Mit kritischem Blick auf den Medaillenspiegel

11. Oktober 2016

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im August 2016 hat Jonathan Koch mit dem Leichtgewichts-Vierer ohne Steuermann den neunten Platz belegt. Doch das ist nicht sein erster großer Erfolg: Der 30-Jährige fand früh zum Rudern und kann bereits auf eine ganze Reihe von Titeln zurückschauen. Zugleich studiert Koch seit 2010 Sport und Sportwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Es fällt nicht immer leicht, beides miteinander zu vereinbaren.
 

Als das deutsche Olympiateam im Frankfurter Römer gefeiert wurde, war auch der Ruderer Jonathan Koch mit von der Partie. Die Erinnerungen an die Wettkämpfe waren noch frisch, ganz besonders aber auch die spontane Abschlussparty im Olympischen Dorf. "Eigentlich ist Alkohol dort verboten", erzählt er. "Aber irgendwie tauchten ein paar Kästen Bier auf und jemand schmiss die Musikbox an. Zuerst kamen die Australier rüber, die neben uns wohnten, dann wurden es immer mehr Leute. Plötzlich waren alle Nationen da. So kommt man zusammen."

Koch zitiert die Grundidee von Pierre de Coubertin, dem Begründer der modernen Olympischen Spiele: "Die Menschen sollen aufeinander zugehen, sie sollen sich im friedlichen Wettkampf begegnen und die Bevölkerung soll die Sportlerinnen und Sportler willkommen heißen. Dieser Gedanke ist für mich so genial, dass ich sogar den Gigantismus, der den Kerngedanken der Spiele verdeckt, ertragen kann."

Zu viel Geld für Olympia

Der Umgang mit Olympia, vor allem der starre Blick auf den Medaillenspiegel, der auch von den Medien oft praktiziert wird, entlockt Koch ein ärgerliches Kopfschütteln. "Bundespräsident Joachim Gauck hat bei unserem Empfang im Römer eine tolle Rede gehalten. Er meinte, dass er es sehr kritisch sieht, wenn es nur um Medaillen geht. Er hat gefragt, was es überhaupt über ein Land aussagt, wenn es unbedingt die erste, die beste Nation sein will." Gauck äußerte sich sehr entschieden: "Ich möchte nicht Präsident eines Landes sein, das um jeden Preis Medaillen haben will."

"Damit hat er für viele von uns genau den richtigen Ton getroffen. Wenn wir uns als Land nur darüber definieren, wie viele Medaillen wir holen, spricht das auch aus sportsoziologischer Sicht für eine leere nationale Identität."

Koch studiert Sport und Sportwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zugleich gehört er zur Elite der deutschen Ruderer. Unter anderem war er zwölfmal Deutscher Meister in verschiedenen Alters- und Bootsklassen, er gewann zwei Bronzemedaillen bei Europameisterschaften und holte einen Weltmeistertitel im Leichtgewichts-Doppelvierer. Im Jahr 2008 erlebte er in Peking sein erstes Olympia. "Das waren für mich schon die besten Spiele", sagt er – und übt zugleich Kritik: "Durch mein Studium weiß ich, dass in die Olympischen Spiele grundsätzlich zu viel Geld gesteckt wird." Das gehe auf Kosten von Anderen. Dies sei in Peking so gewesen, in London ebenso und zuletzt in Brasilien.

Kritische Töne klingen immer wieder an, wenn Koch vom Sport erzählt. Das zieht sich durchs gesamte Gespräch. Daneben stellt er aber auch klar: "Für mich ist Sport im Wesen etwas so Schönes, dass man nicht aufhören darf, um die Ideale zu kämpfen."

Sport vs. Studium

Im Moment feilt der 30-Jährige am Thema seiner Bachelorarbeit. "Es wird um Sportmanagement gehen", verrät er. Seit 2010 studiert Koch an der JGU. Dass er seinen Bachelor nicht in der Regelstudienzeit absolvieren konnte, ist vor allem dem Rudern geschuldet. "Leistungssport erlaubt keine Einbußen, wenn man ihn richtig betreiben will." Im Olympia-Jahr standen rund 300 Minuten täglichen Trainings auf seinem Programm. Dazu ging es ins Trainingslager nach Hamburg und Ratzeburg. Von der JGU sah der Student in dieser Zeit nicht viel.

