Mit Essigessenz an die Spitze

6. Juni 2017

Johannes R. Kaluza arbeitete jahrzehntelang im Management großer Konzerne, bevor er im Jahr 2001 selbst als Unternehmer ins Rampenlicht trat und die Traditionsfirma Speyer & Grund zu neuen Erfolgen führte. Den Grundstein für diese eindrucksvolle Karriere legte er 1974 mit seiner Einschreibung für ein VWL-Studium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Vor 43 Jahren kam Johannes Kaluza an die JGU, um Volkswirtschaft zu studieren – und heute zieht es ihn immer noch regelmäßig auf den Campus. "Seit ich mit meiner Familie nach Mainz zurückgekehrt bin, komme ich gern zum Joggen auf den Gutenberg-Campus. Dort oben gibt es einen Sportplatz und den schönen Botanischen Garten."

Auch an der Hochschule für Musik ist der Unternehmer oft zu Gast. "Das großartige Konzertangebot nutze ich sehr gern." Und er bekräftigt: "Ja, ich bin der Universität eng verbunden."

Im Jahr 2001 übernahm Kaluza mit einem Kompagnon die Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens, das zu der Zeit gerade mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen hatte. Er führte es aus den Turbulenzen heraus: Die Speyer & Grund GmbH ist heute Europas führendes Unternehmen für Essigessenz.

Geschichte in Flaschen

Die Büroetage seiner Firma liegt über der Mainzer Römerpassage. Von seinem Fenster hat der 62-Jährige einen guten Blick über die Mainzer Innen- und Altstadt mit ihrem Dom. "Ist das nicht wunderbar?", fragt er. Sein Büro ist geprägt von den Produkten des Unternehmens und auch der Besprechungsraum, in den er nun führt, atmet Firmengeschichte. Eine Vitrine zeigt Flaschen aus vergangenen Jahrzehnten: "Essig-Essenz, 1000 g, 80 %" steht auf einem Fläschchen aus den 1950ern zu lesen. Das Etikett ist in blassem Blau und Weiß gehalten. In den 1960er-Jahren dann leuchtet das Etikett einer anderen Flasche in Gelb und der Preis steht nun groß unter dem Schriftzug: "DM 1,30".

"Die Flaschen waren so konstruiert, dass immer nur ein einzelner Tropfen herauskam", erklärt Kaluza, während er zur Demonstration den Deckel von einem kleineren Exemplar abschraubt. Wenige Tropfen Essenz reichten aus, schließlich musste der hoch konzentrierte Essig vor Gebrauch kräftig verdünnt werden. 1972 legte eine neue Verordnung fest, dass Essigessenz nur noch mit 25 Prozent Säureanteil verkauft werden durfte. Wieder änderte sich das Design der Etiketten – und das Produkt bekam einen neuen Namen: "Surig". Kaluza erläutert kurz: "Das ist Plattdeutsch und bedeutet sauer."

Die Schar der Flaschen steht für Kontinuität und Anpassungsfähigkeit zugleich. Das Produkt und die Firma bleiben über knapp anderthalb Jahrhunderte hinweg erkennbar. Die charakteristischen Flaschen mit ihrer schmalen Taille finden sich bis heute in den Supermarktregalen, aber Inhalt und Design sind auf die heutige Zeit, auf die aktuellen Bedürfnisse zugeschnitten.

Traum vom VWL-Studium

Kaluza wendet sich von der Vitrine ab, um zurückzuschauen auf seine erste Zeit in Mainz und auf sein Studium: Der gebürtige Schlesier wuchs in Salzgitter-Bad auf. Später zogen die Eltern ins rheinhessische Groß-Gerau – und der beinahe erwachsene Sohn zog mit. 1974 schrieb er sich schließlich an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein.

"Es war mein Traum, Volkswirtschaft zu studieren. Ich interessierte mich sehr für die Dritte Welt. Ich wollte wissen, wie man den Wohlstand in den ärmeren Ländern mehren kann." Kaluza erinnert sich gut an Professor Dr. Klaus Rose. "Beim ihm lernte ich viel über Außenwirtschaft." Der Student entwickelte ein Faible fürs Marketing. "Damals hieß es noch Absatzwissenschaft", meint er lächelnd. "Man schaute eher darauf, wie man seine Produkte absetzt, und weniger auf die Bedürfnisse der Menschen."

