Sechs Jahre filmen am Fluss

16. März 2012

Die Videoinstallation "fliozan" lädt dazu ein, sich im faszinierenden Netz deutscher Flusslandschaften zu verlieren. Sechs Jahre arbeitete Prof. Dr. Harald Schleicher von der Kunsthochschule der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) an dem monumentalen Werk. Nun ist es in Duisburg zu sehen.
 

Zuerst ist da der tosende Gebirgsbach in den Alpen. Sein Wasser rauscht zwischen Felsen hinab. Allmählich nur wird der Fluss träger, Städte tun sich auf, geschäftige Industrielandschaften ziehen vorbei, immer wieder abgelöst von unberührt scheinender Natur. Kurz zwitschern Vögel, bevor der Lärm des beinahe allgegenwärtigen Verkehrs wieder alles verschluckt. Konstant bleibt nur das Fließen des Stroms, bis er sich zum Schluss ins Meer ergießt.

"Es war ein Art selbst verordnete Heimatkunde", sagt Prof. Dr. Harald Schleicher zu seiner großformatigen Videoinstallation "fliozan - German Rivers". In der Galerie des Duisburger Museums der Deutschen Binnenschifffahrt wird sie bis zum Sommer zu sehen sein, im monumentalen Format von zehn mal zwei Metern.

20.000 Reisekilometer in sechs Jahren

Sechs Jahre war der Leiter der Filmklasse an der Kunsthochschule Mainz mit seinem VW-Bus unterwegs. Er brachte rund 20.000 Reisekilometer hinter sich, um 7.000 Flusskilometer zu filmen. Entstanden ist ein außergewöhnliches Porträt deutscher Flüsse von ihrer Quelle bis zur Mündung.

Die Reise beginnt an der Donau und endet im Watt, wo die Elbe sich in die Nordsee ergießt: Die Sonne geht unter, eine Landzunge verschmilzt langsam mit dem Dunkel. "Das ist dann doch noch ein klassischer Schluss", meint Schleicher lächelnd. "Nun fehlt nur noch der Cowboy, der in diesen Sonnenuntergang reitet."

Zehn Meter breite Filmcollage

Den hat sich der Künstler allerdings gespart - wie so einiges, was der Betrachter von einem konventionellen Filmporträt erwarten würde. So präsentiert seine Installation immer mehrere Bildelemente gleichzeitig, die sich auf zehn Metern Breite als Collage zu einem Ganzen fügen. Da drängt sich von links das Schiffshebewerk Waltrop ins Panorama. Es scheint die vorige Einstellung vor sich herzuschieben, bis es rechts wieder aus dem Bild wandert. Diesem ersten Porträt der eindrucksvollen Anlage folgen Detailaufnahmen aus verschiedensten Blickwinkeln.

Bis zu sieben Bilder gleichzeitig fließen so über die Wand, werden mal schmaler, mal breiter, und folgen mitunter sogar einem Kameraschwenk von oben nach unten. Ein Frachtschiff aus drei Perspektiven taucht auf, Industriekräne, Kernkraftwerke, mächtige Kirchen oder ein Spaziergänger mit seinem Hund.

Für die meisten Einstellungen, vor allem für die Panoramaaufnahmen von bis zu 360 Grad, verwendete Schleicher einen motorischen Schwenkkopf. Das unterstützt den dokumentarischen, nüchternen Charakter der Filmsequenzen. Dazu ist die original Geräuschkulisse zu hören, sie wandert mit dem Bilderbogen von links nach rechts. Hier dominiert auffällig der Autolärm.

Viel Lärm um die Flüsse

"Ich hätte nie gedacht, dass es an deutschen Flüssen so laut ist", meint Schleicher. "Ich hätte aber auch nie gedacht, wie interessant meine Reisen sein würden."

Jeden Sommer machte sich Schleicher auf, geleitet von mehreren Navigationsgeräten und Plänen für Fahrradtouren, die sich vom Format her als höchst brauchbar erwiesen. Meist begann er an der Quelle eines Flusses und begleitete ihn bis zu einem interessanten Nebenfluss. Dann folgt in der Installation jeweils ein Sprung zu dessen Quelle. Dafür steht eine schwarze Zäsur in der Bilderflut.

Postkartenmotive fehlen im Bilderfluss

Alle deutschen Flüsse mit einer Länge von mindestens 300 Kilometern sind vertreten. Schleicher bereiste unter anderem Donau, Rhein und Elbe, aber auch kleinere Gewässer wie Iller und Havel sind zu sehen.

Kommentare hat er sich gespart. "Es geht mir nicht um Erdkundeunterricht. Wenn man alles benennt, ist das Faszinierende schnell weg." Faszinierend wirkt die Reise allemal. Meist filmte Schleicher vom Ufer aus, doch auch von Schiffen machte er Aufnahmen, und oft ist ein Motiv aus drei oder vier Perspektiven zu bewundern. "Typische Postkartenszenen wollte ich dabei vermeiden." Das gelingt ihm allein schon mit den Formaten, mit diesen mal schmaler, mal breiter werdenden Ausschnitten im zehn Meter breiten Bilderfluss.

Viele Betrachter versetzt das gewaltige Panorama der Installation in eine meditative Stimmung. Die Flut der Szenen, die ein Augenpaar kaum fassen kann, wirkt nicht etwa verwirrend, sondern beruhigt ungemein. Man ist schließlich am Fluss, was kann entspannender sein?

Solche Reaktionen erlebte Schleicher bei einer ersten Ausstellung in der Mainzer Kunsthalle. "Niemand sollte sich die gesamten 160 Minuten anschauen", sagt er. "Die Installation ist ja nicht wie ein konventioneller Dokumentarfilm durchkomponiert." Obwohl eine gewisse Binnendramaturgie durchaus vorhanden ist: Natur wechselt mit Industrie, Monumentales mit alltäglichen Kleinigkeiten.

Nicht nur für Kunstinteressierte

Schleicher rechnete damit, dass die Besucher ein paar Minuten bleiben würden, doch viele verweilten eine Stunde. Nun ist er gespannt, wie das Publikum im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt reagieren wird. "Da kommen ja nicht nur Kunstinteressierte."

Die Installation macht neugierig auf mehr. Ob nun verwahrloste Neiße-Brücken zu sehen sind oder der große Duisburger Binnenhafen, das in jeder Hinsicht fließende Kunstwerk spricht etwas tief Verwurzeltes an, etwas sehr Ursprüngliches. Reisen zu Quellen haben etwas Archaisches, das Bild des Flusses lässt sich bis in älteste Quellen verfolgen. Im Titel schlägt sich das nieder: "fliozan", das ist "fließen" im Althochdeutschen. Doch wer den Flüssen folgen will, muss das nicht wissen. Harald Schleichers Videoinstallation wirkt in jeder Sprache, und das ohne ein einziges Wort.