Fake News sind nicht das größte Problem

9. Juni 2017

Prof. Dr. Christian Schemer und Dr. Philipp Müller vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) spannen im Gespräch über Fake News einen weiten Bogen: Sie beleuchten den Begriff selbst, der ein bekanntes Phänomen neu benennt, sie schauen, wie sich die Kommunikationslandschaft wandelt, und sie blicken besorgt auf eine Gesellschaft, die zunehmend auseinanderdriftet.
 

Ein Wirt berichtet, dass Männer arabischer Herkunft in seinem Lokal in der Frankfurter "Freßgass" Frauen belästigt hätten. Er spricht von einem "Sex-Mob". Ein Sozialarbeiter beklagt, dass ein Flüchtling in Berlin an den Folgen von Erfrierungen gestorben sei. Diese traurige Nachricht soll die Öffentlichkeit aufrütteln. Ein russlanddeutsches Mädchen behauptet, vergewaltigt worden zu sein. Der Fall schlägt hohe Wellen und belastet zeitweise die deutsch-russischen Beziehungen.

All diese Meldungen haben eines gemein: Sie sind falsch, nichts davon ist wirklich passiert. Der Begriff "Fake News" avancierte in den letzten Monaten zum Modewort. Fake News zeigen Angela Merkel, die ein Selfie von sich und einem Terroristen macht, über Fake News soll Russland die US-Wahlen beeinflusst haben. Nun werden Stimmen laut, dass auch die kommende Bundestagswahl vor solchen Manipulationen nicht sicher sei.

Dinge werden vermischt

"Unter dem Begriff Fake News werden in diesen Fällen von Grund auf verschiedene Dinge vermischt", stellt Prof. Dr. Christian Schemer vom Institut für Publizistik der JGU klar. "Das eine sind schlichte Falschmeldungen, das andere ist gelenkte Kommunikation, hinter der beispielsweise der russische Geheimdienst stecken könnte."

"Falschmeldungen sind erst mal nichts Neues, die gab es schon immer", stellt Schemer klar. Die kommende Bundestagswahl beunruhigt den Professor für Allgemeine Kommunikationswissenschaft kaum: "Vielleicht fehlt mir die Vorstellungskraft, aber was sollen die machen wollen? Wollen die Merkel weg haben? Schulz verhindern? Warum? Wollen sie ein System destabilisieren, indem sie den Rechtspopulismus unterstützen?" All das hält Schemer für sehr unwahrscheinlich. "Die Frage ist: Gibt es tatsächlich ein Problem?"

Um über diese Themen zu sprechen, hat Schemer Dr. Philipp Müller dazugeholt. Beide beschäftigen sich unter anderem mit den aktuellen Entwicklungen in der modernen Kommunikationslandschaft. "Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis nach diesem neuen Begriff: Fake News", sagt Müller. "Und wir fragen uns: Warum?"

Die beiden weiten den Blick, um das angeblich so neue oder vielleicht doch eher alte Phänomen in einen größeren Kontext zu setzen. "Im Internet-Zeitalter kann jeder einen Facebook-Account eröffnen, sich einen professionellen Anstrich verleihen und Nachrichten verbreiten", erklärt Müller. "Die Filterfunktion, die der Journalismus erfüllt hat, ist aufgeweicht. Das ist eine neue, für Falschmeldungen günstige Atmosphäre."

Unüberschaubare Nachrichtenlandschaft

"Die Nachrichtenlandschaft wird unüberschaubar", fährt Schemer fort. "Außerdem hat die Geschwindigkeit zugenommen. Für Journalisten ist es erstens schwierig, auf dem Laufenden zu bleiben, zweitens müssen sie ständig etwas Neues bringen, um einen Scoop zu landen. Dabei ist die Geschwindigkeit einfach zu hoch, als dass Journalisten noch seriös gegenchecken könnten. Eine Falschmeldung ist schnell rausgehauen, das Überprüfen hingegen dauert lange."

