Nicht nur Minister stolpern über Plagiate

21. Mai 2012

Die Universitätsbibliothek (UB) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) beleuchtet am 30. Mai in einer hochkarätig besetzten Tagung ein hochaktuelles Thema: "Plagiate & Co – Wissenschaftliches Fehlverhalten ist (k)ein Kavaliersdelikt." Zuvor äußert sich UB-Direktor Dr. Andreas Brandtner schon mal zum Phänomen des Plagiarismus und zum Ziel der Tagung.
 

Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis – sie alle mussten ihren Doktortitel abgeben. Und dies sind nur die prominentesten Plagiatoren der letzten Zeit, die Liste ließe sich lange fortsetzen. Abschreiben scheint in Mode zu sein, oder?

"Momentan werden gezielt Politiker und Prominente überprüft. Es gibt eine Community, die sich darauf spezialisiert hat", meint Dr. Andreas Brandtner, seit Februar 2011 Direktor der UB Mainz. "Ich habe das selbst erlebt mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn, als ich noch in Wien an der Universität war. Wir haben seine Arbeit sofort aus dem Verkehr gezogen und überprüft. Nun scheinen wir mit Frau Schavan einen ähnlichen Fall zu haben. Das ist natürlich besonders problematisch, weil sie als Bildungsministerin ein korrektes Verhältnis zu Forschung und Lehre haben muss."

Demokratisierte Jagd auf Plagiate

Die beinahe schon endlose Kette an Plagiatsenthüllung führt Brandtner vor allem auf eines zurück: "Die Leute haben heute die Möglichkeit, Texte auf elektronischem Weg zu vergleichen. Die Überprüfung von Arbeiten wird erleichtert und demokratisiert. Selbst mit Google lässt sich da schon viel erreichen." Das kennt im Prinzip jeder, der schon mal eine Suchmaschine genutzt hat: Einfach einen Satz eingeben und schauen, wo er überall auftaucht.

"An den Unis selbst wird natürlich auch überlegt, wie man Plagiatsprüfungen durchführen soll. Die Schädigung liegt ja nicht nur bei Herrn Guttenberg, sondern auch bei der Uni Bayreuth und den Betreuern. Da fragt man schon nach: Wie ist es möglich, dass eine Arbeit summa cum laude durchgewunken wird?"

Generalverdacht gegen Studierende?

In Wien sei es Praxis gewesen, alle Arbeiten zweifach durch Plagiatserkennungs-Software zu prüfen. "Jeder musste seinen Text in elektronischer Form abgeben. Die Überprüfung folgte dann routinemäßig." Brandtner ist sich aber nicht sicher, ob dieser Weg auch für Mainz der richtige ist. "Es gibt ja schon Professoren, die diese Software benutzen. Aber wenn wir das zentral machen, hat das was von einem Generalverdacht gegen Studierende." Auch fragt er sich: "Ist diese Software ein Allheilmittel? Es heißt, viele Versionen seien schlechter als Google."

Antworten erwartet er am 30. Mai, wenn die UB mit Unterstützung des Studiums generale zu "Plagiate & Co – Wissenschaftliches Fehlverhalten ist (k)ein Kavaliersdelikt" einlädt. "Wir holen Experten nach Mainz, mit denen wir auch jenseits der Tagung über solche Probleme sprechen wollen." Auch zwei weitere Angebote der UB beschäftigen sich mit dem Thema: "Wir haben in unser Schulungsprogramm einen Kurs aufgenommen, der für das Thema Plagiat sensibilisieren soll und wir haben ein Online-Tutorial freigeschaltet."

Abkupfern bleibt ein Problem

Trotz aller Maßnahmen, Tagungen und elektronischer Möglichkeiten wird Abkupfern ein Problem bleiben, da ist sich Brandtner sicher. "Plagiate herzustellen ist gar nicht schwierig. Ich würde zum Beispiel eine wissenschaftliche Arbeit aus Usbekistan übersetzen lassen", feixt er. "Das wäre kaum zu überprüfen." Die Sprachbarriere würde schützen. Ein ähnliches Phänomen ist zurzeit bei medizinischen Arbeiten auszumachen: Sie tauchen eins zu eins übersetzt in China auf. Und dort gilt so ein Textklau nicht mal als besonders verwerflich.

"Nicht nur andere Kulturen sehen das Problem anders", ergänzt Brandtner, auch historisch gesehen gebe es da einen Wandel. "Vor dreißig Jahren war bei Dissertationen das Paraphrasieren eher erlaubt als heute. Die wissenschaftliche Praxis hat sich verschärft."

Junges Urheberrecht

Er blickt noch weiter zurück. "Das Urheberrecht gibt es noch gar nicht so lange." Der Anspruch auf Originalität sei ein relativ neues Phänomen. "Bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde die Textproduktion vor allem als Kompilation gesehen." Gewicht und Glaubwürdigkeit bekam ein Werk vor allem dadurch, dass es aus bedeutenden Quellen schöpfte.

"Mit dem Internet, mit Wikipedia, haben wir heute ein ähnliches Phänomen." Das Mash-up ist in aller Munde, die Verknüpfung von vorhandenen Beiträgen zu einem neuen Text. "Meine Generation ist noch stark mit dem Urheberrechtsgedanken sozialisiert worden, aber wie sieht das mit den nächsten Generationen aus? Mein Sohn wird vielleicht sagen: Da sind Texte im Netz, die ich nutzen kann. Wo ist das Problem? Da ist eine spannende Diskussion, die auch bei der Tagung geführt wird."

Plagiarismus ist kein Kavaliersdelikt

Um vieles mehr wird es noch gehen: Haben Studierende im Zuge des Bologna-Prozesses überhaupt noch Zeit, originelle Arbeiten zu schreiben, oder müssen sie schon aus Zeitgründen abgucken? Wie groß ist die Gefahr, Opfer eines Plagiators zu werden, wenn man die eigene Arbeit ins Netz stellt? Und gibt es überhaupt genug Betreuer für anfallende Arbeiten? Sind die Lehrenden vielleicht gar nicht fähig, die Flut der Texte sorgfältig auf Plagiate zu prüfen?

Einiges wird also zur Diskussion stehen am 30. Mai. Doch in einem ist sich Brandtner jetzt schon sicher: "Als Universität können wir mit Plagiaten niemals entspannt umgehen. Plagiarismus schädigt die Reputation."