Die Braut, der Hammer und das Fahrrad

5. Oktober 2016

70 Jahre ist es her, dass die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) auf dem Gelände einer alten Flakkaserne wiedereröffnet wurde. Anlässlich dieses Jubiläums präsentieren die Landeshauptstadt Mainz und die Universität eine Ausstellung, die sich nicht so sehr der offiziellen Geschichte der Hochschule widmet, sondern vielmehr auf die vielen kleinen Geschichten schaut, die vom Leben, Studieren und Arbeiten auf dem Campus zeugen.

Das schwarze Fahrrad mit der Ladefläche über dem Vorderrad fuhr jahrzehntelang kreuz und quer über den Campus der JGU. "Studium generale" steht vorn in goldener schnörkeliger Schrift.  Mit diesem Dienstfahrrad verteilten studentische Hilfskräfte Veranstaltungsplakate. Aber auch der 1994 verstorbene langjährige Leiter des Studium generale, Prof. Dr. Otto Saame, soll den Drahtesel gern genutzt haben. Einst waren solche Dienstfahrräder weit verbreitet, heute sind sie beinahe ausgestorben.

Der grellgelbe Aufsteller mit dem taumelnden Männchen warnt: "Vorsicht Abschiebung". Er gehört zum Inventar der studentischen Gruppe Medinetz Mainz e.V., die sich um medizinische Hilfe für Menschen mit irregulärem Aufenthaltsstatus oder ohne Krankenversicherung kümmert. Vor ungefähr zehn Jahren wurde dieses Schild umfunktioniert. Ursprünglich machte es auf rutschige Böden aufmerksam, nun erinnert es an Menschen, die im freien Fall Hilfe suchen.

Kleinkram und große Gefühle

"Keo Buk Seon – The first ironclad warship in the world, 1592" ist auf der Plakette eines Schiffsmodells zu lesen. 2006 nahm der damalige Präsident der JGU, Prof. Dr. Jörg Michaelis, dieses Geschenk der koreanischen Partneruniversität aus dem südkoreanischen Gyeongbuk entgegen. Kleinste Details sind an dem winzigen Schiffskörper zu erkennen. Alles wirkt wie aus Goldfolie gefaltet.

Sehr bunt und ungeheuer vielseitig zeigt sich die Ausstellung "Die Braut, der Hammer und das Fahrrad – Mainzer Unigeschichten" im Mainzer Rathaus. Hier finden sich verschiedenste Gegenstände und Dokumente aus 70 Jahren JGU. Mal sind es scheinbar nichtige Kleinigkeiten wie ein Porzellanhase, der einen PC schmückte, mal mit Gefühlen aufgeladene Dinge wie jenes Brautkleid, das an eine Eheschließung auf dem Campus erinnert.

An der Wand hängen neben zahlreichen Fotos alte Flugblätter, darunter leidenschaftliche Pamphlete gegen "BaföG-Mord" oder für "Frieden und Abrüstung". Über einen Bildschirm flimmert ein Interview mit dem Ehepaar Anita und Franz Schrohe, das seit Jahrzehnten auf dem Campus wohnt. "Die Uni ist für mich mein zu Hause", meint sie. "Das ist für uns ein Paradies." Er fragt, wie es wohl sein wird, wenn die beiden irgendwann in ein Altersheim gehen. "Da will ich nicht hin", antwortet sie entschieden. "Da sind nur lauter alte Leute."

Persönliche Geschichten

"Es ist einfach eine wundervolle Ausstellung", schwärmt die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse zur Eröffnung der Schau. "Sie ist deswegen so schön, weil sie so emotional ist. Jeder fühlt sich sofort angesprochen." Die Politikerin war berührt von der Wiederbegegnung mit dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, der einst an der JGU studierte und spielte. Ein Plakat erinnert an ihn.

Dr. Vera Hierholzer, Koordinatorin der rund 30 Universitätssammlungen, Dr. Christian George, Leiter des Universitätsarchivs, Dr. Patrick Schollmeyer, Leiter der Schule des Sehens, und Prof. Dr. Kirsten Grimm, die sich um die naturwissenschaftlichen Sammlungen der JGU kümmert, kuratierten die Ausstellung. Ihnen zur Seite stand neben Dr. Anna-Maria Brandstetter und Prof. Dr. Mirko Uhlig vor allem eine Gruppe von 29 engagierten Studierenden aus verschiedensten Fachrichtungen.

Ein Aufruf an die Bediensteten, die Lehrenden und Lernenden der JGU, aber auch an die Mainzer Bevölkerung machte den Anfang: Sie sollten schauen, was sie an Erinnerungen zu 70 Jahre Mainzer Universität fänden. Das allerdings reichte noch nicht für eine Ausstellung. Also machten sich Studierende in einer eigenen Lehrveranstaltung auf die Suche nach allerlei Dingen und Geschichten. "Wir stellen die Multiperspektivität in den Vordergrund", sagt Hierholzer. "Es geht nicht um die Universitätsgeschichte, sondern um viele kleine Universitätsgeschichten."

Noch mehr Geschichten

"Neun Monate Vorbereitung waren nötig, rund 500 Fotoecken wurden verklebt, zwei Flaschen Glasreiniger verbraucht ..." Mit einem Augenzwinkern präsentiert Archivar George ein wildes, kaum enden wollendes  Zahlengemisch. "… und 47 Katalogtexte entstanden." Für diese Texte waren zumeist die Studierenden verantwortlich. Sie geben der Ausstellung noch einmal eine besondere Note, führen in die Tiefe, zu oft unerwarteten Schauplätzen und ungewöhnlichen Personen.

Die Ausstellung bietet eine besondere Form von Katalog: Die Besucherinnen und Besucher können mit einer extra Ausstellungsmappe von Station zu Station wandern. Überall warten die Textblätter mit den Erläuterungen und Geschichten auf sie und jeder kann wählen, welche von den 47 Blättern in seinen ganz persönlichen Katalog wandern sollen, welche Facetten ihm wichtig sind. "Insgesamt haben wir 76.000 Blätter gedruckt", bemerkt George nebenher.

Zudem lädt eine Mitmachstation ein, die Ausstellung um weitere Mosaiksteine zu erweitern. Wer möchte, kann auf einer Karte seine persönliche Unigeschichte notieren und sie vor Ort in einen alten Uni-Karteischrank einordnen. Auch auf der Internetseite zur Ausstellung kann jeder eine Geschichte hinzufügen. Dort findet sich bereits ein Bilderbogen mit weiteren Anekdoten und Fotos, die über die Rathaus-Ausstellung hinausweisen. Er wird bleiben – auch nachdem die Ausstellung ihre Pforten geschlossen hat.