Nachwachsende Rohstoffe

21. Juni 2012

Das Zauberwort zur Energiewende heißt "Nachwachsende Rohstoffe". Sie scheinen die Rettung zu sein: umweltneutral, vielfältig verwendbar und eben immer wieder nachwachsend. Doch lösen sie wirklich alle Probleme? Dr. Ralf Omlor, Kustos des Botanischen Gartens der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), plädiert anlässlich der Themenwoche "Nachwachsende Rohstoffe – Pflanzen, Produkte, Perspektiven" für einen differenzierteren Blick auf ein komplexes Thema.
 

Noch streckt die Ölpalme nur ganz kleine Wedel in die schwülwarme Luft des Gewächshauses. Doch das soll sich bald ändern. "In drei, vier Jahren wird sie bis unters Dach reichen", meint Dr. Ralf Omlor. "Dann könnte sie auch erste Fruchtstände tragen." Die werden 30 bis 40 Kilo schwer sein, denn diese Palme gehört zu den effektivsten Nutzpflanzen der Menschheit.

"Die Ölpalme steht im Mittelpunkt unseres neu angelegten Gewächshauses für tropische Nutzpflanzen", sagt der Kustos des Botanischen Gartens der JGU, "denn sie symbolisiert am stärksten den Konflikt zwischen menschlicher Nutzung und ökologischer Auswirkung."

Umstrittenes Palmöl

Damit passt sie gut in die Themenwoche "Nachwachsende Rohstoffe – Pflanzen, Produkte, Perspektiven", zu der zahlreiche Botanische Gärten einluden. Schautafeln informieren bis in den September an den Beeten auf dem Mainzer Campus über das hochaktuelle Thema und Omlor bietet zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen Führungen an. Zudem können nun im Gewächshaus über QR-Codes Informationen zu den einzelnen Nutzpflanzen abgerufen werden.

Doch zurück zur Ölpalme: "Orang-Utans sterben für billiges Palmöl", titelt Greenpeace. Omlor sieht diesen fatalen Zusammenhang: "Große Konzerne schlagen im tropischen Regenwald Holz ein und rücken sofort mit Palmölplantagen nach." Das lässt in Malaysia und Indonesien den Lebensraum des großen Menschenaffen rapide schrumpfen.

Wunderbare Ölpalme

"Andererseits ist die Ölpalme die effektivste Ölpflanze. Der Ertrag ist fünfmal so hoch wie beim Raps." Zudem ist das aus dem faserigen Fleisch der Palmfrüchte gewonnene Öl sehr hochwertig: "Ein Esslöffel reicht, um den Tagesbedarf an Vitamin E und A decken." Die Pflanze ist also unentbehrliches Lebensmittel und wichtiger Wirtschaftsfaktor in den Anbauregionen.

"Wir können den Leuten dort nicht einfach sagen: Finger weg! Das Problem sind wir, die wir die Ölpflanze auch noch nutzen wollen." Der Hunger nach Palmöl und nach Palmfett aus dem Fruchtkern der Pflanze ist weltweit riesig. "Es vergeht kein Tag, an dem wir die Ölpalme nicht nutzen", stellt Omlor klar. "Sie steckt in Seifen, Waschmitteln, Schokolade, Speiseeis." Fast überall, wo "pflanzliche Fette" draufsteht, ist die Palme mit von der Partie – und auch beim Biodiesel spielt sie eine Rolle.

Vielfältige nachwachsende Rohstoffe

Omlor ist wichtig: "Es gibt bei der Nutzung von Pflanzen selten ein klares Urteil dafür oder dagegen, es gibt weder gut noch schlecht." Ihm geht es darum, die unterschiedlichen Aspekte herauszuarbeiten und den Menschen beim Besuch im Botanischen Garten zu vermitteln.

