Privatleben verändert hat. "Die Problematik ist viel präsenter im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs, auch aus Sicht männlicher Kollegen", sagt Schlüter. "Und es wird versucht, diese Entscheidung so absolut nicht mehr aufkommen zu lassen." Von ihrer Mentorin hat sie erfahren, wann was passiert ist in Thieles Leben, wo die wichtigen Entscheidungen zu treffen waren, wo die Weichen lagen, die zu Plan A oder B führten. "Das hat mir viel gebracht."

Individuelle Lösungen

Darüber hinaus bekam sie einen tiefen Einblick in den Alltag Thieles, die auch davon erzählte, was sie seinerzeit hätte besser machen können. "Netzwerken war in meiner Promotionszeit gar nicht meine Sache, da hätte ich mehr tun müssen", räumt Thiele ein – und: "Ich hatte ein Stipendium in einem Graduiertenforschungsprogramm. Aber das tauchte in meinem Lebenslauf nicht auf, bis mir jemand sagte: Mensch, das muss rein, andere geben jede Kleinigkeit an."

"Sie werden von jedem unserer Tandems etwas anderes hören", erzählt Stegmann. "Jedes ist auf seine Art ungewöhnlich und auf den Mentee zugeschnitten." Auch hier spiegelt sich die Notwendigkeit der jeweils individuellen Lösung.

Die Tandems sind nur eine von drei Säulen des Pizan-Mentorings. Die Mentees durchlaufen zudem ein Workshop- und Coachingprogramm, in dessen Mittelpunkt eine ausführliche Prozessbegleitung steht. "Wir klären zu Beginn, wie die Förderbeziehung zur Mentorin oder zum Mentor aussehen soll, was sie leisten kann und was nicht. In einer Zwischenbilanz lassen wir Revue passieren, was gut gelaufen ist oder wo der Prozess in eine andere Richtung gehen sollte. Am Schluss steht dann ein Workshop, in dem wir Bilanz ziehen und die Beziehung formal abschließen."

Fallstricke des Uni-Alltags

Die Mentees können außerdem aus einer ganzen Reihe weiterer Angebote wählen. Wie nach einem Baukastensystem können sie schauen, welche Aspekte sie vertiefen wollen, auf was sie jenseits der Kerninhalte wie Bewerbungstraining und Gesprächstaktiken noch Wert legen.

Die dritte Säule stärkt den Kontakt der Teilnehmerinnen untereinander. Netzwerken ist nur allzu oft eine Schwachstelle, hier kann es beginnen. Im aktuellen Jahrgang sind es 17 Mentees, die sich austauschen. "Wir schauen schon bei der Bewerbung, ob sie als Gruppe zusammenpassen", betont Stegmann. Ein Stammtisch, Ausflüge, Gespräche und Themennachmittage geben viel Gelegenheit zum engeren Kontakt.

Auch bei Vanessa Schlüter und Prof. Dr. Sylvia Thiele mag die formale Mentee-Mentorin-Beziehung beendet sein, aber das Gespräch läuft weiter. "Ich schaue öfter mal rein", sagt Schlüter. "Es ist eine nette Nachbarschaft. Wir tauschen uns ab und zu über private Dinge aus – und über mögliche Fallstricke im Universitätsalltag, die einem immer mal wieder unterkommen können."