Mineralien sterben nicht

26. Juni 2012

In einem schlichten Raum mit 1960er-Jahre-Charme lagert die Mineralogische Sammlung beim Institut für Geowissenschaften. Hier funkeln in schlichten Vitrinen Rubine, Smaragde, Gold und vieles mehr. Prof. Dr. Wolfgang Hofmeister hütet diese Schätze, ergänzt sie um neue Stücke – und verbrennt auch schon mal einen Diamanten im Dienst der Wissenschaft.
 

Die Diamanten purzeln auf die Tischplatte. "Dresden Grün", meint Prof. Dr. Wolfgang Hofmeister, während er lächelnd einen Stein nach dem anderen aus dem Papier pellt. "Blue Hope, Tiffany." Helles Blau und warmes Gelb gesellen sich zum sanften Grün. "Heart of Eternity, Großmogul." Hinter jedem Namen steht eine Geschichte, ein Mythos. "Hier, halten Sie mal", fordert Hofmeister auf und reicht den Taylor-Burton rüber. Ein glasklarer, tropfenförmig geschliffener Edelstein. Schwer liegt er in der Hand, seine Facetten blinken im Sonnenlicht. "Ein farbloser Diamant, das ist eigentlich nix. Das ist Kohlenstoff geordnet, das macht keinen Spaß."

Der Dekan des Fachbereichs 09: Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften und Leiter der Abteilung Edelsteinforschung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat seine Schatzkammer geöffnet, die Mineralogische Sammlung im Johann-Joachim-Becher-Weg 21, vierter Stock. "Kameraüberwacht", warnt ein Schild am Eingang.

Diamanten für die Stadt der Wissenschaft

In einem wohnzimmergroßen Raum stehen auf mausgrauem Linoleum die Vitrinen mit ihren Schätzen. Auf der Fensterbank vegetiert eine Topfpflanze dahin. Sie lässt traurig braune Blätter hängen. "Die habe ich heute erst gegossen", verteidigt sich der Professor. Aber es soll ja nicht um Pflanzen gehen, sondern um die Sammlung. "Das einzige, was Mineralien tun: Sie sterben nicht, sie wachsen und wachsen", erklärt Hofmeister.

Zurück zu den Diamanten auf der Tischplatte – die gar keine sind. Als Mainz 2011 zur Stadt der Wissenschaft wurde, ließ Hofmeister sie anfertigen. Bei der Spektrale in der Rheingoldhalle waren sie eine der Attraktionen. Tatsächlich bestehen die edlen Stücke aus Zirconiumoxid. Ganz billig waren sie dennoch nicht, schon der exzellente Schliff hat seinen Preis. Mit solchen Steinen wurden schon öfter Leute übers Ohr gehauen. "Der Mensch neigt dazu, Geschäfte zu machen mit billigerem Material bei blöderer Kundschaft", philosophiert der Professor.

Smaragde im Rohzustand

Dann zeigt er einen echten Diamanten. Der ist mit vier Karat entschieden kleiner, für den Forscher aber interessanter. Einschlüsse geben hier Aufschluss, erzählen eine Geschichte über das Mineral und seinen Geburtsort, während Taylor-Burton durchsichtig daliegt und allenfalls etwas von Hollywood-Größen vergangener Epochen flüstert.

Die Mineralogische Sammlung birgt auch noch allerhand anderes Gestein. In den Vitrinen blitzt es blau, rot und golden. Diese Vielfalt will entdeckt werden. Hofmeister präsentiert die Smaragde. Erst kürzlich hat er eine Sammlung dazugekauft. Die Mittel dafür kamen vom Institut für Edelsteinforschung in Idar-Oberstein. Die grünen Smaragde sind eingebettet in mattes Gestein. Dieser Rohzustand ist für den Fachmann interessant und für die Lehre wichtig. Die Studierenden müssen wissen, in welcher Umgebung die Edelsteine gedeihen.

Hofmeister öffnet ein Kästchen mit geschliffenen Exemplaren, die nicht mal Fingernagelgröße erreichen. "Das ist eine komplette Sammlung aus allen Lagerstätten der Welt." Auch das ist wichtig, denn jeder Stein verrät durch Einschlüsse seine Herkunft. Kommt er aus Kolumbien, ist er bei gleicher Größe wertvoller als sein Gegenstück aus Nigeria. "Kolumbien ist ein älterer Fundort, da ist es unwahrscheinlicher, dass neue Smaragde nachkommen. Nigeria dagegen ist ein junger Fundort." Wer weiß, was dort noch alles zutage kommt.

Idiotischer Markt für edle Steine

Hofmeister wandelt von Stein zu Stein, von Vitrine zu Vitrine, von Schatulle zu Schatulle. 1967 wurde die Mineralogische Sammlung eingerichtet, als das Haus am Becherweg neu gebaut wurde. Doch es sind auch Steine aus älteren Sammlungen dabei, darunter Exponate aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Das alles muss ungeheuer viel wert sein, oder? Hofmeister winkt ab. "Werte interessieren uns nicht." Das sei sowieso so eine Sache. Die Chinesen mögen grün, also sind ihnen die Rubinvorkommen im Land eher gleichgültig, in Indien ist blau beliebt, und im christlich geprägten Europa wurden einst farblose Steine favorisiert. "Der idiotischste Markt ist Amerika. Wenn da auch nur ein Kratzer an einem Stein ist, verliert er drastisch an Wert."

Gold aus Ontario

Für den Wissenschaftler geht es sowieso um ganz andere Dinge. Da liegt zum Beispiel dieser Stein aus Ontario, aus einem berühmten Goldfund. Zwischen Quarz und grünlichem Fuchsitschiefer schimmert gediegenes Gold. "In so einem Zustand bekommen Sie Gold heute kaum noch." Gold wird geschmolzen, gemischt. Wer interessiert sich außer Forschern schon dafür, aus welcher Region es kommt?

In grellem Magenta leuchtet ein Sugilith. Die Farbe ist von ungeheurer Intensität. "Aber wir wissen nicht, woher sie kommt. Wir können nichts messen. Es sind nur Elemente drin, die keine Farbe geben können." Dennoch ist die Farbe da, eine Provokation und Herausforderung für die Wissenschaft.

Hofmeister könnte endlos weitererzählen. Da steht diese Amethystdruse, 650 Kilo schwer und mit Auswüchsen wie Hasenohren, rote Rubine aus Vietnam glänzen, Brucit sieht wie harmloses Stroh aus, ist aber fies wie Asbest, und im Albit stecken massenweise Turmaline. "An dem habe ich eine ganze Stunde vorgelesen", sagt der Professor.

Ein Diamant wird verbrannt

Wer nun aber glaubt, Hofmeister seien Steine heilig, der hat sich geschnitten. "Ich scheue nicht davor zurück, den ein oder anderen Edelstein zu pulverisieren oder zu verdampfen." Das hat er unlängst mit einem Diamanten getan, Kameras liefen mit. "Eine Viertelstunde glühte er rot, dann gelb, dann ist er verdampft. Das Zeug ist ja nur Kohlenstoff, es ist unstabil, es müsste also verbrennen. Wir wollten sehen, wie das geht."

Derweil packt Hofmeister den Taylor-Burton wieder ins Papier. Ein langweiliger Stein nach dieser Führung: Glasklar und noch nicht mal geordneter Kohlenstoff. Nur eine Fälschung, schöner Schein. Da hat die Mineralogische Sammlung weit Aufregenderes zu bieten.