Banken unter Aufsicht der Scharia

9. August 2017

Wie agieren islamische Banken? Wo unterscheidet sich das islamische vom westlich geprägten Finanzsystem und wo finden sich Gemeinsamkeiten? In seiner Dissertation "Islamische Finanzgeschäfte und die katholische Sozialethik" beschäftigt sich Matthias Böhm von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) mit diesen und vielen anderen Fragen.
 

Die letzte Finanzkrise war im Kern eine Bankenkrise. Viele Unternehmen der Finanzwirtschaft mussten herbe Verluste einstecken oder rutschten gar in die Insolvenz. Am 15. September 2008 brach die US-Großbank Lehman Brothers zusammen. Mehrere Länder sahen sich gezwungen, ihre wichtigsten Banken zu stützen, um sie vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Als Folge stieg die Staatsverschuldung stark an, die Krise breitete sich aus.

"Keine einzige islamische Bank ist im Zuge der Finanzkrise Pleite gegangen", konstatiert Matthias Böhm. "Banken, die schariakonform handelten, standen relativ solide da." Er umreißt die Gründe dafür: "Einige der hochriskanten Praktiken wie Leerverkäufe, mit denen sich viele Finanzhäuser in Schwierigkeiten brachten, sind islamischen Banken verboten. Im islamischen Finanzsystem muss immer ein realer Wert hinter den Geschäften stehen."

Ex-Banker und Theologe

Im Frühjahr 2009 hieß es in einem Artikel des Osservatore Romano, Papst Benedikt XVI. fordere die westlichen Banken auf, von den muslimischen Instituten zu lernen. Der Theologe Böhm entschloss sich, genauer hinzuschauen und zu vergleichen: Das Konzept für seine Dissertation "Islamische Finanzgeschäfte und die katholische Sozialethik" entstand. "Mich interessierte nicht nur das Bankensystem an sich. Ich wollte auch herausfinden, inwieweit es Chancen für die Marginalisierten, für die Armen bietet, ihre Situation zu verbessern."

Die Finanzwelt mit ihren hochkomplizierten Geschäften ist schwer zu durchschauen. Selbst Fachleute scheitern regelmäßig daran und auch Böhm behauptet nicht, alles zu verstehen. Doch er bringt einiges an Vorwissen mit: Er ist ausgebildeter Bankkaufmann und absolvierte ein berufsbegleitendes Studium mit dem Abschluss Bankbetriebswirt.

Im Jahr 2004 wechselte Böhm das Fach. "Ich wollte noch etwas Ordentliches machen", meint er augenzwinkernd. Er studierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main Philosophie und Theologie. Unter anderem nahm er dort am Studienprogramm "Islam und Christlich-Muslimische Begegnung" teil. Für seine Dissertation wechselte er dann an die Katholisch-Theologische Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zu Prof. Dr. Gerhard Kruip von der Abteilung Sozialethik. Zudem ist Böhm bei CIBEDO, der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle e.V. der Deutschen Bischofskonferenz, beschäftigt. Er konnte sein Thema also aus einer Vielzahl an Perspektiven angehen.

Zins oder Aufschlag?

Der Blick auf die jüngste Finanzkrise scheint auf tiefe Kluften zwischen muslimisch und westlich geprägten Finanzhäusern hinzuweisen. Doch so gewaltig sind die theoretischen Unterschiede dann im Ergebnis auch wieder nicht. "Im Islam besteht ein Zinsverbot", sagt Böhm, "es darf kein Zins genommen werden. Es gibt jedoch die Möglichkeit des Aufschlags." Er führt als Beispiel die alte Praxis der Karawanenfinanzierung an: Dort gab es einen Zins von 100 Prozent. Diesem Treiben, das zur Verarmung großer Teile der Bevölkerung führte, wollte Muhammad Einhalt gebieten und muslimische Gelehrte entwickelten alternative Modelle.

