Mit dem Mittelalter in die Zukunft

26. September 2017

Das europäische Netzwerk TALC_me bringt Studierende und Universitäten aus neun Ländern zusammen. Unter dem Projekttitel "Textual und Literary Cultures in Medieval Europe" gibt es den historischen Geistes- und Kulturwissenschaften frische Impulse für eine praxisbezogene Ausbildung. Prof. Dr. Stephan Jolie vom Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) koordiniert das in diesem Jahr auslaufende Projekt, das zugleich als Auftakt für ein weiteres europäisches Vorhaben dienen soll.
 

Für zwei Wochen im Frühjahr 2016 kamen Studierende und Lehrende aus neun europäischen Ländern in einem Kloster bei Palermo zusammen, um sich hier ausführlich mit drei großen mittelalterlichen Versepen, dem "Chanson de Roland", dem "Rolandslied" des Pfaffen Konrad und dem "Willehalm" Wolframs von Eschenbach, zu beschäftigen. Im Mittelpunkt des vom Netzwerk TALC_me organisierten Intensivprogramms stand dabei ein Thema, das über die Jahrhunderte hinweg immer aktuell geblieben ist: "Wahrnehmung des Fremden – Konstruktion des Anderen". Ihm näherten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf verschiedensten Ebenen.

Natalie Wilke blättert durch das Scrapbook, das aus diesem besonderen Beisammensein hervorgegangen ist. Hier konnte jeder Studierende auf einer Doppelseite seine Sicht zum Thema darlegen. Dabei ging es vor allem um eine kreative Auseinandersetzung, weniger um Zusammenfassungen gewonnener Erkenntnisse. Fernando Arnejo Calvino aus Santiago etwa zeichnete einen Comic, Okko Spangenberg aus Amsterdam schrieb eine Kurzgeschichte, Catharina Haug aus Bremen gestaltete "Wolframs Chronik" als Facebook-Eintrag.

Mehr Praxis

Und Wilke selbst dokumentierte im Scrapbook ihre Rauminstallation "a life in between – brutal and comic", die sie gegen Ende des Programms in ihrem Klosterzimmer schuf: Rotes und lilafarbenes Licht kontrastiert mit dem Grün der Wände. Das Waschbecken scheint mit Blut gefüllt, im Kleiderschrank stehen sauber aufgereiht zwölf Topfpflanzen, ebenfalls blutbefleckt. Eine Videoeinspielung zeigt in Endlosschleife eine platzende Melone. Die Sequenz beschwört das Bild eines zerschmetterten Schädels herauf – heute wie damals.

"Ich habe mich unter anderem gefragt: Wie funktioniert eigentlich Gewaltdarstellung?", erzählt Wilke. Dafür betrachtet sie das Wechselspiel zwischen Brutalität und Komik im "Willehalm". Die Mainzer Studentin schaut besonders auf die Figur des Rennewart. "Er steht zwischen zwei Welten", skizziert sie den Grenzgänger, "er löst sich von der einen Kultur und ist in der anderen noch nicht angekommen."

Prof. Dr. Stephan Jolie vom Deutschen Institut koordiniert das Netzwerk TALC_me, das er gemeinsam mit Germanistinnen und Germanisten zehn weiterer europäischer Universitäten sowie mit Unterstützung durch das Institut français Mainz, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und das Gutenberg-Museum Mainz ins Leben gerufen hat. Im September 2014 startete das ambitionierte Projekt und wurde bis Ende August 2017 mit rund 380.000 Euro von der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms Erasmus+ gefördert.

Eine der Kernideen von TALC_me haben Jolie und seine Mitstreiter im Vorwort des Scrapbooks auf den Punkt gebracht: Sie fordern einen stärkeren Praxisbezug für Studierende ihres Fachs, der kultur- und literaturwissenschaftlichen Mediävistik. "Wir haben uns gefragt: Was machen unsere Studierenden später?", erläutert Jolie. "Wie ist der Weg in den Beruf? Können wir sie noch besser vorbereiten? Können wir intelligent so etwas wie Employability, also die Fähigkeiten, die man für einen Berufseinstieg braucht, fördern?"

Moderne Altgermanistik

Gerade Studierende der historischen Geisteswissenschaften werden in ihrem Studium nicht unbedingt auf den praktischen Berufsalltag vorbereitet. Sie haben an der Universität nicht viel mit der Welt da draußen zu tun. So lautet zumindest das Klischee – mit dem Jolie als Professor für Literatur der älteren Epochen allerdings gar nicht einverstanden ist: "Wie ich als Altgermanist unser Fach kenne, sind wir höchst modern. Wir arbeiten sehr reflektiert auf die Gegenwart hin."

TALC_me will derartige Tendenzen weiter verstärken und eine stabile Grundlage schaffen, um verschiedenste Fächer der historischen Geistes- und Kulturwissenschaften darin zu unterstützen, in diese Richtung zu arbeiten. Die verschiedenen Intensive Study-Programme des Netzwerks waren dabei eine Aspekt, der besonders die Studierenden der JGU und der neun anderen beteiligten Hochschulen in den Niederlanden und Luxemburg, Italien, Tschechien und Portugal, Österreich, Spanien, Schweden und Italien einband. "Hier konnten wir praktisch ausprobieren, was wir mit dem Netzwerk entwickelt haben", meint Jolie.

