Ein Dichter, sechs Übersetzerinnen

23. Mai 2012

In Chile ist er berühmt, doch in Deutschland kennt ihn kaum jemand, dabei gehört Raúl Zurita zu den wichtigsten Vertretern der lateinamerikanischen Literatur. Nun haben drei Studentinnen und drei Lehrkräfte des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eine Tür für deutsche Leser aufgestoßen: Sie übersetzten ausgewählte Werke des Dichters.
 

Raúl Zurita hält den Gedichtband in seinen Händen. "Wunderschön", sagt er lächelnd und blättert durch das blaue Büchlein mit dem Titel Las ciudades de agua – Die Wasserstädte. Es enthält eine der ganz wenigen Übersetzungen seiner Werke ins Deutsche.

Der große chilenische Autor ist in die kleine Stadt Germersheim gekommen, um hier am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz über verschiedenste Aspekte seines Schaffens und Forschens zu sprechen. Gerade eben hat er in einem Vortrag den weiten Bogen von Dantes Göttlicher Komödie zur lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur gespannt.

Platz für wichtigen Dichter

Nun sitzt er an einem Tisch im Büro des Fachbereichs. Vor ihm liegt das neue Buch. "Wunderschön", sagt er noch einmal und blickt hinüber zu den beiden Studentinnen Caroline Adam und Leona Heinrich, die an der Übersetzung mitgearbeitet haben. Die drei kennen sich schon eine Weile, denn 2010 war der Zurita schon einmal in Germersheim zu Gast. Damals wurde die Idee zum Buch geboren.

"Es soll eine Tür öffnen", wünscht sich Liliana Bizama, die Initiatorin des Übersetzungsprojekts. "Es war mein Ziel, diesen wichtigen Dichter nach Deutschland zu holen, ihm einen Platz hier zu schaffen." Um diese Tür zu öffnen, hat die Lehrbeauftragte am Fachbereich ein Team zusammengebracht: Die beiden Studentinnen am Tisch, ihre Kommilitonin Pia Teresa Ilg, die Dozentin Eva Katrin Müller und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Stephanie Fleischmann beschäftigten sich zwei Jahre mit den Texten Zuritas. "Es war ein Projekt unter dem Dach der Universität", erklärt Bizama, "aber wir haben alle ehrenamtlich daran gearbeitet, ohne finanzielle Unterstützung."

Das Trauma der Diktatur

Ganz am Anfang stand die Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk des Dichters – und mit der chilenischen Diktatur. Als Student kam Zurita nach dem Militärputsch Pinochets 1973 in Haft. Für den 22-Jährigen war das ein traumatisches Erlebnis. Er überlebte unter schrecklichen Bedingungen. Das sollte Einfluss haben auf sein gesamtes Werk. Schon bald machte die von ihm mitbegründete Bewegung C.A.D.A. (Colectivo de Acciones de Arte) mit gewagten Kunstaktionen auf das Klima der Gewalt unter dem Regime aufmerksam. Das ging bis zu demonstrativen "Überlebensaktionen" Zuritas: Er verätzte sich die Augen mit Ammoniak.

"Wir mussten uns erst einmal hineinarbeiten in sein Werk, wir mussten uns mit seinem Lebenslauf beschäftigen, seinem Land", erzählt Adam. Das alles ist bei Zurita untrennbar mit vielen anderen Themen verwoben. In seinen Prosagedichten geht es um die Diktatur in Chile, aber auch um Hiroshima oder das zerbombte Dresden. "Große Ereignisse fließen mit Persönlichem zusammen", sagt die Studentin. Sogar mit dem Schicksal des Dichters selbst wird alles verknüpft: Zurita erzählt von seiner Parkinson-Erkrankung, der Selbstverletzung, der Haft.

Eigene Sprache finden

Seine Texte sind nicht einfach zu lesen. "Er switcht zwischen den Personen, den Perspektiven, da muss man aufpassen", meint Adam. Die Gedichte leben von starken Bildern. "Die wollten wir erhalten", sagt Heinrich. "Dazu sind wir auch schon mal von der wörtlichen Übersetzung abgewichen. Wir mussten unsere eigene Sprache finden."

Nebenbei feilschten Studentinnen und Dozentinnen um jedes Detail. "Das Wort 'amanecer' kommt immer wieder vor", bringt Adam ein Beispiel. "Es kann vieles bedeuten: Morgendämmerung, Morgengrauen." – "Wir haben uns dann auf Tagesanbruch geeinigt", ergänzt Heinrich. "Es gab manchmal schon hitzige Diskussionen."

Je eine Dozentin tat sich mit einer Studentin zusammen. "Außerdem hatte jede ihre eigenen Gedichte zu übersetzen", erläutert Adam. Wenn es ganz schwierig wurde, half Bizama aus. Sie ist in Chile geboren und klingelte einst an Zuritas Tür, um ein Interview zu bekommen. Es entwickelte sich eine Freundschaft, von der auch die Arbeit am Gedichtband profitierte.

Der Klang Zuritas

"Wir haben uns unterhalten: Was könnte man übersetzen?", erzählt Zurita. "Es sollten Gedichte sein, die man als Bilder sehen kann. Sie sollten nicht unbedingt im Klang ihre Stärke haben, sondern im Inhalt." Das ist Understatement pur. Selbst seine wissenschaftlichen Vorträge haben etwas von wortgewaltigen Dichterlesungen. Und so bestechen auch die von ihm ausgewählten Texte durch ihren Klang. Davon kann sich jeder überzeugen, der des Spanischen mächtig ist: Der Gedichtband enthält neben den Übersetzungen die Originale.

Aber auch den sechs Übersetzerinnen ist es gelungen, den Ton zu halten. "Ich mag den Klang der deutschen Sprache", sagt Zurita. Dass sie hart klingt, hält er für ein Gerücht. Zurita kann auf verschiedenste Übersetzungen zurückblicken, in zwölf Sprachen gibt es seine Werke. "Im Englischen kommen sie mir immer etwas vereinfacht vor", sagt er. "Im Deutschen haben wir mehr Feinheiten", meint Adam. Das passe zu den komplexen Inhalten und Satzgeflechten.

Angeeignete Gedichte

Längst gehört Zurita zu den renommiertesten Dichtern der lateinamerikanischen Literatur. Unter anderem wurde er mit dem Pablo-Neruda-Preis und dem chilenischen Premio Nacional de Literatur ausgezeichnet. Seit 2001 ist er zudem Professor an der Universität Diego Portales in seiner Geburtsstadt Santiago de Chile. Nach Germersheim kam er für eine dreiwöchige Kurzprofessur, die das Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS) finanzierte. So kann er nun auch diesen Gedichtband im Büro des Fachbereichs in Händen halten. "Schauen Sie, das Original und die deutsche Fassung sind genau gleich lang", freut er sich an einer Kleinigkeit. Darum hätten sich andere Übersetzer wenig geschert.

"Morgen fahren wir nach Baden-Baden", erzählt Bizama vom Abschluss des Deutschland-Aufenthalts. "Da lesen Zurita und ein Schauspieler die Gedichte." – "Echt, unsere Gedichte?", rutscht es Caroline Adam heraus. Dann blickt sie zu Zurita hinüber, und leichte Röte steigt ihr ins Gesicht. "Ein bisschen sind es jetzt ja auch unsere", meint sie. "Wir haben sie uns angeeignet."