Der Weg aus der Stille

27. Oktober 2016

Seit beinahe zehn Jahren bietet die Lehranstalt für Logopäden an der Universitätsmedizin Mainz Fortbildungen in einer außergewöhnlichen Therapie an: Mit dem aus Amerika stammenden Lee-Silverman-Voice-Treatment (LSVT®) bekommen Parkinson-Patientinnen und -Patienten die Chance, ihre Sprachfähigkeit zu verbessern. Das ist wichtig, denn diese Fähigkeit geht mit dem Fortschreiten der Krankheit allmählich verloren und das kann die Erkrankten in die Isolation treiben.
 

"Sprechen Sie lauter! Sie haben die Stimme!"

Thomas Boeger holt tief Luft und beginnt noch einmal. Er ist jetzt deutlicher zu hören. Er klingt entschieden kräftiger. Der 58-Jährige rezitiert Sätze, die er im täglichen Leben nutzt. Mal als Partner: "Komm, lass uns spazieren gehen." Mal als Vater: "Guten Morgen, Roland."  – "Gib mir bitte Dein iPhone!" Oder als Trainer: "Kommt hier zusammen!" – "Spielt breiter!"  – "Spielt doch mal Fußball!"

Thomas Brauer ist noch nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Der Leiter der Lehranstalt für Logopäden an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) lässt nicht locker. "Das war von der Lautstärke wirklich schon großartig", lobt er. "Aber wir haben besprochen, dass wir mit mehr Intonation sprechen."

Boeger strengt sich sichtlich an, um in seinen Satzmelodien Akzente zu setzen. Allerdings wird er dabei unwillkürlich etwas leiser. Das merkt er selbst und legt sofort wieder ein paar Dezibel zu.

Zwei Tage volles Programm

"Fantastisch", meint Brauer, "Sie können Ihre Stimme gut kontrollieren. Wie hoch war jetzt Ihre Anstrengung auf einer Skala von eins bis zehn? Wie viel haben Sie gegeben?" – "Zehn", antwortet Boeger sehr entschieden. "Das ist gut. Wenn Sie die Zehn spüren, dann ist es laut genug. Sie müssen immer die Zehn spüren."

Was die beiden im Hörsaal des Pulverturms vor rund 70 Logopädinnen und Logopäden demonstrieren, ist das einzig Erfolg versprechende Sprachtherapie-Programm für Menschen, die an Morbus Parkinson erkrankt sind. Das aus Amerika stammende Lee-Silverman-Voice-Treatment (LSVT®) wirkt, das hat unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) bestätigt. Ausdrücklich empfiehlt sie diese Therapie für die Behandlung von Morbus Parkinson.

Die Mainzer Lehranstalt für Logopäden ist der einzige Ort in Deutschland, an dem Jahr für Jahr Fortbildungen zu LSVT® angeboten werden. "1987 begann die Entwicklung der Methode", blickt Brauer zurück. "2000 kam sie nach Deutschland und seit 2007 halten wir die Kurse hier in Mainz ab."

Nach zwei Tagen intensiver Schulung erhalten die Logopädinnen und Logopäden ein Zertifikat – die meisten zumindest: Denn dieses Zertifikat ist keine Formsache. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen in einer Prüfung nachweisen, was sie gelernt haben. Unter anderem müssen sie in Dreier- oder Vierergruppen mit jeweils einem Patienten arbeiten. Zudem erfahren sie viel über die Erkrankung Morbus Parkinson, über Ansätze zu Diagnostik und Therapie. Dafür sind Prof. Lorraine Ramig aus New York und Prof. Cynthia Fox aus Tuscon angereist, zwei führende LSVT®-Therapeutinnen.

Anstrengend, aber erfolgreich

"Die herkömmlichen Therapieformen bringen einfach nichts", sagt Brauer. "Die Patienten kommen in der Regel ein Mal die Woche zum Therapeuten. Das ist zu wenig. So gelingt die Übertragung in den Alltag und damit in die tägliche Kommunikation nicht. Wir arbeiten vier Mal pro Woche je eine Stunde mit den Patienten, und das über vier Wochen." Der Erfolg stellt sich meist schnell ein, aber: "Gerade für Parkinson-Erkrankte ist das alles sehr anstrengend. Und es endet auch nicht mit den Therapiestunden. Sie müssen zu Hause weiter üben, auch nach den vier Wochen."