Entwickelt wurde einiges in den vergangenen drei Jahren. Jolie präsentiert unter anderem eine Broschüre mit Leitlinien zur Vermittlung berufsbezogener Kompetenzen in geisteswissenschaftlichen Studiengängen. In Ergänzung dazu gibt es einen Baukasten als Loseblattsammlung. Beides liegt in mehreren Sprachen vor und ist über die TALC_me-Webseite abrufbar. Der Baukasten wartet mit einer ganzen Reihe von Anregungen auf. "Er enthält 24 Maßnahmen, wie man berufsvorbereitende Module konkret gestalten kann", so Jolie. Hier kommt verschiedensten Projekten eine besondere Bedeutung zu.

"Projektorientierung ist etwas, das Kompetenzen ungeheuer fördert", betont Jolie. Er selbst hat das bei zwei öffentlichkeitswirksamen Unternehmungen erlebt, die er mit Studierenden der JGU in Szene setzte: Im Jahr 2011 präsentierte er das Minneprojekt "mainz1184 – ein Traum von Liebe und Ritterschaft" in der Mainzer Altstadt, 2014 folgte die Theaterinszenierung des radikal neu erzählten mittelalterlichen Heldenepos "Otnit".

Reges Netzwerk

"Mit solchen Projekten können wir eine ganze Palette unterschiedlichster Kompetenzen vermitteln. Verschiedene Textsorten verfassen zu können gehört ebenso dazu wie auf den Punkt genau zu formulieren, im Team zu arbeiten, ein funktionierendes Selbstmanagement ..." Die Liste ließe sich noch lang fortführen. "Das alles sind Fähigkeiten, die auch im späteren Berufsleben nützlich sind. Aber in normalen Seminaren wird so etwas wenig eingeübt. Dafür gibt es bei uns bisher nur die Praktika." Zumindest an der JGU soll sich das ändern: Ab kommendem Semester möchte Jolie das Studienangebot seines Fachs durch ein Praxisprojekt ergänzen: "Das kann mal ein Blog mit Literaturkritik sein, mal eine Ausstellung, eine besondere studentische Tagung oder eine Performance."

TALC_me ist nicht das erste Projekt, mit dem Jolie und seine europäischen Kolleginnen und Kollegen frische Impulse in die Altgermanistik bringen. "Unser Netzwerk gibt es mit wechselnder Besetzung seit 20 Jahren. Es entstand unter anderem, weil Altgermanisten im Ausland ein Problem haben: Sie können ihr Fach oft nicht so intensiv vermitteln, wie sie sich das wünschen, denn sie sind meist allein unterwegs. Also dachten wir uns: Stellen wir doch zusammen etwas auf die Beine, etwas Europäisches."

In der Folge kamen der European Master GLEMA und das Erasmus-Mundus-Masterprogramm GLITEMA zustande, die beide von der EU unterstützt werden. "Darauf aufbauend haben wir gesagt: Lasst uns weitermachen, lasst uns weiter mit dem Mittelalter in die Zukunft gehen." Das geschah mit TALC_me. Das Netzwerk forschte, es formulierte Leitlinien zur Vermittlung interkultureller und berufsbezogener Kompetenzen, es schuf eine eigene Open-Access-Lehrplattform für Studierende der europäischen Kultur- und Geisteswissenschaften.

Europa mit Leben füllen

Darüber hinaus legten die Altgermanisten den Grundstein für ein weiteres europäisches Vorhaben: Sie entwickelten ein Curriculum für einen internationalen Masterstudiengang, den es so noch nicht gegeben hat. TALC_eu, kurz für "Textual and Literary Culture in Europe – Transnational German Studies", soll das Projekt heißen. "Fürs Erste sollen maximal 20 Studierende gemeinsam je ein Semester in Porto, Luxemburg, Mainz und Palermo studieren. Mit ihrem Abschluss bekommen sie ein Master-Zeugnis von allen vier Universitäten."

All diese Projekte sind unter Altgermanisten entstanden, doch die Ausrichtung ist europäisch, das betont Jolie immer wieder. "Wir nehmen die deutschsprachige Literatur exemplarisch, damit wir auch in die Tiefe gehen können, aber wir bleiben immer sehr komparatistisch. Wir betreiben eine europäische Mediävistik. Kulturtransfer, Kulturvermittlung und Kulturaustausch sind unsere Hauptthemen. Mit unserem Netzwerk wollen wir Hürden abbauen, wir wollen den europäischen Hochschulraum mit Leben füllen. Das ist uns wichtig."

Für Prof. Dr. Stephan Jolie ist klar: "Wenn wir wissen wollen, wie Europa geworden ist, was es heute ist, müssen wir in die Vergangenheit schauen, ins 8. und. 9., ins 12. und 13. Jahrhundert, in die Zeit, in der sich die Anfänge des heutigen Europa entwickelt haben, noch lange bevor es Nationen gab. Wir schlagen den Bogen von einer pränationalen zu einer postnationalen Welt. Wir tragen dazu bei, Europa von den Wurzeln her zu verstehen."