Das gilt besonders beim Thema nachwachsende Rohstoffe, das vor allem im Zusammenhang mit der Energiewende wie ein Heilsversprechen daherkommt. "Die Möglichkeiten der Nutzung nachwachsender Rohstoffe ist vielfältig, aber nicht unbegrenzt", sagt Omlor und fragt zugleich: "Was sind sinnvolle Aspekte, was sind fragwürdige? Da gibt es so einige."

Nachwachsende Rohstoffe sind Pflanzenprodukte, die nicht als Nahrungsmittel für den Menschen oder als Futtermittel für Tiere eingesetzt werden, sondern in der Industrie und der Energiegewinnung verwendet werden. "Besonders brisant ist das bei Pflanzen, die vom Lebensmittel zum Rohstoff werden." Das gilt für die Ölpalme, aber auch für den Raps oder den Mais.

Begrenzte Anbaufläche

Omlor nennt Zahlen, auch das muss sein: "Deutschland verfügt über 12 Millionen Hektar Ackerfläche. Von 1998 bis 2011 ist der Anteil der Flächen, auf dem nachwachsende Rohstoffe angebaut werden, von 400.000 Hektar auf 2,3 Millionen Hektar gestiegen." Dabei stehen pflanzliche Öle für den Biodiesel ganz oben (900.000 Hektar), gefolgt von Anbau für Biogas (800.000 Hektar) und für industrielle Nutzung (300.000 Hektar). "Aber die Ackerflächen in Deutschland schrumpfen eher als dass sie wachsen."

Der Nachschub ist also auch hier endlich. So kann Deutschland aus eigener Kraft nur ein bis zwei Prozent des Bioethanols für sein Superbenzin produzieren. E10 muss aber zehn Prozent enthalten. Die Differenz muss importiert werden. Und diese Nachfrage hat Folgen. "Ökonomische, soziale und ökologische Auswirkungen liegen da eng beieinander." Dabei geht es nicht nur um die Bedrohung der Regenwälder. In Mittelamerika gingen die Menschen angesichts hoher Maispreise auf die Straße: Der Bedarf an Bioethanol machte das Lebensmittel Mais unbezahlbar.

Abfall wird wertvoll

Die Nutzung von Pflanzen ist ungeheuer vielfältig. Omlor streift einige der Möglichkeiten beim Gang durchs neu eingerichtete Gewächshaus. So findet sich in fast jedem Haushalt ein Produkt der Faserbanane, nur weiß kaum jemand davon. Früher wurden die Fasern dieser Banane zu Schiffstauen verarbeitet, denn sie bleiben auch durchnässt immer reißfest. Heute wird diese Eigenschaft für ein ganz anderes Produkt genutzt: für den reißfesten Teebeutel – für jeden Teebeutel auf der Welt.

Chancen tun sich oft dort auf, wo lange niemand damit gerechnet hat: 1,6 Milliarden Tonnen Zuckerrohr werden jedes Jahr geerntet. Wenn der Zucker aus dem Rohr gepresst ist, bleibt viel Abfall zurück, die sogenannte Bagasse, ein faseriger Stoff. "Der Hit in China ist neuerdings Einweggeschirr aus dieser Bagasse."

Nichts wächst endlos

In Deutschland wird bereits im kleinen Stil die Kartoffel bei der Kunststoffproduktion eingesetzt, doch da ergeben sich wieder Interessenskonflikte. Beim Einsatz der Zuckerrohrabfälle jedoch sieht das ganz anders aus: "So eine stoffliche Verwertung wie in China halte ich für wirklich sinnvoll."

Omlor bietet mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Botanischen Garten Hintergrundinformationen, die ideologische und politische Slogans in neuem Licht erscheinen lassen. Darin sieht der Kustos eine wichtige Aufgabe, gerade in der aktuellen Diskussion. "Es wird der Eindruck entwickelt, nachwachsende Rohstoffe wachsen immer neu", tadelt er. "Aber unbegrenzt werden wir sie nicht haben."

Zum Schluss bleibt ein einfacher Rat immer noch am aktuellsten, meint Omlor: "Sparen!"