Der Frühling erwacht mit Stimmgewalt

16. Mai 2012

Im Juni führt der Verein Musical Inc. das Broadway-Erfolgsmusical "Frühlings Erwachen – Ein neues Musical" auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) auf. Bei der öffentlichen Probe bekam man davon schon mal einen Vorgeschmack.
 

Im Hörsaal P1 des Philosophicums herrscht eifriges Stimmengemurmel. Mädchen in adretten Kleidern, mit weißen Unterröcken und Schürzen, und Jungen in dunkelblauen Jackets, weißen Hemden und dunklen, hochgezogenen Kniestrümpfen stehen in Gruppen beisammen und plaudern. Sie alle warten darauf, dass es losgeht.

Der Verein Musical Inc. e.V. hat zur öffentlichen Probe seines neuen Musicals "Frühlings Erwachen" eingeladen. Das Stück ist ein Broadway-Musical, das auf dem Drama von Frank Wedekind aus dem Jahr 1891 basiert und für das Musical Inc. die Rechte erworben hat. Bisher wurde es in Deutschland noch nicht oft aufgeführt. "Es ist also relativ aktuell; ein alter Stoff mit neuer Musik", erzählt Benjamin Hertlein, ehemaliges Ensemblemitglied. Die Reihen mit den Klappsitzen, auf denen tagsüber Studierende mehr oder weniger andächtig ihren Dozenten lauschen, sind nun zu gut einem Drittel mit interessierten Zuschauern gefüllt, die sich so eine Musical-Probe mal aus der Nähe anschauen möchten.

Über 100 Bewerber

Seit 1993 gibt es Musical Inc. schon als eingetragene Hochschulgruppe, seit 2008 auch als eingetragenen Verein. Die Darsteller sind allesamt Laien, in der Regel Studierende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) oder Ehemalige. Für "Frühlings Erwachen" wurden sie aus ca. 100 Bewerbern ausgesucht. Beim Casting mussten sie vorsingen und -tanzen und auch schauspielern. "Wir wollen die Leute rundum kennenlernen", erklärt der musikalische Leiter Thomas Wagner, Student an der Hochschule für Musik Mainz, das Prozedere. "Wir müssen ein Ensemble finden, das gut zusammen arbeiten kann", ergänzt Regisseur Steffen Storck, der an der JGU Englisch und Biologie studiert hat. Beide gehören zum Kreativteam, das die Proben leitet. Mit von der Partie sind dort auch noch Andreas Blatt und Daniel Schäfer (Musik), Frederic Jenewein (Regie), Sina Eckardt (Choreografie), Alexandra Granieczny und Lea Dannenberg (Visuelles).

In den vergangenen Jahren hat Musical Inc. viele erfolgreiche Musical-Produktionen auf dem Campus der JGU aufgeführt, zuletzt "Pinkelstadt", "RENT" und "3 Musketiere". Die Vorstellungen sind immer gut besucht. "Wir überlegen im Vorfeld, welche Stücke möglich sind, wo es mit den Rechten nicht so schwer ist", sagt die 1. Vorsitzende von Musical Inc., Lisa Wickert, zur Auswahl der Musicals. Aber auch die Vereinsmitglieder können Einfluss nehmen. "Jeder darf Vorschläge einreichen. Wir haben am Ende immer mehrere Stücke zur Auswahl und alle Vereinsmitglieder können dann abstimmen."

Gemietete Gefängnisbetten

Auf der Bühne des Hörsaals stehen auf von zahlreichen Studenten- und Dozentenfüßen abgewetzten Holzbrettern einige Pappkartons und gestapelte Tische, an der Wand hängt ein weißes Laken. "Das ist natürlich nicht alles, wir sind da noch am Arbeiten", sagt Granieczny. "Wir bekommen zum Beispiel dreistöckige Etagenbetten", verrät sie. Diese werden gemietet, der Hersteller stattet neben Jugendherbergen auch Gefängnisse und Anstalten aus. In der Regel werden die Requisiten aber komplett selber gemacht, nur Technik und Ton, die müssen eingekauft werden. Und eben die Jugendherbergs- und Gefängnisbetten.

Nach Aufwärmübungen und Einsingen wird die erste Szene an diesem Abend geprobt. Frau Bergmann versucht, ihre Tochter Wendla aufzuklären – und das möglichst harmlos. "Um ein Kind zu bekommen, musst du deinen Mann von ganzem Herzen … lieben … So, jetzt weißt du alles." Daraufhin begehrt Wendla, unterstützt von den anderen Mädchen, mit einem Lied auf. Die Stimmgewalt des Laienchors beeindruckt, das klingt bereits sehr professionell und macht Lust auf mehr. Choreografin Eckardt wünscht sich nur noch etwas mehr Elan in den Bewegungen. "Mädels, mehr mit Power nach vorne gehen, ihr seid wütend. Und Jungs, wenn das Lied vorbei ist, nicht anfangen, zu kichern."

Spaß bei den Proben

Der Kommentar führt zu noch mehr Erheiterung. In diesem Punkt sind alle in ihrer Rolle als Schüler drin. Auch das Kreativteam muss schmunzeln. Der Spaß darf schließlich nicht zu kurz kommen bei den Proben. Es wird aber schnell wieder ernst. Nun müssen auch die Jungen beweisen, dass sie Ihre Texte und Bewegungsabläufe können. Zunächst üben sie, im gemeinsamen Rhythmus auf die Bühne zu kommen, ihren Stuhl gleichzeitig hinzustellen und sich im selben Moment darauf zu setzen. Das ist tückischer, als es den Anschein haben mag. Die ersten Versuche sind noch wenig synchron. "Ihr seid nicht im Takt", mahnt Eckardt. Beim nächsten Mal klappt es schon viel besser. Dafür gibt es ermutigenden Zwischenapplaus von den Zuschauern. Nun das Ganze noch einmal mit Musik. "Aber bitte mit Pfeffer im Arsch!" feuert Eckardt an.

In den Reihen hat das Kreativteam seine ganz eigene Choreografie: Storck rauft sich bei einem Patzer die Haare und schlägt sich wenig später lachend beide Hände vor's Gesicht, als jemand zum wiederholten Male aus der Reihe fällt, Wagner bewegt dirigierend die Arme, Eckardt macht Bewegungen vor. "Es ist manchmal noch schwierig für die Darsteller, sich in die Rollen von Fünfzehnjährigen reinzufinden, zu switchen zwischen Dramatik und Kindlichkeit", sagt Storck.

Nicht nur die Darsteller müssen sich anstrengen, auch die Regie hat schon einiges leisten müssen. "Das Stück ist eigentlich für ein kleines Ensemble geschrieben. Es war schon eine Herausforderung, das auf so viele Leute zuzuschneidern", so Jenewein. Aber alle sind sich einig: "Es macht einen Riesenspaß. Die Gruppe ist toll und wächst schnell zusammen."

Abschließend singen alle gemeinsam das finale Lied des Musicals. Auch hier sieht und hört man, dass das Team von Musical Inc. schon ganze Arbeit geleistet hat und mit wie viel Freude und Elan alle bei der Sache sind. Die Laien klingen wie Profis. Man darf zu Recht gespannt auf die Premiere sein.