Vorreiter in der binationalen Lehrerausbildung

19. Januar 2017

Seit 40 Jahren arbeiten die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und die Université de Bourgogne in Dijon eng zusammen. Vor 25 Jahren riefen sie ihre ersten deutsch-französischen Studiengänge mit Doppelabschluss ins Leben. Besonders in der Lehrerausbildung nimmt die Partnerschaft der beiden Universitäten eine Vorreiterrolle ein. Nun setzen sie mit einem lehramtsbezogenen Masterstudiengang neue Maßstäbe.
 

Ein schön gerahmtes Bild des französischen Philosophen René Descartes steht auf zwei Kisten an die Wand gelehnt. Das Porträt ist ein Hingucker im Dijonbüro auf dem Gutenberg-Campus. "Für unsere Power-Point-Präsentationen müssen wir ihn aber doch immer beiseite räumen", erzählt Tanja Herrmann lächelnd. Heute aber darf der Philosoph an seinem Platz bleiben und zuhören.

Es geht um bisher über vier Jahrzehnte erfolgreicher Zusammenarbeit der beiden Universitäten, um die binationalen Studiengänge und um den neuen Studiengang Master of Education Mainz-Dijon, der zum Wintersemester 2017/2018 starten wird.

Dr. Lutz Baumann lehrt am Philosophischen Seminar der JGU und berät dort auch zu Fragen rund ums Fachstudium. Für diesen Termin allerdings ist sein dritter Aufgabenbereich wichtig: Baumann leitet ehrenamtlich das Dijonbüro. Früher war das eine recht überschaubare Aufgabe. Doch das ist lange her. Hier laufen die Fäden der äußerst fruchtbaren Kooperation zwischen den Universitäten Mainz und Dijon zusammen. "Das Büro ist über die Jahre gewissermaßen organisch gewachsen", erklärt Baumann.

Deutschlandweit einmalig

Das mitgewachsene Studienprogramm kann sich sehen lassen. Die Université de Bourgogne und die JGU bieten eine ganze Reihe von Bachelor- und Masterstudiengängen an, die Studierende sowohl nach Dijon als auch nach Mainz führen. Einen Master of Arts, der in beiden Ländern anerkannt wird, können Studierende in neun Fächern der Geistes- und Kulturwissenschaften absolvieren, darunter Disziplinen wie Komparatistik, Italienische Literaturwissenschaft und Mittelalterliche Geschichte.

"Diese Bandbreite ist deutschlandweit einmalig", sagt Tanja Herrmann. Sie arbeitet in der Abteilung Studium und Lehre der JGU und ist mitverantwortlich für Konzeption, Ausgestaltung und Abstimmung der binationalen Studiengänge. Zudem schreibt die Historikerin an ihrer Dissertation – und zwar am Deutsch-Französischen Doktorandenkolleg in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften Mainz-Dijon, einer weiteren Facette des umfangreichen Studienangebots.

Im Moment konzentriert sie sich besonders auf die lehramtsbezogenen Studiengänge. Ein Bachelor of Education Mainz-Dijon ist schon länger möglich, doch ab dem Wintersemester 2017/2018 wird das Angebot durch einen lehramtsbezogenen Masterstudiengang abgerundet, ein absolutes Novum in der deutsch-französischen Studienlandschaft. Und beide Partneruniversitäten wollen sogar noch einen Schritt weiter gehen: Eine deutsch-französische Arbeitsgruppe arbeitet gerade an der Umsetzung des deutschland- und frankreichweit ersten binationalen Referendariats für die Sekundarstufe 2, das im Sommer 2019 starten soll.

Überbrückung der Unterschiede

Schon die Ausgestaltung des Bachelors war nicht einfach, denn es gibt viele Unterschiede im Curriculum der beiden Länder. Lisa Frank, Absolventin des Studiengangs und wissenschaftliche Hilfskraft im Dijonbüro, bringt die Differenzen auf den Punkt: "In Deutschland haben wir zwei Studienfächer mit viel Praxis und einem hohen fachdidaktischen Anteil. In Frankreich beschränken sich die Studierenden auf ein Fach, Praxis und Fachdidaktik spielen kaum eine Rolle." Zudem gibt es an französischen Universitäten ein schulähnliches Versetzungssystem, in Deutschland dagegen die flexiblere Regelstudienzeit. Hier mussten für den binationalen Bachelorstudiengang Brücken geschlagen werden.

