Studierende aus aller Welt zu Gast bei Mainzern

18. August 2017

Seit sieben Jahren bringt "Fremde werden Freunde" internationale Studierende mit Menschen aus der Region zusammen. Das Programm des Studierendenwerks Mainz ist ein voller Erfolg. Aus ersten Kontakten ergeben sich oft enge Freundschaften. Die jungen Gäste aus Sri Lanka oder Litauen, aus Kanada oder Korea erleben den deutschen Alltag und bringen ihre Kultur mit.
 

Ein wenig wirkt es, als hätte sich eine weit über die Welt verstreute Familie endlich wiedergefunden. Ein Student aus Mauretanien sitzt neben einem weißhaarigen Mainzer, eine junge Italienerin präsentiert stolz ihr Baby und zwischendrin wuseln Kinder jeden Alters hin und her. Das Büfett ist bunt. Auf dem Tisch stehen Nudelsalat, Couscous und vieles mehr, während draußen die Würstchen auf dem Grill brutzeln. Wer hinzukommt, wird mit Umarmung begrüßt. Der Raum brummt vor Kommunikation. Offensichtlich gibt es viel zu erzählen.

Mit einem Grillfest feiert "Fremde werden Freunde" den Semesterabschluss. Dieses Treffen hat längst Tradition – wie so vieles bei dem Programm, das seit sieben Jahren internationale Studierende mit Menschen aus der Region zusammenbringt. Eva Gerold, Leiterin der Abteilung Kultur und Internationales beim Studierendenwerk Mainz, hatte die Idee für diesen außergewöhnlich lebendigen Austausch. Petra Volanakis koordiniert seit 2011 "Fremde werden Freunde". Sie steht mittendrin an diesem Abend im Studierendenwohnheim im Münchfeld, während sich ihr Mann auf der Terrasse um das Grillgut kümmert.

Kultur und Menschen erleben

"Die Studierenden möchten Kontakt zu uns Mainzern haben", erzählt Ralf Lehrbach, der von Beginn an mit dabei ist. Als Gastfreunde haben er und seine Frau im Laufe der Jahre Studierende aus Polen und Litauen, aus den USA und von der Elfenbeinküste kennengelernt. "In den Wohnheimen treffen sie vor allem auf andere Studierende und haben oft wenig Anlass, sich außerhalb des Campus umzusehen."

Hier setzt "Fremde werden Freunde" an: Das Studierendenwerk Mainz bietet mit diesem Programm Studierenden aus dem Ausland die Gelegenheit, Menschen und Kultur vor Ort wirklich kennenzulernen. Das ist meist auch mit einem Kennenlernen über die Generationen hinweg verbunden, denn viele der Gastfreunde sind bereits etwas älter. Die Lehrbachs sind ein Beispiel dafür: Manch ein Studierender sah in ihnen schon die rettende Ersatzfamilie in der Fremde.

Volanakis verteilt die Gäste aus aller Welt unter den Gastfreunden. Etwa 150 Menschen aus Mainz und Umgebung hat sie in ihrer Kartei. Von den rund 800 internationalen Studierenden, die Jahr für Jahr an die JGU kommen, meldet sich etwa ein Drittel für das Programm an. In einem Fragebogen geben beide Seiten ihre Interessen, ihre Sprachkenntnisse und bis zu einem gewissen Grad auch ihre Wünsche an, dann schaut Volanakis, wer zu wem passen könnte. Oder die Interessenten beschnuppern sich bei einem der Treffen von "Fremde werden Freunde".

Offenes Angebot

"Ich lasse mich gern überraschen", meint Lehrbach zum Auswahlverfahren. "Und bisher war ich immer angenehm überrascht." Er wünscht sich meist Gäste, die bereits ein wenig Deutsch können, denn für sie gilt besonders, was er im Prinzip allen Studierenden bescheinigt, die er bisher traf: "Sie wollen etwas von der deutschen Kultur mitnehmen."

Lehrbach betont: "Die jungen Leute bringen mir viel. Sich mit der Welt zu verknüpfen, das ist für jeden gut. Wir sagen gleich zu Beginn: Wir bieten Dir viel an, aber Du darfst natürlich auch immer nein sagen. Schließlich bin ich 58 und Du um die 20. Du willst auch Party machen und unter jungen Leuten sein."

