Botschafter mit Leidenschaft für Europa

2. Januar 2017

Michael Zenner und Kornelia Bitzer-Zenner studierten beide in den 1970er-Jahren an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Hier lernten sie sich kennen, bevor sie hinaus in die Welt zogen. Er ist heute Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Algier, sie arbeitete 30 Jahre lang für das Goethe-Institut und fünf Jahre für das Auswärtige Amt als Spezialistin für Kultur. Bei einem Besuch auf dem Gutenberg-Campus erzählen die beiden von ihren Stationen in Spanien und Indien, in Mexiko, Nigeria und Algerien – und auch von ihrer Zeit in Mainz.
 

Das Ehepaar Zenner ist nach rund vier Jahrzehnten an seine Alma Mater zurückgekehrt. "Meine Frau und ich freuen uns sehr darauf, unsere alte Uni wiederzusehen", hatte Michael Zenner ein paar Wochen zuvor aus Algier geschrieben. Dort lebt und arbeitet er seit Sommer 2016 als Botschafter für die Bundesrepublik Deutschland. Davon und von seinen anderen Stationen wird er berichten, bevor es auf eine Stippvisite an seinen einstigen Studienort geht: das Philosophicum.

Alltag in Algier

"Ich finde es spannend, auf der anderen Seite des Mittelmeers zu leben", erzählt Michael Zenner. "Algier spielt eine große Rolle in Nordafrika." Botschafter bestimmen nicht selbst, in welches Land sie geschickt werden. "Aber wir können Wünsche äußern." Und Algier hatte er sich gewünscht, daran lässt Zenner keinen Zweifel. "Es ist interessant, in einem muslimischen Umfeld zu leben", ergänzt Kornelia Bitzer-Zenner. "Man bekommt den Islam aus einem völlig anderen Blickwinkel mit als hier in Deutschland." – "Algier ist sehr international und aufgeklärt", so Michael Zenner.

Anfang der 1970er-Jahre kamen die beiden an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, um hier Germanistik zu studieren. Michael Zenner ist gebürtiger Bad Kreuznacher, da lag Mainz nahe, Kornelia Bitzer-Zenner stammt aus der Nähe von Bonn. "Wir lernten uns im ersten Semester kennen", erzählt er. "Wir haben uns allerdings gestritten in den Seminaren", erinnert sie sich. Beide vertraten regelmäßig unterschiedliche Thesen – und das mit Leidenschaft. Also gingen sie sich zumindest in diesem Bereich lieber aus dem Weg.

Michael Zenner interessierte sich bald mehr für eines seiner Nebenfächer als für die Germanistik: Neben Philosophie studierte er Geschichte und entdeckte vor allem das Mittelalter und die französischen Politik des 11. und 12. Jahrhunderts für sich. Er begann sogar eine Dissertation bei dem mittlerweile verstorbenen Prof. Dr. Alfons Becker.

Spanien im Aufbruch

"Wir studierten beide auf Lehramt, etwas anderes kam damals gar nicht in Frage", erinnert sich Kornelia Bitzer-Zenner. "Allerdings war uns auch klar, dass wir nicht in den Schuldienst wollten." Das machte die Zukunftsplanung nicht gerade einfach.

Nach dem ersten Staatsexamen ließ Michael Zenner es auf einen Versuch ankommen und bewarb sich beim Auswärtigen Amt. An die schriftliche Aufnahmeprüfung im Frankfurter Römer erinnert er sich noch recht gut. "Ich sollte einen Aufsatz zum Thema 'Braucht die Bundesrepublik Deutschland einen Nationalfeiertag' schreiben." Danach ging es mit rund 100 weiteren ausgewählten Bewerberinnen und Bewerbern zur mündlichen Prüfung an die Diplomatenschule des Auswärtigen Amts in Bonn-Ippendorf. Zenner bestand. Für ihn waren die Weichen gestellt.

Kornelia Bitzer-Zenner studierte bis zum zweiten Staatsexamen in Mainz. "Drei Dinge waren mir klar: Ich wollte gern mit ihm zusammenbleiben, ich wollte aber selbst arbeiten und ich wollte etwas mit Kultur machen." Sie bewarb sich erfolgreich beim Goethe-Institut. "Das machte es uns tatsächlich möglich, über 43 Jahre hinweg fast immer zusammen zu sein."

Die Deutsche Botschaft Madrid war 1981 die erste Station im Ausland. Michael Zenner kam als Legationssekretär dorthin. "Es war eine spannende Zeit. Felipe González gewann die Wahlen und wurde Ministerpräsident." Die Zenners erlebten die Konsolidierung der jungen spanischen Demokratie.

