Rallye durch die Welt der Blüten

14. November 2016

Mit ihrem Projekt "Durch die BLUME: Blütenbiologie im Unterricht – Materialien und E-Learning" bringt Lisa Kissi Schülerinnen und Schülern biologische Vielfalt näher. Die Doktorandin von der Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) verbindet in einer interaktiven Rallye durch den Botanischen Garten auf dem Gutenberg-Campus moderne Medien mit sinnlichem Erleben.
 

Viele Menschen nehmen Pflanzen allenfalls als Kulisse wahr, als schmückendes Grün oder angenehmes Ambiente beim Spaziergang. "Plant blindness" lautet der Fachbegriff für dieses Phänomen. Ein Dreikäsehoch stapft im Botanischen Garten an der Hand seiner Mutter gerade wie bestellt über die Wege: Die herbstlich angehauchte Vegetation lässt er links und rechts liegen, allenfalls die Pfützen interessieren ihn. Dann schaut er doch in ein Gesträuch und grinst breit. "Da, Mama!", ruft er und zeigt auf die Bronzefigur. "Da, Mama!" Was genau er sagen will, bleibt verborgen. Klar ist nur: Die Pflanzen hat er kaum gesehen.

"Pflanzen haben eine große Bedeutung für das Leben auf der Erde", sagt Lisa Kissi, "und sie sind total spannend. Dafür möchte das BLUME-Projekt ein Bewusstsein schaffen. Es möchte der plant blindness ein Stück weit entgegenwirken."

Blütenbiologie im Unterricht

Die Doktorandin und Mitarbeiterin in Prof. Dr. Daniel C. Dreesmanns AG Didaktik der Biologie am Fachbereich Biologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat in Kooperation mit dem Botanischen Garten und der Grünen Schule auf dem Gutenberg-Campus eine interaktive Tablet- und Smartphone-Rallye durch den Garten entwickelt, die Schülerinnen und Schülern die Blütenvielfalt näherbringen soll. Diese Rallye ist ein wichtiger Baustein in Kissis umfangreichem Dissertationsprojekt "Durch die BLUME: Blütenbiologie im Unterricht – Materialien und E-Learning", in dem sie Bildungskonzepte rund um die Themen Blüte und Bestäubung entwickelt.

Kissi hat ein Tablet zum Treffen mitgebracht. Auch wenn Blüten angesichts der herbstlichen Witterung mittlerweile etwas rar geworden sind, kann sie damit doch noch einiges demonstrieren. "Am besten gehen wir zu den Beeten der Asteraceae", lautet ihr Vorschlag. "Da blüht noch was." "Asteraceae sind Korbblütler. Die Sonnenblume gehört dazu. Wenn sie blüht, sieht es so aus, als hätte sie eine einzige große Blüte. Tatsächlich ist sie aber aus vielen kleinen Blüten zusammengesetzt." Auch von diesem Korb voller Blüten erzählt die Rallye.

In den Asteraceae-Beeten finden sich tatsächlich noch einige blühende Pflanzen. Dazwischen ragt ein unauffälliges silbernes Schildchen mit einem QR-Code hervor. Kissi richtet das Tablet darauf: Ein grinsendes Sparschwein erscheint auf dem Bildschirm, das Klirren von Münzen ist zu hören. "Super, das ist der richtige Code", teilt das Gerät mit und vergibt zehn Punkte. Eine Station der Rallye ist erreicht.

Selbstständiges Arbeiten

"Die Navigation im Garten war für die Schülerinnen und Schüler am Anfang schwierig", erzählt Kissi. Das stellte sich heraus, als sie die Rallye mit einer Pilotklasse erprobte. Zur Abhilfe richtete sie den Pavillon und den angrenzenden Teich als zentrale Orientierungspunkte ein. "Die Rallye war außerdem auf 90 Minuten ausgelegt, dauerte aber länger." Auch daran drehte die Doktorandin, bevor sie weitere acht Schulklassen einlud.

"Die Rallye wurde so konzipiert, dass die Schülerinnen und Schüler weitgehend selbstständig arbeiten konnten." Kissi selbst saß im Pavillon des Botanischen Gartens und half lediglich bei technischen Problemen. Den Rest erledigte das Programm, das sie mithilfe des medienpädagogischen Tools Actionbound entwickelt hatte. Actionbound bietet gleichzeitig eine zugehörige App an, mit der die selbst gestalteten Rallyes gespielt werden können. In Zweier- und Dreiergruppen erforschten die Schülerinnen und Schüler mit jeweils einem Tablet den Garten.