Dieses offene Angebot ist attraktiv. "Wir hatten schon Studierende, die Freitagnachmittag zu uns gekommen sind und erst am Montagmorgen wieder an die Uni gingen." Ein Vater aus Litauen bedankte sich, dass sich die Lehrbachs so gut um ihre Tochter kümmerten.

Manchmal ist es nur ein Kontakt für ein oder zwei Semester, doch oft wird auch mehr daraus. "Mit vielen jungen Austauschstudierenden haben wir noch Verbindung", erzählt Lehrbach. "Voriges Jahr sind wir auf die Hochzeit einer ehemaligen Studentin nach Litauen gefahren. Dieses Jahr sind wir auf eine Hochzeit in Rumänien und auf eine andere Hochzeit in Polen eingeladen." Außerdem geht es nochmal nach Litauen. "Da ist ein Kind gekommen und wir sind eingeladen, uns den Nachwuchs anzuschauen."

Bereicherung für beide Seiten

"Ich treffe immer mal wieder auf Leute, die befürchten, dass es zu viel Aufwand ist, wenn sie sich als Gastfreude anbieten", meint Volanakis. "Tatsächlich ist es aber eine tolle Bereicherung." Nicht jeder Kontakt gestaltet sich so rege und eng wie bei den Lehrbachs und das ist in Ordnung so. "Alles kann, nichts muss", dieses Motto ist Volanakis wichtig. Mal geht es nur um einen Theaterbesuch, mal wandert ein Senior mit Studierenden durch Rheinhessen. "Viele wollen mit den Studierenden auch eine Sprache auffrischen, die sie früher mal gelernt haben."

Basel Halabi kam vor vier Jahren nach Mainz, um hier Medizin zu studieren. Für ihn war klar: "Ich wollte nicht nur meine Kommilitonen kennenlernen, sondern auch andere Leute außerhalb der Uni." Seine Gastfreundin hatte 17 Jahre in Ägypten gelebt. "Sie spricht ein bisschen Arabisch und kennt unsere Kultur." Das gab schon mal eine gemeinsame Grundlage. "Wir sind mit dem Fahrrad den Rhein entlanggefahren und sie hat mich durch all die schönen kleinen Städte geführt, die ich sonst wohl nie besucht hätte.“

Grace Smith kam aus den USA, um in Mainz Russisch zu studieren, dafür wiederum musste sie erst einmal Deutsch lernen. Ihr Stundenplan war gleich zu Beginn übervoll. Ihr ging es also etwas weniger um die Freizeitgestaltung. "Ich habe mit meiner ersten Gastfreundin lange, intensive Gespräche in alle möglichen Richtungen geführt. So was hätte ich vorher nie erwartet. Es bedeutet mir sehr viel."

Qing Mu aus China arbeitet am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie und bereitet sich auf ihre Dissertation vor. Ihre Gastfreundin half ihr, in das Mainzer Stadtleben einzutauchen. "Ich bin mittlerweile großer Mainz-05-Fan", meint Mu, "und ich finde die Mainzer Fastnacht toll. Ich bin ein Meenzer Mädsche." Wenn auch mit starkem chinesischen Akzent, aber der tut der Begeisterung keinen Abbruch.

Kultur und Kulinarisches

"Fremde werden Freunde" hat einiges zu bieten. Zwar stehen die Partnerschaften im Mittelpunkt, doch darüber hinaus wartet ein vielgestaltiges Programm auf die Studierenden ebenso wie auf die Mainzer. Monatlich sind sie zu einer Veranstaltung eingeladen. "Das kann auch schon mal ein spezieller Ausflug oder etwas anderes werden", erzählt Volanakis. "Außerdem schauen wir, dass wir regelmäßig Themenabende zu verschiedenen Ländern anbieten." Dann gibt es Kultur und Kulinarisches aus Frankreich, Syrien oder Polen. "Außerdem feiern wir jedes Jahr Thanksgiving." Natürlich gehört ein Truthahn dazu, aber drumherum servieren die Studierenden Speisen aus ihrer Kultur. "Da hatten wir schon die verrücktesten Kombinationen."

Alles kann, nichts muss – das scheint bei "Fremde werden Freunde" auf vielen Ebenen zu gelten. Richtig schief geht allerdings nur selten etwas. "In all den Jahren hatte ich vielleicht zehn Fälle, in denen es zwischen Studierenden und Gastfreunden gar nicht geklappt hat", meint Volanakis. Ansonsten blickt sie auf viele Erfolge, von denen sie nebenbei erzählt. "Fremde werden Freunde" steckt voller schöner Geschichten.