Eine weitere Schwierigkeit sieht er darin, wie sorglos viele Menschen mit Fake News umgehen: "Es gibt diesen generellen Reiz der Falschmeldung. Leute leiten sie einfach aus Spaß weiter und nicht, weil sie sie für richtig erachten. Sharen kann man schon mit einem einzigen Tastendruck. So verbreiten sich auch Verschwörungstheorien sehr schnell."

All das begünstige Fake News. Es gebe aber durchaus Gegenbewegungen. "Die Polizei reagiert heute recht schnell auf Fake News und dementiert Falschmeldungen", lobt Schemer. "Zivilgesellschaftliche oder journalistische Initiativen tun sich zum Faktencheck zusammen." Es entstehen Kontrollinstanzen wie Hoaxmap, eine Internet-Plattform, die Falschmeldungen aufspürt.

Nun fordert die Politik, dass Unternehmen wie Facebook der Verbreitung von Fake News einen Riegel vorschieben. "Facebook hat kein Interesse an Reglementierung", winkt Müller ab. "Facebook will ein möglichst großes Netzwerk, das ist das Geschäftsmodell. Facebook will grundsätzlich niemanden aussperren und bietet damit auch den absurdesten Gruppen eine Plattform."

US-Präsident Trump

Zudem hat die Welt der Fake News und der Verschwörungstheorien eine neue Galionsfigur bekommen: US-Präsident Donald Trump präsentiert der Welt seine "alternativen Fakten". "Präsident Bush hat mit Falschmeldungen ein ganzes Volk in den Krieg geführt", erinnert Schemer. "Aber die Häufung von Halbwahrheiten bei Trump macht mich ratlos. Er ist diffus, schwadroniert, er hat von vielem einfach keine Ahnung. Es scheint, als wolle er austesten, wie weit er mit seinen Unwahrheiten kommt."

"Insgesamt ist das schon eine gefährliche Situation", warnt Müller. "Die globalisierte Welt ist komplex. Den Überblick zu behalten ist schwierig." Dem stehe gegenüber, dass es mittlerweile jedem Einzelnen überlassen sei, wie und wo er sich informiert, welche Nachrichten und Informationen er sich herausgreift oder eben ignoriert.

"In Bezug auf Facebook treibt uns um, dass viele schon mit kleinen Informationshappen zufrieden sind ", so Schemer. "Sie lesen eine Kurzmeldung und denken: Ja, ich bin gut informiert. Ganz davon abgesehen, dass viele Leute dem Informiertsein heute gar keinen hohen Stellenwert mehr einräumen."

Gespaltene Gesellschaft

Müller formuliert es aus einem noch anderen Blickwinkel: "Wir beobachten derzeit eine gesellschaftliche Spaltung. Den einen machen die gesellschaftlichen Veränderungen Angst. Sie wollen einfache Antworten und haben das Bedürfnis nach einer Narration, die die Welt begreifbar macht. Rechtspopulisten bedienen diesen Wunsch nach einer einfachen, überschaubaren Welt. Die anderen, die den sozialen Wandel positiv erleben, nehmen die Komplexität der Welt an. Diese beiden Gruppen driften immer weiter auseinander. Sie sind sich nicht mehr darüber einig, was wahr ist. Dadurch verlieren sie die Fähigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen."

Schemer und Müller konstatieren, dass sich beide Seiten durch die Medienberichterstattung bestätigt fühlen: Die einen lesen aufrüttelnde Meldungen heraus, während die anderen abwinken und nur einen weiteren Beleg dafür sehen, dass mal wieder die Lügenpresse am Werk ist. Diese Polarisierung ist den beiden Mainzer Kommunikationswissenschaftlern bei ihren Untersuchungen häufig begegnet. Darüber zeigen sie sich besorgt.

"Vielleicht ist die Diskussion um Fake News eine Art Stellvertreterkrieg", vermutet Müller, "vielleicht lenkt sie uns vom eigentlichen Problem der auseinanderdriftenden Gesellschaft ab."