1979 arbeitete Kaluza als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mikroökonomie der JGU. "Professor Dr. Klaus Rose meinte, ich sollte unbedingt promovieren." Doch den Diplom-Volkswirt zog es in den Beruf. "Ich bewarb mich parallel bei mehreren Unternehmen und bekam eine Zusage von Unilever in Hamburg." Er sagte zu. "Von der Uni zu Unilever, von Unilever ins wahre Leben", formuliert er augenzwinkernd – und setzt gleich hinzu: "Ich habe es eigentlich wegen Hamburg gemacht." Hamburg sei das Höchste für jemanden, der im niedersächsischen Salzgitter-Bad aufgewachsen sei.

"Die zweijährige Trainee-Ausbildung war eine Art zweites Studium. Wir kamen alle direkt von der Universität, es ging also fast universitär weiter." Kaluza stieg auf im Konzern. "Ich blieb ungewöhnlich lange bei Unilever." Er saß an wichtigen Schalthebeln und konnte viel gestalten.

Die eigene Firma

Im Jahr 1995 ging es wieder gen Süden – zur Eckes AG, wo er über sechs Jahre hinweg als Marketing-Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung den Unternehmensbereich alkoholische Getränke betreute. Die Verantwortung war groß. Es ging um rund eine Milliarde D-Mark Umsatz jährlich. Wie bereits bei Unilever stellte Kaluza wichtige Weichen.

Und dann ergab sich jene Möglichkeit, ein eigenes Unternehmen  zu erwerben: Speyer & Grund machte seinem Mutterkonzern Degussa große Sorgen und der wollte verkaufen. 1972 gab es noch drei große Essigessenz-Produzenten in Deutschland. Allerdings machten die sich mächtig Konkurrenz, ohne den Markt weiterzuentwickeln.

Kaluza, finanziert durch Banken und Private Equity, ging mit neuen Strategien und modernen Mitteln des Marketing an die Arbeit bei Speyer & Grund. "Ich sehe meine Aufgabe darin, den Verbrauchern das zu geben, was sie am liebsten haben möchten, was den größten Nutzen spendet", skizziert Kaluza sein Credo, bevor er ein wenig ins Schwärmen gerät über den Essig ...

"Essig ist ein universeller Stoff mit vielen Anwendungsmöglichkeiten." Er findet Verwendung in der Feinkost, aber auch als Entkalker, Reinigungsmittel oder Geruchsentferner. "Unter anderem haben wir begonnen, die zahlreichen Hausmittel rund um den Essig zu erforschen." Kaluza präsentiert eine kleine Broschüre: "Surig-Essig-Essenz. Die besten Tipps für Küche und Haushalt." Sogar über einen YouTube-Kanal informiert die Firma über Anwendungsmöglichkeiten ihres Produkts.

Als Spezialist erfolgreich

"Essig ist ein Naturstoff, der durch Biotransformation entsteht. Die Natur ist der Produzent. Er passt also hervorragend in den aktuellen Bio-Trend." Und um den anspruchsvollen Gourmet zu bedienen, hat Kaluza jüngst sogar einen eigenen Balsamico kreieren lassen.

Speyer & Grund schickte im Jahr 1911 eine Million Flaschen Essigessenz in den Handel, heute sind es 30 Millionen. Die Firma floriert. "Wir sind ein Spezialist unter den Generalisten, das ermöglicht es uns als mittelständischer Firma, unter den ganz Großen mitzumischen. Surig war einst ein Nischenprodukt, heute sind wir Marktführer", berichtet Kaluza stolz. Seine Leidenschaft fürs Marketing hat sich über die Jahrzehnte ausgezahlt.

Aber auch jenen ersten Impuls, der ihn zum VWL-Studium brachte, hat er nie vergessen: Soziales Engagement ist ihm wichtig – ob für Misereor oder über die Kontakte des Landes Rheinland-Pfalz mit Ruanda. Materielle Ungleichheit und politische Verwerfungen beschäftigen ihn nach wie vor. Er sorgt sich um den Stellenwert der Demokratie. All diese Themen schneidet er an im Gespräch – und dann besinnt er sich: "Jetzt sind wir aber weit abgekommen", meint er. Das macht gar nichts, das gehört mit zu einem Porträt von Gutenberg-Alumnus Johannes R. Kaluza.