Ganz nah dran an der Spitzenmedizin

6. Juli 2016

Beinahe 20 Jahre ist es her, dass die Universitätsmedizin Mainz das letzte Mal zum Tag der offenen Tür eingeladen hat. Am vergangenen Samstag war es nun endlich wieder so weit. Rund 60 Fachkliniken, Institute und Abteilungen präsentierten sich einem breiten Publikum. Unter dem Motto "Wir gestalten Spitzenmedizin" boten sie einen Blick hinter die Kulissen in Operationssälen und Laboren, in Lehre und Ausbildung.
 

Überall wuseln sie herum, ob am großen Zelt, in den Kliniken, an den Infoständen oder in den Windungen des riesigen rosa Darmmodells: Kinder mit eingegipstem Arm. Es wirkt wie eine absurde Epidemie. Manch eine Familie hat gleich zwei oder drei kleine Patienten im Schlepptau, die alle fröhlich ihren frischen Gips schwingen.

Die Suche nach dem Krankheitsherd führt in die Kinderchirurgie. Hier werden Arme am Fließband verarztet. Jedes Kind darf sich eingipsen lassen. "Spürst du, wie der Gips warm wird, wenn er trocknet?", fragt eine Ärztin im weißen Kittel. Emma nickt sehr ernst. Sie spürt es. Dann hält die Vierjährige den anderen Arm hin. "Den auch noch." Das ist wahrscheinlich der einzige Wunsch, der ihr an diesem Tag nicht erfüllt wird. Dafür darf sie mit einem Endoskop Gummibärchen aus der Bauchhöhle der berühmten Maus aus der "Sendung mit der Maus" herausholen – und das ist gar nicht so einfach mit einem eingegipsten Arm.

70 Jahre Universität

Nach langer Zeit lädt die Universitätsmedizin Mainz wieder zu einem Tag der offenen Tür auf ihr Klinikgelände ein. Anlass für diese außergewöhnliche Aktion unter dem Motto "Wir gestalten Spitzenmedizin" ist einerseits das Jubiläum der Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) vor 70 Jahren, andererseits hat die Mainzer Wissenschaftsallianz das Themenjahr "Mensch und Medizin" ausgerufen. Da ist es naheliegend, den Kontakt zwischen der interessierten Bevölkerung und der Mainzer Universitätsmedizin als einziger medizinischer Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz zu intensivieren.

Nun also können sich Tausende Besucher einmal jenseits aller Leiden und Notfälle der Universitätsmedizin nähern. Die kleinen Gäste gehen auf Tuchfühlung und verlieren schnell ihre Scheu, die Großen können sich rundum über neue Behandlungsmethoden und Fortschritte in der medizinischen Forschung informieren. Nebenher läuft der reguläre Klinikalltag weiter. Das ist eine der Herausforderungen für die Organisatoren.

Im Jahr 1914 platzte die Stadt Mainz aus allen Nähten. "Innerhalb von 20 Jahren hatte sich die Bevölkerung fast verdoppelt", erzählt der Architekt Dr. Dimitri Haidas von der Stabsstelle Bauplanung. Eine neue Klinik musste her. Sie entstand oberhalb der Stadt, teilweise auf dem Gelände eines alten Römerlagers. Der Entwurf sah zunächst 1.000 Betten vor, doch bald schon waren es 1.500. "Das ist die Größenordnung an Betten, die wir auch heute noch haben."

48 Seiten Programm

Vieles hat sich seitdem verändert. Davon erzählt Haidas in seinem Kurzvortrag zum Thema "100 Jahre Krankenhausbau". Vor allem eines wird deutlich, wenn er von den umfassenden Planungen und den spektakulären Neubauten erzählt: Eine Klinik ist nicht irgendwann fertig, sie muss sich ständig weiterentwickeln, um tatsächlich Spitzenmedizin bieten zu können.

Es gibt ungeheuer viel zu sehen und zu erleben an diesem Tag der offenen Tür. Das Programmheft umfasst 48 Seiten. Alles anzusehen ist nicht zu bewältigen. Also bleibt nur die Möglichkeit, sich das ein oder andere herauszupicken.

An einem Stand im großen Zelt informiert Thomas Brauer über den Logopäden-Beruf. Er selbst ist Leiter der Lehranstalt für Logopäden der Universitätsmedizin. "Nicht räuspern", mahnt er während des Gesprächs ganz nebenbei. "Das ist wie ein Gewitter für die Stimmlippen." Husten sei entschieden besser.

