Kritik an Chomskys Universalgrammatik

29. Mai 2017

Gibt es eine Universalgrammatik, die allen Sprachen der Welt zugrunde liegt, eine feste Struktur im menschlichen Gehirn, die den Spracherwerb erst möglich macht? Dies wird heute von verschiedenen Theorierichtungen angezweifelt. Prof. Dr. Walter Bisang, Linguist und Sprachtypologe am Department of English and Linguistics der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Zugängen.
 

Noam Chomsky ist der Popstar unter den Linguisten. Kaum eine Kollegin, kaum ein Kollege hat je solch eine Popularität in der breiten Öffentlichkeit erreicht. Mit seiner Theorie von einer Universalgrammatik beeindruckt und beeinflusst der Amerikaner seit den 1960er-Jahren Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler weltweit. Doch es gab und gibt immer mehr Kritik an seinem Modell. Chomskys Theorie ist mittlerweile höchst umstritten.

"Chomsky postuliert eine angeborene Fähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht, jede x-beliebige Sprache zu erlernen", erklärt Prof. Dr. Walter Bisang. "Chomsky argumentiert unter anderem, dass die Strukturen und Regeln von Sprachen so komplex sind, dass sie ein Kind unmöglich aus dem Input herleiten kann, den es aus seinem Umfeld bekommt." Weil das so sei, müsse es eine Universalgrammatik geben, eine Art genetisch festgelegte Matrix im Hirn des Menschen. Damit besteht nach Chomsky die Aufgabe der Linguistik darin, die Eigenschaften dieser Matrix zu erfassen.

Abstraktes Regelwerk

"Das wird nun an allen Ecken und Enden kritisiert", meint Bisang. Der Professor für Allgemeine Linguistik und Sprachtypologie am Department of English and Linguistics der JGU nähert sich dem Themenkomplex der Sprachen von einer völlig anderen Seite als Chomsky und die Verfechter der Universalgrammatik. Bei dem US-Amerikaner beginnt alles mit der Theorie, genauer mit den Eigenschaften der Universalgrammatik, aus der sich die Vielfalt sprachlicher Strukturen herleiten lässt.

Der Schweizer Bisang geht von der Empirie aus. Ihn interessieren die Strukturen der rund 7.000 Sprachen weltweit und er beherrscht ein breites Repertoire an Idiomen: Bereits als Student beschäftigte er sich mit dem Georgischen und Chinesischen, später kamen Thai, afrikanische Sprachen, Kreolsprachen und einiges mehr hinzu.

"Chomskys Universalgrammatik geht von abstrakten Annahmen aus und orientiert sich an idealen Kriterien wie Einfachheit und Natürlichkeiten, um die Adäquatheit von Theorien zu bestimmen. Im Zentrum steht die Idee, dass wir Wörter nach bestimmten Regeln miteinander verbinden. Dieses Regelwerk macht die Universalgrammatik aus, aus der sich die gesamte sprachliche Vielfalt herleiten lässt. Aspekte wie Pragmatik, Soziolinguistik oder Sprachgeschichte interessieren ihn nicht, dabei spielen sie eine wichtige Rolle."

Die Universalgrammatik setzt Strukturen im Gehirn voraus, die es dem Menschen erlauben, aus Wörtern Sätze zu bilden. Die Wörter werden immer binär verknüpft: also eins plus eins  – und dann kann immer noch ein Wort dazugenommen werden. "Damit generiert die Universalgrammatik eine sehr hohe Anzahl von Möglichkeiten. Tatsächlich lässt sie so viele Möglichkeiten offen, dass Chomskys Theorie weder zu belegen noch zu falsifizieren ist."

Theory of Mind

Hier liegt für Bisang eines der Grundprobleme: "Ich denke, wer solch eine starke Hypothese aufstellt, der sollte auch Kriterien entwickeln, wie sie falsifiziert werden kann. Chomsky aber würde auf diesen Einwand entgegnen, dass er sich gar nicht für eine empirische Beweisbarkeit oder Falsifizierbarkeit interessiere. Er habe allgemeine abstrakte Prinzipien, die es ermöglichen, mit möglichst wenig Inventar und Axiomen Sprache zu beschreiben."

Damit ist es müßig, Chomsky zu widerlegen. Die Kritiker Chomskys, also die Vertreter gebrauchsbasierter Ansätze, gehen von ganz anderen Voraussetzungen aus. Sie bringen die sogenannte Theory of Mind, die These vom emphatischen Gehirn, ins Spiel.

