Musik, die aus dem Chaos entsteht

11. Juli 2016

Im Jahr 2010 entstand das Sinfonische Orchester Mainz, kurz SinfOrMa, als Experiment an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) – und überraschte sogleich mit einem viel beachteten Debüt. Mittlerweile ist SinfOrMa zu einer festen Größe im musikalischen Campusleben geworden. Ungefähr 70 Musikerinnen und Musiker proben wöchentlich, um am Ende des Semesters ein abendfüllendes Konzert vor großem Publikum präsentieren zu können.
 

Kurzfristig haben die Musiker den Saal gewechselt. Nach und nach trudeln sie mit ihren Instrumentenkoffern ein. Es ist Abend, mancher bringt eine Flasche Feierabendbier oder ein belegtes Brötchen mit. Es wird angestoßen, es gibt Umarmungen. So könnte auch eine Party unter Freunden aussehen.

Dann beginnt jemand, die Mitte des ordentlich möblierten Seminarsaals freizuräumen. Weitere schließen sich an, scheinbar ohne Plan, aber letztlich doch sehr effektiv. Nach wenigen Minuten steht eine Schar von Stühlen in Orchesterformation, während sich die Tische an den Wänden stapeln. Nach und nach packen knapp 70 Musikerinnen und Musiker ihre Geigen und Bratschen, ihre Oboen und Trompeten aus. Dann taucht plötzlich der Dirigent auf. Das Murmeln der Menge wird leiser, das Stimmen der Instrumente verstummt. Es kann beginnen. Die ersten Takte aus "Carmen" erklingen.

Freundschaftliches Musizieren

Das Wort "chaotisch" fällt immer mal wieder, wenn Juliane Kuckuk vom Sinfonischen Orchester Mainz erzählt. Die 22-Jährige studiert Geografie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Ich komme aus einer Musikerfamilie und habe nach einem Orchester gesucht, als ich vor vier Jahren zum Studieren an die Uni kam." Sie stieß auf die Website von SinfOrMa und besuchte ein Infotreffen des Orchesters. "Es ging sehr freundschaftlich und locker zu. Die Leute waren mir sofort sympathisch. Als ich sagte, dass ich Bratsche spiele, haben sie sich richtig gefreut. Eine Bratsche fehlt immer. Am Ende dachte ich: Klar, da mache ich mit."

Mittlerweile betreut Kuckuk die Website des Orchesters und ist zuständig für die Pressearbeit. "Bei uns macht jeder was: sich um Räume kümmern, am Stand Karten oder auch mal Kuchen verkaufen. Wenn wir Flyer verteilen und Plakate aufhängen, wird das oft zu einer Kneipentour durch Mainz."

Im November 2010 gründete Nicolai Spieß die Hochschulgruppe SinfOrMa. Er studierte Musikwissenschaft an der JGU, hatte bereits für einige Zeit ein Jugendorchester geleitet und wollte nun neuen sinfonischen Klang auf den Gutenberg-Campus bringen. Spieß sammelte interessierte Studierende um sich, Freunde und Bekannte, die bereit waren, sich einmal in der Woche zur Probe zu treffen. Das sollte reichen.

Spontan und demokratisch

Gut drei Monate später fand das erste Konzert statt. Unter anderem spielten sie Beethovens Ouvertüre aus "Egmont" und die Filmmusik von "Jurassic Park". Diese Mischung sollte sich bewähren und charakteristisch bleiben für SinfOrMa. Der größte Hörsaal des Philosophicums war sofort ausverkauft, die Presse lobte das Debüt überschwänglich. Ein Orchester war geboren.

"Vieles bei uns passiert spontan und es geht sehr demokratisch zu", erzählt Kuckuk. Eine feste Struktur über die Organisationsform der Hochschulgruppe hinaus wurde bei SinfOrMa über Jahre hinweg nicht festgelegt. "Erst jetzt sind wir dabei, einen Verein zu gründen. Das wird uns einige Formalien erleichtern. Außerdem können wir als Verein leichter Sponsoren finden."