"Am Anfang werden erst einmal alle auf denselben Wissensstand gebracht." In einem kurzen Video wird unter anderem der allgemeine Aufbau von Blüten veranschaulicht. An unterschiedlichsten Stationen müssen die Schülerinnen und Schüler dann verschiedene Aufgaben lösen. Der Weg von den Rosengewächsen zur Streuobstwiese enthüllt Verwandtschaftsbeziehungen, die dem Laien nicht unbedingt bekannt sind: Obstbäume gehören zu den Rosengewächsen. In einem kleinen Quiz sollen die Schülerinnen und Schüler beantworten, welche Bäume sie auf der Streuobstwiese finden: Walnuss oder Birnbaum, Eiche oder Apfelbaum?

Mediale Vielfalt

Die Rallye ist in vier Stationen unterteilt. Es geht zum einen um die Blüten von drei Pflanzenfamilien, den erwähnten Korbblütlern, den Rosengewächsen und den Lippenblütlern, und zum anderen um Blüten, die typisch für bestimmte Bestäuber sind. Der Direktor des Gartens, Prof. Joachim W. Kadereit, hat diverse Sachtexte für die Rallye eingesprochen, Prof. Dr. Regine Claßen-Bockhoff vom Institut für Spezielle Botanik hat einige Videos zur Bestäubung von Blüten beigesteuert. Die Vielfalt der Blüten wird in der Rallye durch eine Vielfalt an medialen Formaten gegenwärtig.

"Mir war der Umgang mit digitalen Medien innerhalb des Projekts wichtig. Das ist Alltag für die Schülerinnen und Schüler heute. Da kann ich sie abholen. Aber ich wollte auch zur Kreativität ermuntern und die Welt der Blüten sinnlich vermitteln." Die Klassen führen kleine Untersuchungen mit den Pflanzen durch. Sie erproben zum Beispiel den Hebelmechanismus, mit dem der Wiesensalbei seinen Pollen an die Hummel bringt. Zudem schießen sie Fotos von den Pflanzen, die sie gefunden haben. "Es gibt eine kleine Urkunde für das schönste Bild und die Aufnahmen schicke ich an die Schule, damit die Lehrerinnen und Lehrer sie im Unterricht verwenden können."

Die Rallye kam an bei den Schulklassen, so viel kann Kissi schon sagen, auch wenn die genaue Auswertung der Fragebögen, die sie nach den Rallyes verteilte, noch aussteht. "Den Schülerinnen und Schülern gefielen vor allem die Tablets und das eigenständige Arbeiten", erzählt sie – dann ergänzt die Doktorandin lächelnd: "Manche beklagten sich über die notwendige Lauferei."

Gewinn für die Schulen

Für die Schulen selbst sind die Angebote der AG Didaktik der Biologie regelmäßig ein Gewinn. "Manchmal kostet es uns etwas Überzeugungsarbeit, die Lehrerinnen und Lehrer zum Mitmachen zu motivieren, aber wenn sie dann einmal dabei sind, kommen sie fast alle wieder. Unser Material ist fertig ausgearbeitet, sodass die Lehrkräfte damit wenig Arbeit haben, und auch die Tablets stellen wir zur Verfügung." Das senke nochmals die Hemmschwelle.

"Wir bieten Projekte mit neuen didaktischen Ansätzen, deren Inhalte sich an den Lehrplänen orientieren. Sie lassen sich also leicht in den Unterricht integrieren", betont Lisa Kissi. Im Fall der Rallye geht es um Grundkenntnisse der Blütenbiologie und um biologische Vielfalt.

Während ihres Studiums arbeitete Kissi in der Grünen Schule des Botanischen Gartens. Hier entwickelte sie auch das Thema ihrer Masterarbeit "Cool bleiben – wie unsere Ernährung uns und das Klima schützen kann. Entwurf eines Bildungsangebots für Schülerinnen und Schüler der 5. bis 7. Jahrgangsstufe zum Einsatz in der Grünen Schule im Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz". Die Doktorandin kann sich gut vorstellen, dass die Rallye in das reguläre Bildungsangebot des Botanischen Gartens aufgenommen wird. Sie eignet sich für verschiedenste Klassenstufen und Gruppen. Im Moment allerdings ist sie vor allem Gegenstand von Kissis Dissertation. Deswegen bleibt das Material vorerst streng geheim.