Schatzkiste voller regionaler Musikgeschichte

4. Dezember 2016

Die Musikwissenschaftlichen Sammlungen des Instituts für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) enthalten eine Fülle von Dokumenten zur Musikgeschichte der Region. Hier befindet sich nicht nur das vollständige Archiv der Mainzer Liedertafel, sondern auch der reiche Nachlass des Prälaten Adam Bernhard Gottron, der ab 1959 als Honorarprofessor an der JGU wichtige Akzente in der Forschung setzte.
 

Zur Einstimmung zeigt Jonathan Gammert Fotos, die er auf seinem Notebook gespeichert hat: Alte Mappen und Bücher sind zu sehen, an denen die Zeit deutliche Spuren hinterlassen hat. Mal sind sie in Holzregalen gelagert, mal in Schränken, die reichlich in die Jahre gekommen zu sein scheinen. Bündel von Dokumenten lehnen windschief aneinander. Sie wirken mal mehr, mal weniger mitgenommen.

"So sahen unsere Musikwissenschaftlichen Sammlungen früher aus", erzählt Gammert. Seit 2014 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft für die Sammlungen verantwortlich. "Im Jahr 2012 begann die Koordination aller Sammlungen hier an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz", erinnert er sich. "Es wurde geschaut, was wir überhaupt alles auf dem Campus haben. Wir wollten mit diesen Bildern von unseren Sammlungen dokumentieren: Da muss etwas getan werden." Das wirkte. Es tat sich einiges.

132 Jahre Mainzer Liedertafel

Von seinem Büro im ersten Stock des Philosophicums führt Gammert hinab in den Keller. An einer Stahltür hängt ein Zettel mit der Aufschrift "Übräume". Hinter der Tür verbirgt sich aber noch einiges mehr: Ein Gitterverschlag dominiert einen niedrigen Kellerraum. Moderne Metallregale reihen sich darin, fast bis unter die Decke gefüllt mit immer gleichen, hellgrauen Kartons.

Im Kern bestehen die Musikwissenschaftlichen Sammlungen der Abteilung Musikgeschichte aus zwei großen Teilbeständen, nämlich zum einen aus dem Nachlass des Mainzer Prälaten Adam Bernhard Gottron (1889-1971), der sich als Honorarprofessor an der JGU mit der regionalen Musikgeschichte beschäftigte. Zum anderen besteht sie aus den im Keller lagernden, kleineren Nachlässen, die teilweise bereits recht gut geordnet sind, teilweise noch auf ihre Erschließung warten.

Vor allem aber lagert hier das umfangreiche Notenarchiv der Chorvereinigung "Mainzer Liedertafel und Damengesangsverein". "Wir haben den größten Teil der Aufführungsmaterialien von der Gründung der Liedertafel im Jahr 1831 bis zu ihrer Auflösung 1969", berichtet Gammert. "Es gibt nur relativ kleine Lücken. Ich will mal sehen, was ich Ihnen zeigen kann." Während er weiter erzählt, sucht er nach einem speziellen Karton.

Chorstimmen in Kartons

"Die Bedeutung der Liedertafel war immens für die Stadt. Sie war als Kulturträger sehr aktiv." Die Chorvereinigung baute im Laufe ihrer Geschichte zwei repräsentative Konzerthäuser. "Das erste wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, mit dem zweiten übernahm sich die Liedertafel finanziell und löste sich auf." Davor jedoch gab sie regelmäßig große Konzerte, spielte mit dem städtischen Orchester und umrahmte beispielsweise die Feierlichkeiten zur Aufstellung des Gutenberg-Denkmals vor dem Mainzer Theater 1837. Zudem richtete sie Veranstaltungen wie das IV. Mittelrheinische Musikfest im Jahr 1860 aus. "Die Festchöre dort müssen gigantisch gewesen sein", meint Gammert. Damals meldeten sich 900 Sängerinnen und Sänger an.

Er öffnet eine Kiste. Obenauf liegt die Partitur von Händels "Israel in Ägypten". Dieses Oratorium brachte die Liedertafel gemeinsam mit Chören aus Darmstadt, Mannheim und Wiesbaden beim Musikfest zur Aufführung. Das Archiv enthält nicht nur diese Partitur. "Wir haben sämtliche Chorstimmen, oft sind sie sogar mit den Namen der Sänger versehen." Die Stimmen lagern in fünf Kartons. Wer hier forschen will, kann sehr weit ins Detail gehen.