Der Verlust der Sprache ist etwas, das oft vernachlässigt wird, wenn es um Morbus Parkinson geht. Dabei ist gerade dieser Verlust ein zentrales Problem. Die Erkrankten werden nach und nach leiser, sie sprechen immer undeutlicher und tonloser. "Obwohl das Umfeld immer häufiger nachfragt, haben  Parkinson-Patienten oft das Gefühl, laut genug zu sprechen und schicken ihre Partner zu einem Hörtest", ergänzt Brauer. Frustriert von ständigem Nachfragen, verstummen am Ende viele. Die Menschen im Umfeld übernehmen dieses Verhalten. "Das ist ein schleichender Prozess, mit dem wir die Parkinson-Erkrankten automatisch ausgrenzen."

Gegen diesen Prozess geht die LSVT®-Therapie an. Per Computerprogramm führt sie durch eine Reihe von Lektionen, die der Therapeut mit seinem Patienten durcharbeitet. Außerdem gibt es eine eigene PC-Version für die Übungen zu Hause. Beides wird individuell auf den einzelnen Erkrankten eingestellt. Was dabei allerdings immer gleich bleibt, ist die zentrale Forderung an die Patienten: "Sei laut" oder wie die Amerikanerinnen beim Workshop sagen: "All you need is LOUD! LOUD! LOUD!"

Computerprogramm hilft

Auch bei der Hörsaal-Demonstration mit Boeger ist der Computer dabei. Es beginnt mit einem hohen A, das Boeger mindestens sechs Sekunden halten soll. Diese sechs Sekunden sind hart für ihn. Er braucht mehrere Anläufe. Auf dem Bildschirm ist unter anderem abzulesen, wie lange er durchhält und welchen Dezibelwert er erreicht. Das Programm lobt, feuert an – und es fordert zwischendurch sogar auf: "Trinken Sie!"

"Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte der Logopäde nicht mehr viel zu tun", meint Brauer. "Aber das täuscht. Ihm wird bei der LSVT®-Therapie viel abverlangt." Tatsächlich ist es vor allem Brauer und nicht so sehr der Computer, der Boeger immer wieder auf Feinheiten hinweist, der mit ihm im Wechsel die Übungen spricht, der ihn durch das Programm führt. "Das ist entscheidend für den Erfolg der Therapie."

Seit gerade mal einer Woche ist Boeger in Behandlung. Es mache ihm Spaß, sagt er. Er spüre eine Besserung. "Es ist allerdings sehr anstrengend. Das habe ich am Anfang unterschätzt." Doch der Leidensdruck sei groß. Ob im Beruf als Unternehmensberater oder als Trainer einer Fußballmannschaft: Boeger stieß immer öfter auf Probleme. Die Menschen verstanden ihn schlicht nicht mehr. Er schätzt, dass er die Hälfte seiner Sätze wiederholen musste.

Wer schwer verstanden wird, zeigt oft die Tendenz, einfach weniger zu reden. Die fehlende Praxis verschlechtert den Zustand weiter. "Man muss in irgendeiner Form diesen Teufelskreis durchbrechen", sagt Boeger. Damit hat er begonnen.

Zufriedene Teilnehmer

70 Logopädinnen und Logopäden aus ganz Deutschland sind nach Mainz gekommen, um die LSVT®-Methode zu erlernen. Ihr Programm ist vollgepackt. Am zweiten Tag sitzen sie Patientinnen und Patienten gegenüber, um sich an die Therapie zu wagen.

Tamara Goldfarb ist aus Nürnberg angereist, um LSVT® kennenzulernen. Sie arbeitet in einer Schwerpunktpraxis mit vielen Parkinson-Erkrankten. "In der normalen Ausbildung wird LSVT® nicht gelehrt, das ist ein Manko. Deswegen bin ich hier." In einer Gruppe mit zwei Kolleginnen schafft sie es binnen einer Stunde, durch die Übungen erste kleine Fortschritte bei einem Patienten zu erzielen.

"Es war anstrengend." Dieser Satz ist am Ende der zwei Tage immer wieder zu hören – ob von Patientinnen und Patienten oder von Logopädinnen und Logopäden. Sabine Weinberger macht sich direkt nach der Vergabe der Zertifikate eilig auf den Weg nach Hause. "Ich schaffe es heute noch nach München",  meint sie. Dort arbeitet sie als Fachleitung für Logopädie in einer großen Behinderteneinrichtung. Weinberger stellt zum Abschied fest: "Das hier, das hat sich auf jeden Fall gelohnt."