Geisteswissenschaften werden digital

4. Januar 2017

Mit dem Masterstudiengang "Digitale Methodik in den Geistes- und Kulturwissenschaften" setzen die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und die Hochschule Mainz neue Maßstäbe. Seit dem Sommersemester 2016 bilden sie Fachleute aus, die sowohl in der Informatik als auch in Disziplinen wie Archäologie oder Geschichte, Sprach- oder Musikwissenschaft zu Hause sind.
 

Prof. Dr. Kai-Christian Bruhn hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen kann. "Zwei Hochschulen haben unter Beteiligung von vier Fachbereichen einen gemeinsamen Studiengang geschaffen und das bei einer Akkreditierungszeit von knapp sieben Monaten." – "Wir hatten nicht mal mehr Zeit, den Studiengang richtig zu bewerben", greift PD Dr. Peter Niedermüller, frisch gebackener Studiengangmanager, den Faden auf. "Trotzdem erhielten wir rund 40 Bewerbungen."

Aufbruchsstimmung ist zu spüren und viel Begeisterung schwingt mit, wenn Bruhn, Niedermüller und Juniorprofessorin Dr. Stefanie Acquavella-Rauch vom neuen Masterstudiengang "Digitale Methodik in den Geistes- und Kulturwissenschaften" der JGU und der Hochschule Mainz erzählen. Zwar ist es erst wenige Monate her, dass sich die ersten Studierenden eingeschrieben haben, doch die drei können bereits auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken.

Mainz vernetzt sich

"Es begann 2014 mit einem Tag der digitalen Geisteswissenschaften", erinnert sich Bruhn. "Dort versammelten sich zum ersten Mal alle Mainzer Institutionen, die in irgendeiner Weise an digitalen Projekten im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften arbeiten." Neben der JGU und der Hochschule Mainz waren auch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (ADW), das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz (RGZM), das Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. (IGL) und das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) vertreten.

Bald war klar: Eine tiefergreifende Kooperation würde von Vorteil sein. In diese Richtung wollten alle Beteiligten arbeiten. Daraufhin übernahm die Vizepräsidentin für Studium und Lehre der JGU, Prof. Dr. Mechthild Dreyer, die weitere Koordination. Im November 2015 wurde dann auch schon "mainzed", das Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften, gegründet. Bruhn, Professor am Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik an der Hochschule Mainz und Honorarprofessur an der JGU, übernahm als Direktor die Leitung des neu geschaffenen Netzwerks. "Es ist in dieser Art einmalig", sagt er, "mainzed hat Modellcharakter."

Längst ist die digitale Welt in die Geistes- und Kulturwissenschaften vorgedrungen. Das bietet neue Chancen, stellt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber auch vor Herausforderungen. "Mit mainzed wollen wir in die Köpfe bringen, wie wichtig Digitalität ist", betont Bruhn. "Jedes Projekt braucht heute ein gewisses Maß an Digitalität – allein schon deswegen, weil sonst keine Drittmittel fließen."

Digitale Welt verstehen

Das erste große Projekt von mainzed ist der neue Masterstudiengang. "Wir brauchen ihn, um Leute auszubilden, die die digitale Welt verstehen, die zugleich aber auch in einem geistes- oder kulturwissenschaftlichen Fach zu Hause sind", erklärt Bruhns. Verankert wurde der Studiengang im Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der JGU. Damit kamen Acquavella-Rauch und Niedermüller von den Musikwissenschaften ins Spiel.

Juniorprofessorin Dr. Stefanie Acquavella-Rauch beschäftigt sich intensiv mit digitalen Editionen: "Auch in unserem Fach ist es so, dass Projekte ohne digitalen Anteil nicht mehr gefördert werden. Aber uns fehlen die dementsprechend qualifizierten Absolventinnen und Absolventen. Pionierprojekte haben uns deutlich gezeigt: Wenn wir Fachfremden erst erklären müssen, was wir im digitalen Bereich brauchen, geht zu viel Zeit verloren."

