Mit 60+ ins Internet

19. September 2017

Seit 2014 betreibt die Initiative Medienintelligenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gemeinsam mit der Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest (MKFS) das Serviceportal "Silver Tipps – sicher online!" für die Generation 60+. Fundiert, verständlich und werbefrei beantwortet es Fragen rund ums Internet. Das europaweit einzigartige Projekt ist ein Erfolg: Die Nutzerzahlen steigen stetig an.
 

Das Internet durchdringt alle Lebensbereiche. Kaum ein Weg führt mehr vorbei an Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, an Online-Shopping oder Online-Banking. Auch Seniorinnen und Senioren nutzen längst das Internet – doch sie nutzen es auf ihre Weise. "Ältere Internetnutzer sind meist sehr zielgerichtet", sagt Dr. Florian Preßmar. "Sie stellen sehr konkret die Frage: Was bringt mir das?" Während manch anderer sich durch die digitale Welt treiben lässt, navigiert die ältere Generation sehr bewusst durchs Internet.

"Viele benutzen WhatsApp für die schnelle Kommunikation", nennt Preßmar ein Beispiel. "Sie schicken kurze Nachrichten an Freunde, an die Kinder und Enkel im Urlaub. So bringen sie sich in Erinnerung und bleiben in einer Weise in Kontakt, die früher nicht möglich gewesen wäre." Dann wieder schauen ältere Menschen mit Befremden auf Phänomene im Internet. "Vielen ist rätselhaft, warum jemand sein Essen im Restaurant fotografiert, um es über Snapchat zu posten. Diese Art von Selbstdarstellung ist ihnen eher fremd – bis sie es dann vielleicht selbst versuchen, ein Bild von sich und ihrem Garten einstellen und dafür 40 Likes bekommen.“

Sicher online im Alter

Das Verhältnis von Seniorinnen und Senioren zum Internet beschäftigt Preßmar seit Jahren. In seiner Dissertation beschäftigte sich der Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Sozialarbeiter mit dem Thema "Bildungsangebote zur Steigerung der Computer- und Internetkompetenz bei Seniorinnen und Senioren". Daraus entstand die Seminarreihe "Silver Surfer – Sicher online im Alter" mit einem umfangreichen Lehrbuch. Sie zielt darauf ab, die Medienkompetenz von Seniorinnen und Senioren im digitalen Bereich zu stärken, denn genau hier brauchen sie Unterstützung: Sie werden schließlich nicht automatisch an moderne Medien herangeführt, sondern müssen sich ihre Kenntnisse in Eigeninitiative erwerben.

Im Jahr 2014 folgte das Internetportal "Silver Tipps – sicher online!" Für dieses Projekt holten die Initiative Medienintelligenz der JGU als Initiator und die Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest (MKFS) als Hauptgeldgeber Partner wie den SWR, die Verbraucherzentralen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, die Datenschutzbeauftragten beider Bundesländer, das MedienKompetenzNetzwerk Mainz-Rheinhessen, den Bürgersender OK:TV Mainz und den Verband der Volkshochschulen Rheinland-Pfalz mit ins Boot.

Preßmar ist Referent für Offene Kanäle und Medienkompetenz bei der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz und Koordinator des MedienKompetenzNetzwerks Mainz-Rheinhessen. Als Teil eines dreiköpfigen Teams und unterstützt von rund 80 freien Autorinnen und Autoren füllt er das Silver-Tipps-Portal mit Inhalten und mit Leben. Das Internetportal ist wie die Seminarreihe speziell auf die Bedürfnisse der Generation 60+ zugeschnitten: "Silver Tipps" ist also die folgerichtige Ergänzung zu "Silver Surfer".

Erfolgreiches Lehrbuch

Das "Silver-Surfer"-Lehrbuch beginnt sehr grundlegend mit der Frage: "Was ist das Internet?" Das erste Modul spannt einen Bogen von der Begriffsbestimmung bis zu ersten Tipps, wie das Internet als Informationsquelle zu nutzen ist. Es folgen Kapitel zu Videoportalen und Mediatheken, zu Online-Banking und Smartphones. Besonders die Themen Verbraucher- und Datenschutz sowie Sicherheit im Netz nehmen weiten Raum ein. "Diese beiden Aspekte sind Seniorinnen und Senioren viel wichtiger als der Generation, die mit der digitalen Technik aufgewachsen ist", erklärt Preßmar. Am Schluss erklärt ein Glossar Begriffe wie App, Posting oder WLAN.