26 Grüne Damen, ein Herr

Logopäden kümmern sich nicht nur um die Sprachentwicklung bei jungen Menschen. Die Arbeit mit Parkinson- und Schlaganfallpatienten ist ebenfalls ein wichtiges Tätigkeitsfeld, ganz abgesehen von Schluckstörungen bei Schwerkranken. Die Anforderungen im Beruf sind vielfältig und wachsen ständig, folgerichtig befindet sich auch die Berufsausbildung im Wandel. Noch bietet die Lehranstalt eine dreijährige Fachausbildung an, doch die akademische Ausbildung ist auf dem Vormarsch. Brauer ist überzeugt: "Wenn wir exzellent sein wollen, müssen wir da mitgehen."

Beinahe jede Abteilung der Universitätsmedizin stellt sich vor. Alle Facetten werden beleuchtet. Bei einer Führung lässt sich Intensivmedizin live erleben. Operationstechniken werden vorgestellt, ein Vortag erhellt neue Wege zur Krebstherapie, eine Tour durch die riesige Apotheke erläutert die Herstellung von Medikamenten. Besucherinnen und Besucher können Gesundheitschecks vom Rheuma-Schnelltest über die Blutzuckermessung bis hin zur Fußanalyse durchlaufen.

Oder sie finden sich unversehens bei den Grünen Damen und Herren wieder. Diese besuchen ehrenamtlich Patientinnen und Patienten, entlasten so hauptamtliche Pflegekräfte und schenken Patientinnen und Patienten ein Stück Lebensqualität. Sie gehen von Zimmer zu Zimmer, suchen das Gespräch und erfüllen kleine Aufträge. "Wir feiern in diesem Jahr unser 35-jähriges Bestehen", erzählt Christine Brückner. Derzeit gibt es 26 Grüne Damen und einen Herrn an der Universitätsmedizin. "Wir könnten mehr gebrauchen."

Tupfer und Haken

Im offenen Operationssaal werden alle nur denkbaren Fragen geduldig beantwortet. Der Saal ist voll ausgerüstet, eine OP-Schwester und eine Anästhesistin stehen bereit. "Wie ist das, wenn Sie mal einen Tupfer im Patienten vergessen?", will ein Besucher wissen. "Wir zählen alles nach", kommt prompt die Antwort. "Bevor nicht alles stimmt, wird nicht zugenäht."

Die Unzahl blinkender Instrumente interessiert besonders. Klammern in allen Größen und Formen liegen da und ein Paar Haken, mit denen nach einem Schnitt die Wundränder auseinander gehalten werden. Diese Haken scheinen einer Besucherin allzu zierlich. "Was ist, wenn jemand eine extreme Fettschicht hat?" Die OP-Schwester zieht zwei entschieden mächtigere Instrumente hervor. "Darauf sind wir natürlich vorbereitet."

Durch den Darm

Auch das europaweit größte Darmmodell ist vor Ort und windet sich wie eine rosa Riesenmade auf dem Rasen. Im Grunde ist es wie ein Gummiboot konstruiert. Druckluft hält es in Form und zugleich flexibel. "Rauchen, trinken und essen ist im Darm verboten" heißt es auf einem Schild am Eingang. Wer das beachtet, darf den 20-Meter-Schlauch betreten. Von der Decke hängen merkwürdige Fortsätze mit kugelförmigen Verdickungen herab. "Achtung, diese Wucherungen (Polypen) der Darmschleimhaut sind gutartige Vorstufen von Darmkrebs", ist zu lesen. "Jeder dritte Erwachsene über 50 Jahren hat sie. Wenn sie nicht entfernt werden, kann daraus tödlicher Darmkrebs werden."

Emma kann mit ihren vier Jahren noch nicht lesen. Mit dem Gipsarm stupst sie einen Polypen an. Der wackelt prompt. "Guck mal, Papa, wie ein Wasserball!" Emmas Vater schaut sich die ominöse Wucherung und den erläuternden Text daneben etwas ernster an. "Komm, Mama wartet auf uns." Hand in Hand verlassen die beiden den Riesendarm. Für sie wird es nach einem erlebnisreichen Bummel durch die Mainzer Universitätsmedizin Zeit, nachhause zu gehen. Sie nehmen garantiert etwas mit von diesem Tag der offenen Tür.