Er zieht einen weiteren Karton heraus und präsentiert einen Klavierauszug von Giovanni Sgambatis "Messa da Requiem", gedruckt beim renommierten Mainzer Musikverlag "B. Schott's Söhne", der heutigen Schott Music GmbH & Co. KG. "Der Abzug enthält viele Korrekturen." Gammert zeigt rot angestrichene Passagen, ergänzte Noten, Kommentare. "Sie wurden dann später in die Ausgabe übernommen." Der Korrekturabzug war ein Zufallsfund nach flüchtiger Durchsicht. Es ist nicht auszuschließen, dass im Archiv noch weitere Schätze zu finden sind.

Adäquate Lagerung

Für Gammert ist erst einmal wichtig: "Jetzt lagern all diese Dokumente sachgerecht – liegend und in säurefreien Kartons." Sie warten auf eine noch genauere Erfassung und auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an ihnen forschen.

Aus dem Keller geht es wieder hinauf in den ersten Stock und zur Bibliothek der Abteilung Musikwissenschaft. Hier befindet sich der bereits erwähnte Nachlass von Prälat Adam Bernhard Gottron. Ganz hinten in einem ungeheizten Raum öffnet Gammert einen Schrank mit den Worten: "Unsere Schätze, wenn Sie so wollen." Er zieht einen schmalen Band hervor. "Es ist ein Arbeitsbuch des Komponisten Franz Messer." Messer war einer der frühen Leiter der Mainzer Liedertafel. In seinem Arbeitsbuch finden sich neben bereits sehr detailliert ausgearbeiteten Kompositionen auch eher skizzenhaft notierte Passagen.

"Das ist eine wichtige Quelle, an der man die Arbeitsweise des Komponisten nachvollziehen kann. Sie lässt auch Rückschlüsse zur Bewertung von Quellen zu, wenn man etwa eines der Werke edieren möchte." Genau dies nahm Gammert 2013/2014 mit einer Gruppe Studierender im Zuge seines vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK) unterstützten Projekts ELaM – Editionslabor Musikwissenschaft in Angriff.

Gottron spürte Persönlichkeiten wie Messer nach. Sein großes Thema waren die Musiker und Komponisten der Region. Er war einer der maßgeblichen Begründer der Arbeitsgemeinschaft für Mittelrheinische Musikgeschichte e.V. und legte auch am Institut für Musikwissenschaft der JGU, wo er seit 1959 als Honorarprofessor arbeitete, den Grundstein für den bis heute bestehenden Arbeitsschwerpunkt.

Adam Bernhard Gottron

"Er war eine spannende Persönlichkeit", erzählt Gammert, während er an den Regalen der Bibliothek entlangführt, um dann in einen engen Gang abzubiegen. "Er hat Archive in der Region sowie im In- und Ausland bereist und die Musik von Mainzer Komponisten gesammelt." Gammert schlägt einen großformatigen roten Band mit Mainzer Wappen auf. Er enthält von Gottron handschriftlich notierte, häufig aus den Einzelstimmen in Partituren übertragene Kompositionen. "Im Laufe von 30 Jahren sind 29 Bände entstanden." Gottron nannte die Reihe "Mainzer Musiker". Sie beinhaltet Musik des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. Viele der handschriftlich notierten Stücke sind bekannt, manche aber sind selten oder gar nicht überliefert.

Daneben wirkt Gottrons Lebenswerk "Mainzer Musikgeschichte 1500-1800", immerhin auch ein veritabler Wälzer, beinahe schon bescheiden. Gammert zeigt ein Durchschussexemplar, das mit Blick auf eine spätere Auflage Platz für Korrekturen und Ergänzungen lässt. Gottron arbeitete mit diesem Buch. Es finden sich eingeklebte Zeitungsartikel, zusätzliche Absätze und einiges mehr.

"Haben Sie einen Eindruck bekommen?", fragt Gammert nach, während er auch dieses Buch zurückstellt. Die Frage scheint eher rhetorisch. Selbst eine ausgedehnte Führung kann hier nicht mehr vermitteln als einen allerersten Eindruck. Die Fülle ist ungeheuer. "Unsere Sammlungen sind noch im Umbruch", meint Gammert zum Abschied. Einiges sei schon getan, aber es gebe noch reichlich Arbeit. Die grauen Kisten im Keller warten – auf ihre genauere Erschließung, auf Wissenschaftler, Neugierige und Entdecker.