Das Buch wird mittlerweile in Seminarreihen an Volkshochschulen und in Verbraucherzentralen in ganz Rheinland-Pfalz eingesetzt. Auch im Nachbarland Hessen und in Baden-Württemberg ist es in Gebrauch. "Demnächst soll auch Bayern dazukommen", erzählt Preßmar.

Der Erfolg des Konzepts erklärt sich auch aus der fundierten Forschung, die dahintersteckt. Preßmar und sein Team untersuchen immer neue Aspekte. So stellten sie jüngst per Eye Tracker fest, inwieweit sich Seniorinnen und Senioren auf einer Internetseite zurechtfinden. "Für viele ist es schwer, die Übersicht zu behalten. Oft können sie Werbung nur schwer von anderen Inhalten unterscheiden." Also hilft das Lehrbuch mit einer Übersicht zur Struktur von Internetseiten.

Tipps für Silver Surfer

"Aus dem Silver Surfer-Projekt ergab sich praktisch automatisch unser Silver Tipps-Portal. Wir wollten die Menschen nach den Seminaren nicht allein lassen, sondern sie ständig weiter begleiten und ihnen laufend aktuelle Informationen an die Hand geben." Wie das Lehrbuch präsentiert auch die Website keine Schritt-für-Schritt-Gebrauchsanweisungen. "Die gibt es anderweitig reichlich im Netz. Uns geht es um Strukturen und Zusammenhänge, die wir möglichst übersichtlich und klar darstellen."

Im Moment sind Themen rund um die Bundestagswahl gefragt: Wie funktioniert der Wahl-O-Mat? Wie und warum präsentieren sich Parteien im Internet? Für die Antworten auf solche Fragen greift "Silver Tipps" gern auch auf Expertinnen und Experten der JGU zurück. "Hierbei ist die grundlegende Herausforderung, wissenschaftliche Themen einfach darzustellen. Unsere Experten müssen alles so weit herunterbrechen, dass es allgemeinverständlich ist, aber nicht banal."

Vertreterinnen und Vertreter von Konzernen wie Google oder Facebook hingegen kommen nicht zu Wort. "Wir haben uns entschlossen, unabhängig von Interessensgruppen zu arbeiten. Wir lassen auch keine Werbung zu." Beides wäre leicht zu haben, denn die Industrie ist sehr interessiert an der höchst lukrativen Zielgruppe 60+. "Aber nur wenn wir darauf verzichten, können wir glaubwürdig unsere Inhalte transportieren und so das Vertrauen unserer Nutzerinnen und Nutzer erhalten", betont Preßmar.

Wenig Angebote für Ältere

Nach vier Jahren Laufzeit hat sich das Portal "Silver Tipps" prächtig entwickelt. "Wir verdoppeln jedes Jahr die Nutzerzahl des Vorjahrs. Im Moment sind wir bei rund 500 Besucherinnen und Besuchern pro Tag." Preßmar und sein Team vernetzen ihr Portal nicht nur in der digitalen Welt. Sie halten unter anderem Kontakt zu Seniorenzeitschriften und zu öffentlich rechtlichen Sendern. Preßmar selbst ist zudem regelmäßig beim Verbraucherdialog oder auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung zu Gast und verschafft seinem großen Thema Gehör.

"Im digitalen Bereich wird viel investiert in Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche", sagt er. "Das ist auch vollkommen richtig. Aber wir brauchen zusätzlich Angebote für Ältere." Die Ausgaben dafür seien im Vergleich leider immer noch verschwindend gering.

Das bestehende Finanzierungsmodell für "Silver Tipps" wird nach vier Jahren demnächst auslaufen. "Wir sind dabei, unser Projekt auf neue Füße zu stellen", sagt Preßmar. Er ist optimistisch: "Wir erstellen all unsere Inhalte selbst, jeder Beitrag geht durch unsere Redaktion. Wir sind unabhängig, und alles ist speziell auf die ältere Generation zugeschnitten. Unser Portal ist nicht nur bundesweit einmalig, ich kenne auch europaweit nichts Vergleichbares."