An der Atmosphäre im Orchester wird die Vereinsgründung wenig ändern. "Bei uns gibt es keine Konkurrenz unter den Musikern. Im Gegenteil: Wir helfen uns gegenseitig, wenn wir merken, dass es bei einem nicht so gut läuft. Wir geben uns Tipps. Wir haben nicht diese Hierarchie normaler Orchester. Es passiert schon mal, dass jemand unserem Dirigenten reinredet und meint: Würde das so oder so nicht besser klingen?"

Neue Leitung gesucht

Geld gibt es nicht für die Musikerinnen und Musiker bei SinfOrMa, auch nicht für den Dirigenten Sebastián Salinas Gamboa, der mittlerweile die musikalische Leitung des Orchesters übernommen hat – was auch immer Leitung in diesem Fall heißt. Gamboa studiert Cello an der Hochschule für Musik der JGU. Dies ist sein erstes Dirigat. "Als ich das Orchester von Nicolai übernahm, haben wir auch über die Philosophie von SinfOrMa gesprochen. Der Dirigent ist hier kein Diktator, das finde ich wichtig. Unsere Ansprüche sind auch nicht so hoch wie bei einem professionellen Orchester, aber die Leute sind sehr fit und engagiert."

Demnächst verlässt Gamboa SinfOrMa. Das Orchester sucht also momentan einen Nachfolger. "Einen Bewerber gibt es schon", meint Kuckuk. Gamboa bleibt noch bis zum Ende dieser Konzertsaison, die am 13. und 15. Juli 2016 in einem Doppelkonzert in der Christuskirche und im Mainzer Gymnasium Theresianum gipfelt. Frankreich steht diesmal im Mittelpunkt der Aufführung. Unter anderem spielt SinfOrMa die Filmmusik von Yann Tiersen zu "Die fabelhafte Welt der Amélie" und César Francks Sinfonie in d-Moll.

Auch diese Auswahl kam auf demokratischem Wege zustande: "Alle können ihre Wünsche äußern und dann stellt unser Orga-Team ein Programm zusammen. Dabei bemühen wir uns, dass sich jeder wiederfindet." Wer den Konzertbesuch wagen will, muss nicht tief in die Tasche greifen. "Unser Zielpublikum sind vor allem Studierende, deswegen halten wir die Eintrittspreise niedrig." Auch das gehört zur SinfOrMa-Philosophie.

Konzert für Flüchtlinge

Eine weitere Besonderheit sind die Extra-Konzerte an speziellen Orten. "In Zukunft soll es davon mindestens eines im Jahr geben", erzählt Kuckuk. Im Jahr 2013 spielte SinfOrMa in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden. "Wir wussten damals nicht, was uns erwartet. Es saßen lauter Jungs im Publikum, nur junge Männer. Die waren total cool, aber am Anfang auch ein bisschen skeptisch." Dennoch wurde das Konzert zum Erfolg – genau wie das Konzert für Flüchtlinge im Januar 2016.

"Wir hatten gehört, wie beengt es in den Flüchtlingsheimen ist, dass die Menschen dort kaum mal rauskommen und was erleben." Nun gab es immerhin ein Konzert. Der Zuspruch war groß und die Mainzer Verkehrsgesellschaft sorgte für Busse. "Nach dem Konzert haben wir noch lange gesprochen. Wir haben von Schicksalen gehört, wie man sie sonst nur in den Nachrichten erfährt. Und es waren sehr viele Kinder dabei, die jedes Mal begeistert waren von unseren Instrumenten. Sie kamen und wollten unsere Instrumente selbst ausprobieren." Angesichts dieses Echos ist eine zweite Auflage in Zusammenarbeit mit der Stadt Mainz bereits geplant.

Nun aber steht erst mal die übliche Mittwoch-Probe an. "Für mich ist das kein Pflichttermin", sagt Kuckuk, "ich freue mich darauf. Hier treffe ich Freunde." Im nächsten Atemzug stellt sie aber auch klar: "Wir sind nicht nur ein Spaßorchester, wir sind nicht nur chaotisch. Am Ende des Semesters kommt immer etwas Gutes heraus, auch wenn das bei den Proben manchmal gar nicht so klingt. Wir denken zwischendurch schon mal: Oh je, wir können das nicht aufführen. Am Ende klappt es aber immer."