"Diese Theory of Mind ist die Voraussetzung dafür, dass wir kommunizieren können. Sie besagt, dass sich ein Mensch nicht nur in einen anderen Menschen hineindenken kann, sondern im Prinzip auch so handeln könnte, wie dieser andere Mensch. Er hat eine Hypothese, was den anderen treibt, wo er ihn abholen kann. Nur so kann er kommunizieren." Genau das übten Kinder bereits früh in Rollenspielen ein. "Das ist ganz wichtig als Ausgangspunkt." Bei der Anwendung ihrer Theory of Mind lernen die Kinder schrittweise den Umgang mit sprachlichen Zeichen und erstellen so ein immer komplexeres Netzwerk, bis sie schließlich eine oder mehrere Muttersprachen beherrschen.

Bisang skizziert kurz einige Stufen des Spracherwerbs: Am Anfang stehen einzelne Worte wie "Mama" oder "Papa", wobei die einzelnen Wörter bereits mehr bedeuten können wie "Mama, komm" oder "Mama, ich habe Hunger". Dann kommt ein Verb hinzu: "Mama lacht." Irgendwann lernen Kinder, dass sie dem Verb noch ein Subjekt zuordnen können: "Ich trinke Milch." Braucht man hierzu eine Universalgrammatik? Nach Auffassung dieser Theorierichtung nicht. Auch für Bisang ist die Theory of Mind grundlegend. Ob die Universalgrammatik in einem solchen Szenario erforderlich ist, bleibt offen. Nach Bisang liegt hier die Bringschuld bei den Vertretern der Universalgrammatik.

Kognitives Netzwerk

"Die Idee der gebrauchsbasierten Ansätze besagt, dass Kinder im Spracherwerb Knotenpunkte bilden, die sie dann miteinander verbinden. So entsteht ein kognitives Netzwerk." Dieses Netzwerk kann je nach Sprache variieren. Schließlich sind auch die Regeln, nach denen Wörter zusammengefügt werden, von Sprache zu Sprache unterschiedlich. "Das ist insofern ein viel flexibleres System als Chomskys Universalgrammatik, als es nicht nur die regelmäßige Bildung von Sätzen umfasst, sondern auch Wendungen wie etwa 'ins Gras beißen' oder 'sich die Seele aus dem Leib schreien'."

Die sprachliche Vielfalt in ihrer Gesamtheit ist es, die Bisang fasziniert und interessiert. "Um diese zu erforschen und eine allgemeingültige Theorie zu entwickeln, sollten wir versuchen, möglichst viele der insgesamt 7.000 heute bekannten Sprachen einzubeziehen."

Für den Professor ist klar: "Wir brauchen eine größere empirische Basis, bevor wir uns mit solchen und ähnlichen Theorien ernsthaft beschäftigen können." Ein Drittel aller Sprachen ist vom Aussterben bedroht. Für etwa 2.500 Sprachen liegt eine solide Grammatik und ein Wörterbuch vor. Es gibt also noch einiges zu tun.

Eurozentrische Hochschulen

Das Gespräch mündet in einem Blick auf die Zukunft der Sprachwissenschaft. Es gebe durchaus günstige Rahmenbedingungen, meint Bisang: "Durch die neuen Medien haben wir so leicht wie nie zuvor Zugang zu Sprachen und verschiedensten linguistischen Aspekten."

Dagegen jedoch stellt er zwei andere Aspekte: Zum einen würden in seiner Disziplin vielerorts Stellen abgebaut, obwohl noch so viel zu erforschen sei. "Dadurch besteht die Gefahr, dass Wissen endgültig verloren geht." Zum anderen seien gerade die Hochschulen immer noch sehr stark eurozentrisch ausgerichtet. "Slawisch gilt schon als exotisch, ganz zu schweigen von Arabisch, Persisch oder gar Hindi. Jeder betont, wie wichtig Chinesisch und Japanisch sind, doch wer beschäftigt sich schon wirklich damit? Wir sprechen von Globalisierung und Internationalisierung, bewegen uns aber nur in ganz wenigen Sprachen." Da müsse sich einiges ändern.

Der Streit um eine Universalgrammatik verblasst angesichts dieser Tatsachen. Es gilt zunächst einmal, eine bessere Datenlage zu schaffen.