Die Grenze zwischen den Disziplinen soll also durchlässig werden. "Für den neuen Studiengang konnten sich sowohl Absolventinnen und Absolventen der Informatik also auch der Geistes- und Kulturwissenschaften bewerben", erzählt Niedermüller. Letztlich wurden 16 Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt. "Die Zulassungsbeschränkung erklärt sich aus den vorhandenen Kapazitäten", erklärt der Studiengangmanager.

Crashkurs Geisteswissenschaften

Zum Auftakt fand zunächst eine "Indian Summer School" an der Digitalen Akademie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz statt. Hier bekamen die Studierenden einen Einblick, welche Bandbreite an digitalen Projekten die Akademie im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften bereits betreut.

"Wir waren uns von Anfang an darüber klar, dass wir es bei unseren Studierenden mit einer sehr heterogenen Gruppe zu tun haben werden", sagt Niedermüller. Dem trägt eine Reihe von Angleichungsmodulen Rechnung: Wer bereits einen Bachelorabschluss in Informatik hat, bekommt einen Crashkurs in den Geistes- und Kulturwissenschaften, die Bachelorabsolventen der Geistes- und Kulturwissenschaften durchlaufen einen Kurs in Informatik.

"Ein Herzstück des Studiums wird ein Modul sein, in dem sich die Studierenden konkret mit Daten aus der Geoinformatik oder der musikwissenschaftlichen Edition, der Sprach- oder der Translationswissenschaft beschäftigen", erzählt Acquavella-Rauch. "Sie werden die Edition historischer Quellen bei Institutionen wie der Digitalen Akademie oder dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte kennenlernen." Parallel erfolgt noch eine weitere Vertiefung in einem Fach der Geistes- oder Kulturwissenschaften.

"Im dritten Semester wird es ein Praktikum geben, bei dem die Studierenden in ein Forschungsprojekt eingebunden werden", erzählt Bruhn. "Wir werden sehr darauf achten, dass dort das Niveau stimmt." Er ist überzeugt: "Es wird kein Problem sein, entsprechende Praktikumsplätze zu finden. Gerade erst bekam ich einen Anruf aus Hamburg: 'Ihr habt da doch so spezielle Studierende, die könnten wir hier gut gebrauchen ...'"

Studiengang erregt Aufsehen

Das war nicht die einzige Anfrage. Der neue Masterstudiengang erregt bundesweit Aufsehen. Wie mainzed selbst, mauserte auch er sich rasant zum zukunftsweisenden Modell. "Und er funktioniert besser, als ich es mir habe träumen lassen", bekräftigt Bruhn. "Bisher habe ich noch keine Gruppe unterrichtet, die so divergierend und zugleich so aktiv ist." – "Die Studierenden bringen jetzt schon selbstständig Themen ein und zeigen Aspekte auf, die wir so oft noch gar nicht im Blick hatten", erzählt Acquavella-Rauch.

Das soll genutzt werden. Im Herbst 2017 kommt der zweite Jahrgang, dann werden die Studierenden die "Indian Summer School" für ihre neuen Kommilitonen und Kommilitoninnen mitgestalten. Zudem werden sie in Zukunft die Jahrestreffen von mainzed mit ihren Beiträgen bereichern.

"Viele denken, mit der Digitalisierung wird alles einfacher", meint Bruhn. "Aber das ist ein fataler Fehlschluss. Es ist kompliziert, das Wissen der einzelnen Fächer für die digitale Welt zu modulieren. Es entstehen neue Herausforderungen, aber auch ganz neue Potenziale. Der Blick auf die einzelnen Disziplinen und ihr Verhältnis zueinander verändert sich. Niemand wird sich mehr fragen: Bin ich noch Informatiker oder schon Geisteswissenschaftler? Die digitale Welt ist eine Welt der Kollaboration." Die einzelnen Disziplinen der Geistes- und Kulturwissenschaften werden über die Digitalität enger zusammenrücken und sich gegenseitig bereichern. Der neue Masterstudiengang hält das Know-how dafür bereit.