Aber wer da nicht voll mitmacht, bekommt schnell Gegenwind. "2013 hatte ich viele Hausarbeiten zu schreiben, ich musste viele Scheine machen", erinnert sich Koch. Also beschloss er, in Mainz zu trainieren und nicht im Trainingslager. "Da geriet ich auf ganz dünnes Eis." Ohne Betreuung zu trainieren, ohne Kontrolle durch einen Verbandstrainer, das schien den Verantwortlichen unmöglich. Es dauerte, bis Koch sich durchsetzen konnte.

Koch studierte zuerst an der TU Darmstadt. "Wenn ich damals dort nach der Verschiebung eines Klausurtermins wegen eines anstehenden Wettkampfs fragte, war das oft schwierig." Er wechselte das Fach und die Universität. "Der Fachbereich Sport in Mainz hat mein Leben sehr vereinfacht. Bei manchen Seminaren muss ich gleich zu Beginn fragen: Ich kann nur zur Hälfte der Zeit da sein, gibt es eine Möglichkeit, den Stoff nachzuarbeiten? Dafür zeigen meine Professoren viel Verständnis. Sie wissen, worum es geht. Meist finden wir eine Lösung."

Weg nach oben

Koch fand früh zum Rudern. In seiner Geburtsstadt Gießen kam er mit elf Jahren über eine schulische Talentfördergruppe in Kontakt mit dem Sport. "Sie setzten mich in einen Einer und ich drehte gleich mehrere Runden. Zu Beginn stand der Spaß im Vordergrund. Das finde ich auch richtig so." Mit 15, 16 ging es dann in Richtung Wettkämpfe. "Meine Eltern hatten Angst, dass meine schulischen Leistungen nachlassen würden. Aber ich wollte unbedingt rudern. Also trainierte ich und lernte. Ich wurde in jedem Fach eine Note besser. Das war das erste Mal, dass ich so richtig Zeitmanagement betrieb."

Von da ging es schnell und steil nach oben. "Nach zwei Jahren war ich Deutscher Meister im Leichtgewichts-Einer. Ich bin froh, dass ich diesen Weg so schnell gehen konnte." Eine Herausforderung war die Olympia-Qualifikation für Peking. "Im Olympia-Jahr drehen alle am Rad. Da versucht jeder, das Maximum auszuschöpfen, da werden noch mal extra Ressourcen freigeschaltet."

Peking brachte den neunten Platz im Leichtgewichts-Doppelzweier. Für die Spiele 2012 in London qualifizierte sich Koch als Ersatzmann und in Brasilien saß er im Leichtgewichts-Vierer ohne Steuermann. Das Team schaffte es auf den neunten Platz. "Wir sind völlig zufrieden mit unserer Leistung. Gut, im Vorlauf waren wir nicht ganz so gut, wie wir hätten sein können. Dafür sind wir im Hoffnungslauf ein viel, viel besseres Rennen gefahren. Im Halbfinale waren wir dann einfach platt, wir waren nicht frisch genug. Am Ende haben wir aber genau das Ergebnis erreicht, mit dem wir gerechnet hatten. Wir konnten unsere Leistung abrufen, das war uns wichtig."

Studium und Sport

Koch wird noch eine Weile weiter rudern – aber das immer parallel zum Studium. "Meinen Master würde ich gern in der Regelstudienzeit absolvieren", erzählt er. Dies allerdings würde bedeuten, dass der Sport allmählich in die zweite Reihe tritt.

"Ich finde, wenn es sich nicht um einen sehr wichtigen Wettkampf handelt, müsste es gelingen, den Sport ins Studium zu integrieren", ist Koch überzeugt. Von Verbandsseite allerdings höre man so etwas nicht gern. "Da gibt es viel Druck von oben. Die Trainer springen ganz schnell im Dreieck, wenn sie merken, dass einem neben dem Training noch etwas anderes wichtig ist. Wenn es nach ihnen ginge, dürfte es nur den Sport geben."

Koch jedoch ist sein Studium wichtig. "Ich brauche die kognitive und die körperliche Herausforderung. Es würde mir etwas fehlen, wenn eine von denen wegfiele." An der JGU findet er dafür Verständnis.