Mit dem Masterstudiengang wird es noch ein Stück komplizierter. "Die Lehramtsausbildung ist schon von ihrer Struktur her sehr unterschiedlich", erzählt Herrmann. "Zum Beispiel bereiten sich die Franzosen in ihrem vierten akademischen Jahr ausschließlich auf den Rekrutierungswettbewerb, den Concours, vor." Wird dieser erfolgreich absolviert, winken direkt eine feste Lehrerstelle und der Beamtenstatus. In Deutschland sieht die letzte Studienphase ganz anders aus, zudem ist der Übergang ins Berufsleben nicht so fest geregelt. "Dafür verdienen Lehrerinnen und Lehrer bei uns entschieden mehr", stellt Herrmann klar – eine mögliche Motivation für Studierende, trotzdem auf das deutsche Schulsystem zu setzen.

Es gibt viel zu berücksichtigen bei den binationalen Studiengängen. Für Herrmann gehören gerade die kleineren Abstimmungen zu den alltäglichen Aufgaben. "Es gibt viele Schwierigkeiten, für die man im Einzelnen Lösungen finden muss. Ich beschäftige mich viel mit verwaltungstechnischen Abläufen. Gerade habe ich es mit den Regelungen bei Wiederholungsprüfungen zu tun. Zwar sind die Regeln in Frankreich generell viel strikter, auf der anderen Seite findet sich dort irgendwie doch meist noch ein Weg, wenn etwas schiefläuft. In solchen Fällen ist wiederum die Regelung in Deutschland strenger."

Italien und Kanada mit im Boot

Die binationalen Studiengänge erfordern vonseiten der Studierenden viel Engagement, aber sie bekommen dafür auch ein attraktives Programm und Unterstützung auf vielen Ebenen. Unter anderem gibt es beim Aufenthalt im Ausland von der Deutsch-Französischen Hochschule 270 Euro monatlich. "Ich wäre nicht nach Mainz gekommen ohne diese Studiengänge", stellt Frank klar. "Ich wollte viel reisen und ins Ausland gehen, ich wollte in Frankreich leben."

Der Master of Education kommt für sie etwas zu spät. Sie erweitert ihren binationalen Bachelor mittlerweile mit einen deutsch-französischen Master of Arts. Das gibt ihr die Möglichkeit, ihre Fühler noch weiter ins Ausland zu strecken. Denn diese Studiengänge bieten Aufenthalte an einer dritten Partneruniversität, wahlweise in Kanada oder Italien.

Der Master of Education wird das Studienprogramm des Dijonbüros abrunden. Doch Baumann will hier nicht Halt machen, er kann sich weitere Initiativen vorstellen. Er sieht zum Beispiel Möglichkeiten für einen Studiengang unter Einbeziehung der Hochschule für Musik Mainz. "Auch die Naturwissenschaften wären ein interessantes Feld."

Deutsch-französische Freundschaft

Was Ende der 1970er-Jahre recht informell mit wechselseitigen Aufenthalten von Studierenden in Mainz und Dijon begann, hat sich prächtig entwickelt. "Damals hing die Intensität der Kontakte noch vom Engagement einzelner Kollegen ab", erzählt Baumann. Prof. Dr. Joachim Kopper vom Philosophischen Seminar war einer der Vorreiter. "Heute können wir als Modell dienen, wie sich Hochschulen im deutsch-französischen Dialog aufstellen sollten. In unserer Region haben wir mit unseren Absolventinnen und Absolventen den Schulunterricht sicher mitgeprägt."

Aus den Studiengängen sind Lehrerinnen und Lehrer hervorgegangen, die über den nationalen Tellerrand schauen, die Wissen und Begeisterung für den Nachbarn vermitteln. "Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen rechtspopulistischen Strömungen in Deutschland und besonders in Frankreich mit der Front National ist unsere Arbeit ein wichtiger Beitrag zu den deutsch-französischen Beziehungen", sagt Herrmann. "Ich habe schon manchmal die Befürchtung, dass sich da etwas zurückentwickeln könnte. Deswegen müssen wir die deutsch-französische Freundschaft im Alltag und in den Schulen weiter verankern." Auch dafür steht die Arbeit des Dijonbüros an der JGU.