Die Suche nach dem "missing link" wird abgeblasen

2. Mai 2012

Am Beginn der Menschwerdung steht nicht etwa das große Gehirn, sondern der aufrechte Gang. Prof. Dr. Friedemann Schrenk, 13. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur, führt seine Zuhörer zum Auftakt der Vorlesungsreihe "Out of Africa: Zur Globalgeschichte des Homo sapiens" zu den Wurzeln der Menschheit.
 

Es ist schwer, etwas Genaues über die Urahnen des Menschen zu erfahren. "Was haben wir denn überhaupt zur Verfügung, um unsere Geschichte zu rekonstruieren?", fragt Prof. Dr. Friedemann Schrenk, nur um gleich selbst die Antwort zu geben: "Es ist wenig – die härtesten Teile, ein paar Knochen, ein paar Zähne, und die sind stumm. Es hängt auch nirgends ein Zettel dran: 'Ich war ein Vormensch.'"

Dennoch wird der Paläoanthropologe als 13. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur versuchen, Antworten zu geben auf die wichtigen Fragen zur Herkunft des Menschen. In seiner zehnteiligen Vorlesungsreihe "Out of Africa: Zur Globalgeschichte des Homo sapiens" führt er nicht nur selbst zu dem Thema hin, sondern begrüßt auch prominente Gäste, darunter einige Kollegen aus Afrika.

Traditionell steht dem Stiftungsprofessor der größte Hörsaal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) Verfügung, wo dann traditionell der Platz knapp wird: Rund 1.200 Gäste kann Schrenk bei seinem ersten Vortrag "Ursprünge – Die Suche nach dem 'missing link'" begrüßen.

"Es gibt kein richtig und kein falsch"

"Man sucht immer einen 'missing link', und wenn man ihn gefunden hat, ist er nicht mehr missing. Das heißt, es gibt gar keinen 'missing link'", behauptet der Paläoanthropologe. Die Suche danach ist für ihn also abgeblasen, lieber begibt er sich mit dem Auditorium auf die Suche nach den Wurzeln der Menschheit. Doch er warnt: "Es gibt kein richtig und kein falsch in unserer Wissenschaft, es gibt nur Wahrscheinlichkeiten."

Was die Sache noch schwieriger macht: Das Weltbild der Wissenschaftler spielt eine große Rolle bei der Interpretation der kargen Funde. Als 1857 im Neandertal Fragmente des Homo neanderthalensis ans Tageslicht kamen, waren sich die selbstbewussten Teutonen sicher: Der Mensch entstand in Deutschland. "1891 wanderte die Wiege der Menschheit nach Südostasien ab", erzählt Schrenk. In Java entdeckte Eugen Dubois Reste des Pithecanthropus erectus. Dann ging es zurück nach England: "1912, 1913 haben einige Leute beschlossen, dass die Wiege des Menschen in Piltdown steht."

Eine Fälschung passt ins Weltbild

Der Piltdown-Mensch hatte ein großes Hirn, kräftige Zähne und ging auf vier Beinen. "Das entsprach damals dem Weltbild. Das Dumme ist nur, dass es sich hier um das Schädelstück eines Homo sapiens und um Kieferteile eines Affen handelt." Aber die Fälschung passte eben großartig zu den damaligen Vorstellungen.

Schrenk schaut 13 Millionen Jahre zurück: Pierolapithecus catalaunicus hat ursprünglich im tropischen Regenwald Afrikas gelebt. Er hatte die Möglichkeit, sich auf seine kurzen Beine zu stellen. "Seine Finger waren kerzengrade, er konnte nicht hangeln. Das Hangeln gehört nicht zum Grundinventar unserer Vorfahren, es ist ein späte Entwicklung bei den Affen."

Erste Gehübungen im Wasser

Der Hang zum aufrechten Gang wurde vor acht bis fünf Millionen Jahren wichtig, als es zu einer globalen Abkühlung kam. Der afrikanische Regenwald ging zurück, Früchte wurden rar, dafür gab es in den Savannen jetzt freie Wasserflächen. Menschenaffen, die nicht schwimmen konnten, richteten sich im Gewässer auf, um dort nach Nahrung zu suchen. "Das Wasser gibt dann Auftrieb, um den Gang zu stabilisieren." Diese Uferhypothese vom watenden Vormenschen favorisiert Schrenk.

"Aber wer hat's erfunden?", fragt der Paläoanthropologe. Wer also wagte sich zuerst auf zwei Beine? "Meine Meinung ist: Es haben viele mit dem aufrechten Gang experimentiert." Verschiedenste Varianten des Vormenschen entwickelten sich. "Das ist keine Linie der Entwicklung zum Homo sapiens, nicht mal ein Stammbaum, das ist ein ganzer Stammbusch. Die letzten unserer Mitmenschen sind erst vor 12.000 Jahren ausgestorben, das waren die Flores-Menschen. Wir waren eigentlich nie allein in der Geschichte. Erst heute sind wir ganz allein auf der Welt."

Schon vor Beginn des Vortrags hatte Universitätspräsident Prof. Dr. Georg Krausch konstatiert: "Die Vorlesungsreihe des Stiftungsprofessors gehört zu den Höhepunkten des akademischen Lebens." Auch Peter Radermacher, der Vorsitzende der Freunde der Universität, zeigte sich im Voraus begeistert: "Der größte Hörsaal der Universität ist voll. Ich freue mich, einen Querschnitt der Gesellschaft hier zu sehen." Die Vereinigung der Freunde rief im Jahr 2000 die Stiftung ins Leben, über deren Erträge die prominent besetzte Professur finanziert wird.

Widerspruch ist erwünscht

Nach knapp zwei Stunden stimmen auch 1.200 Zuhörer dem Projekt zu: Applaus brandet auf. Stiftungsprofessor Schrenk hat sie alle überzeugt – fast alle. Denn bei der anschließenden Diskussion meldet sich ein Student erregt zu Wort: "Diese Watende-Affen-Hypothese ist doch gar keine Hypothese, das ist nur eine Erzählung." Moderator Prof. Dr. Andreas Cesana, Vorsitzender der Stiftung, versucht, zu beruhigen, doch Schrenk freut sich über den Einwurf. "Ich habe immer gesagt, ich will Widerspruch." Dem Kritiker antwortet er: "Mich interessiert das, wir reden gleich noch darüber."