"Der im islamischen Finanzwesen oftmals verwendete Aufschlag ist kein Zins – das ist für muslimische Banken ganz wichtig. Allerdings funktioniert er in der Praxis sehr ähnlich", erklärt Böhm. Es gehe bei dieser Unterscheidung aber eben nicht um die Praxis, sondern um religiöse Gebote. "Das islamische Finanzsystem ist nach den Regeln des Koran und der Scharia ausgelegt." Das wiederum unterscheidet es ganz grundlegend vom westlich und weltlich geprägten Gegenstück: Vier große sunnitische Schulen geben in der islamischen Welt vor, was Banken zu beachten haben und welche Finanzmodelle als schariakonform betrachtet werden.

In seiner Dissertation schaut Böhm vor allem auf konkrete Modelle des islamischen Finanzsystems: Vorherrschend ist die Aufschlagfinanzierung, genannt Murabaha, die westlichen Finanzierungen stark ähnelt und den Großteil der Finanzgeschäfte ausmacht. "Daneben gibt es die Beteiligungsfinanzierung, Musharakah, die stärker den muslimischen Idealen entspricht." Wer sich an einer Unternehmung beteiligt, profitiert im Falle eines Erfolgs vom Gewinn, trägt aber auch die Verluste, wenn es nicht so gut läuft. Die Koppelung zwischen Investor und dem finanzierten Projekt ist also stärker. "Allerdings macht diese Art der Finanzierung gerade mal zehn Prozent des Gesamtvolumens aus", räumt Böhm ein.

Ethische Geldanlagen

Mit Blick auf die Armen jedoch macht all das kaum einen Unterschied. "Es gibt zwar Regeln für ethisches Investment, Muslimen ist es wichtig, nicht in Waffen- oder Alkoholherstellung, in Prostitution oder Pornografie zu investieren, aber Modelle wie die Mikrofinanzierung, wo zum Beispiel Kleinbauern mit Krediten geholfen wird, spielen in der islamischen Finanzwelt eine geringe Rolle." Der Islam sieht immerhin eine Armenabgabe vor. "Aber die ist nicht besonders strukturiert und nicht vergleichbar mit den Sicherungssystemen unserer Sozialversicherung. Es werden eher Suppenküchen eingerichtet als Infrastrukturen geschaffen."

Das westlich geprägte Finanzsystem steht in diesem Bereich nicht viel besser da, in einer Hinsicht sogar schlechter. "Bei uns gibt es einen Boom, was Bioprodukte angeht", stellt Böhm fest – und fragt im gleichen Atemzug: "Warum gibt es solch einen Boom nicht im Bereich der ethischen und nachhaltigen Geldanlagen? Uns ist fair gehandelter Kaffee wichtig, aber wo wir unser Geld anlegen, scheint vielen egal zu sein." Mikrofinanzierung oder ethische und nachhaltige Geldanlagen gebe es. "Aber warum wirbt keine unserer Banken mit solchen Portfolios?" Böhm hat darauf keine Antwort.

Nach der Ölkrise in den 1970er-Jahren bildete sich das islamische Finanzsystem heutiger Prägung heraus. "Es war eine Rückbesinnung auf alte Prinzipien, aber zugleich auch eine Reaktion auf die internationale Finanzwelt: Da wollte man mitmischen, aber unter den Bedingungen des Glaubens. Man brauchte gewisse Vereinheitlichungen und Standards und schuf Institutionen wie die International Islamic Rating Agency."

Möglichst alles machen

Das Verbot hochriskanter Praktiken half über die Finanzkrise. Aber wie sieht es in der Zukunft aus? Böhm kann auch hier keine einfache Antwort geben, aber er macht eine Tendenz aus: "Die Entwicklung geht eher in die Richtung, dass man möglichst viel und möglichst alles machen will, selbst Leerverkäufe kann man mit entsprechenden Kniffen mittlerweile schariakonform abbilden."

Das klingt, als würde Papst Benedikts Forderung ins Gegenteil verkehrt: Westliche Banken lernen nicht von islamischen Banken, eher scheint sich das islamische dem westlichen Finanzsystem zu nähern. Die Grundlagen mögen unterschiedlich bleiben, aber die Unterschiede zum konventionellen Bankensystem verschwimmen zunehmend.