Kalkuttas Kultur

Es folgte Kalkutta. "Das war eine schwierige, aber schöne Stelle", blickt Zenner zurück. "Vor allem kulturell war Kalkutta interessant. Viele große indische Künstler kommen aus Bengalen." Als Beispiel nennt er den berühmten Sitar-Spieler Ravi Shankar, der einige Zeit mit den Beatles zusammenarbeitete. Unter anderem traf das Ehepaar in Kalkutta auf Mutter Theresa und den späteren Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Auch davon erzählen die beiden.

1989 kam Zenner als Leiter des Wirtschaftsreferats an die Botschaft Mexiko-Stadt. "Mexiko hatte sich gerade wirtschaftlich geöffnet. Es war eine Herausforderung zu bewerten, wie sich das weiter entwickeln würde."

Danach ging es zurück nach Bonn. In den folgenden 15 Jahren sollte Michael Zenner in der einen oder anderen Funktion die Institutionen der Europäischen Union kennenlernen. "Die Europa-Politik lässt mich seitdem nicht mehr los", sagt er. Die momentan grassierende Skepsis schmerzt ihn. "Letztendlich kommen wir nur als Europa weiter. Wir müssen zusammenhalten und enger zusammenrücken." Das moderne Europa ist für beide keine Selbstverständlichkeit: Sie erinnern sich noch an ein Europa der Grenzkontrollen und der unterschiedlichen Währungen. Sie wissen das Erreichte zu schätzen.

"Wir sprechen mehrere europäische Sprachen", sagt Kornelia Bitzer-Zenner. "In Madrid ist mir das zum ersten Mal aufgefallen: Wenn sie die Menschen verstehen, fühlen sie sich nicht fremd. Sie haben das Gefühl: Ich bin auch hier zu Hause. Das ist mein Europa." 2011 wurde Zenner Botschafter in Dänemark. "Ich hatte das Glück, vorher Dänisch lernen zu können, das war nur wenigen Kolleginnen und Kollegen dort möglich."

Zweimal Afrika

Dann ging es weiter nach Afrika: Zenner wurde zum Botschafter in Nigeria ernannt. "Es ist schade, dass wir in Deutschland so wenig von diesem Land erfahren. In den Nachrichten hören wir immer nur von Boko Haram." Die Terrororganisation sei sicher ein sehr großes und äußerst schwerwiegendes Problem. "Aber Nigeria hat so viel zu bieten. Es ist ein sehr interessantes Land."

Nach den üblichen drei Jahren Amtszeit wechselte Michael Zenner von West- nach Nordafrika auf seine aktuelle Stelle nach Algier. Das Paar erzählt von der algerischen Kultur, von Schriftstellern, von den wechselhaften Beziehungen des Landes zu Frankreich. Wie in all den anderen Ländern profitieren die beiden von ihrem doppelten Blickwinkel. "Mein Mann hat mehr mit den Menschen zu tun, die das Land leiten, ich lerne eher die normalen Menschen kennen", erklärt Kornelia Bitzer-Zenner lächelnd. Das will ihr Mann so nicht stehen lassen. "Als Botschafter schaut man heute, dass man Vorträge an Universitäten hält, mit den Menschen diskutiert, an kulturellen Veranstaltungen teilnimmt. Es geht darum, das Land, in dem man lebt, zu verstehen. Ich vertrete ja nicht nur Deutschland, ich versuche auch hier zu erklären, wie ein anderes Land tickt."

Ein wenig lässt dieser Dialog erahnen, wie es damals in den Germanistik-Seminaren gewesen sein könnte, als die beiden oft gegensätzliche Thesen vertraten. Nun wollen sie ins Philosophicum, wo es begann.

"Es hat sich gar nicht so viel verändert", meint Michael Zenner beim Gang über den Innenhof. "Werden im P1 immer noch Theaterstücke aufgeführt?", fragt Kornelia Bitzer-Zenner. Michael Zenner ergänzt: "Wir haben uns in der Theatergruppe der Uni kennengelernt."

Die Antwort folgt auf dem Fuße: Im Philosophicum selbst wirbt eine Studentin für eine Aufführung just an diesem Abend. "Es ist schön geworden", meint Kornelia Bitzer-Zenner, "und etwas ordentlicher." Aber im Grunde ist es ihr Philosophicum geblieben. Alles wirkt beinahe wie vor 40 Jahren, selbst wenn im Umfeld diverse Neubauten das Bild des Gutenberg-Campus verändern. "Wie wäre es, wenn ich doch noch meine Dissertation schreibe?", spekuliert Michael Zenner.