Die Geschichte vom geschichtslosen Kontinent

28. Juni 2012

Die Wiege des Menschen steht in Afrika, dennoch gilt der Kontinent immer noch allzu vielen als geschichtslos. Mit diesem Vorurteil will Prof. Dr. Andreas Eckert aufräumen. Gutenberg-Stiftungsprofessor Friedemann Schrenk hat ihn zur Vorlesungsreihe "Out of Africa: Zur Globalgeschichte des Homo sapiens" eingeladen, um ein schiefes Afrika-Bild zurechtzurücken.
 

Afrika soll eine Geschichte gehabt haben, bevor die ersten Kolonialherren das Licht des Fortschritts auf den dunklen Kontinent trugen? Da rümpften und rümpfen viele Europäer die Nase.

"Afrikas Drama ist, dass der Afrikaner nicht genug in die Geschichte eingetreten ist", bedauerte Nicolas Sarcozy bei einer Rede in Dakar. Das ist nicht mal fünf Jahre her. Der Afrikaner bleibe "regungslos in einer unveränderlichen Ordnung, nie geht er auf die Zukunft zu", fuhr der französische Präsident fort. "Nie kommt er auf die Idee, aus der Wiederholung auszutreten, um sich ein Schicksal zu erfinden. Dies ist das Problem Afrikas."

Europa darf kein Maßstab sein

Prof. Dr. Andreas Eckert sieht da eher ein Problem Europas, dessen Kinder ihren Kontinent immer noch allzu gern als Maß aller Dinge sehen, an dem sich andere zu orientieren haben. "Es ist an der Zeit, es umzudrehen", mahnt der Professor für die Geschichte Afrikas an der Berliner Humboldt-Universität. "Erklärungsbedürftig ist nicht Afrika, sondern Europa. Wir müssen davon wegkommen, Europa als Maßstab zu sehen."

Der Paläoanthropologe Prof. Dr. Friedemann Schrenk, 13. Träger der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur, hat den prominenten Afrika-Spezialisten eingeladen, um die Vorlesungsreihe "Out of Africa: Zur Globalgeschichte des Homo sapiens" um eine weitere Facette zu bereichern. Unter dem Titel "Afrika in der Welt – Geschichte in einem 'geschichtslosen' Kontinent" versprach Eckert seinen Zuhörern an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) "eine tour de raison durch die Geschichte Afrikas".

Horrorkabinett der Afrikageschichte

Zuerst präsentiert er einen Sack voll übler Vorurteile. Nicht nur Zitate von Sarcozy hatte Eckert im Gepäck: "Hegel führt das Horrorkabinett der Afrikageschichte an." Der Philosoph sah in Afrika einen Kontinent im Naturzustand, unaufgeschlossen, jenseits jeder Staatlichkeit, auf dessen Märkten Menschenfleisch feilgeboten werde. Friedrich Schiller blies ins selbe Horn. Er skizzierte die Europäer als die Erwachsenen, während die Völker drumherum noch im Kindesstadium lebten. Der Dichter seufzte, auch mit Blick auf Afrika: "Wie beschämend und traurig aber ist das Bild, das uns diese Völker von unserer Kindheit geben."

Immerhin erhoben sich in den 1960er und -70er Jahren Stimmen in Europa, die durchaus von einer vorkolonialen Geschichte Afrikas sprachen und deren Erforschung einforderten. Allerdings unterschätzten sie eine Herausforderung: Es fehlt an schriftlichen Überlieferungen. "Die Idee war, Sprachen zu lernen und ausführliche Studien vor Ort zu machen", so Eckert. Doch mündliche Überlieferungen sind oft widersprüchlich. Die Historiker sahen bald die engen Grenzen ihrer Methode.

Von den Schwierigkeiten des Forschens

Und auch für die Afrikaner selbst war das Forschen schwierig. "Die große Mehrheit der afrikanischen Staaten schlug sich mit substanziellen Problemen herum, sie litten in den 70ern besonders unter der Ölkrise."

Allerdings bleibe eine zunehmende Anerkennung in der allgemeinen Geschichte, dass man ohne die afrikanische Geschichte nicht auskomme, meint Eckert, während er zugleich konstatieren muss: "In Deutschland gibt es gerade mal vier Professuren zu afrikanischer Geschichte." Hinzu kommt: "Die Quellen zur afrikanischen Geschichte sind schwierig und können nicht mal eben einfach von jedem genutzt werden. Archäologie ist das zentrale Fach, das die vorkoloniale Zeit beschreibt. Aber man darf die Tatsache, dass wir so wenig wissen, nicht mit Geschichtslosigkeit verwechseln."

Rassistische Ressentiments ersetzen Fakten

Fatalerweise ist die Interpretation des wenigen Wissens auch noch oft von eurozentrischen, wenn nicht gar rassistischen Ressentiments gefärbt. Die Ausbreitung der Bantu-Sprache etwa ist ein bemerkenswertes Phänomen in Afrika. Carl Meinhof interpretierte im 19. Jahrhundert diese kulturelle Bewegung so: Hellhäutige Viehhirten einer weißen Rasse hätten der dunkelhäutigen Bevölkerung den Fortschritt gebracht. Auf Fakten stützt sich die Theorie nicht. Sie wird viel mehr vom Vorurteil genährt, dass dunkelhäutige Menschen nicht zu höheren kulturellen Leistungen fähig seien.

Eckert sagt: "Es ist Vorsicht geboten, mit großen Theorien zu kommen." Klar sei allerdings: "Die Afrikaner lebten in der vorkolonialen Zeit keineswegs als verstreute Menschengruppen in strohgedeckten Lehmhütten." Es habe ausgedehnte Staatswesen gegeben und eine große Bevölkerungsdichte. Eisengeräte seien produziert worden, eine differenzierte Landwirtschaft habe existiert. Doch zugleich wurden in Europa afrikanische Monarchen als Tyrannen beschrieben. Das Fremde, das Primitive, das Menschenfleisch auf den Märkten erschienen plausibler und interessanter als die Realität.

Die Archäologie brummt in Afrika

"Die Kunst besteht darin, den Kontinent nicht zu exotisieren und gleichzeitig seine Eigenheiten herauszuarbeiten", sagt Eckert. Aber das sei schwierig angesichts der Quellenlage und der wenigen Fachleute. In Afrika selbst spielten professionelle Historiker eine immer geringere Rolle.

Demgegenüber steht ein immer größeres Interesse der Afrikaner an ihrer Herkunft, ihrem Erbe und der Frage: Wer war zuerst hier? "Die Archäologie brummt in Afrika", konstatiert Eckert – und schließt damit den Kreis zu Prof. Dr. Friedemann Schrenk, dem Paläoanthropologen, der so viel forscht über die Wiege der Menschheit in Afrika.