Ausgezeichneter Nachwuchs, vergessene Sammlungen

3. Juli 2012

Am Dies academicus feiert die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ihre Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. 14 herausragende Dissertationen wurden diesmal ausgezeichnet. Im Festvortrag beschäftigte sich Dr. Andreas Brandtner, Direktor der Universitätsbibliothek, mit einem Thema, das nach langer Flaute wieder in Schwung kommt: den universitären Sammlungen.
 

Der Datenschutz steht vor großen Herausforderungen. Das Recht des Einzelnen auf informationelle Selbstbestimmung ist gefährdet. Immer neue Techniken ermöglichen es, immer mehr Daten zu sammeln und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sehen viele Regierungen gute Gründe, sich diese Daten genauer anzuschauen. Für Dr. Eva Aernecke ist klar: Es muss ein neues Grundrecht her, ein effektiver Schutz der Bürger. Einen Vorschlag hat sie in ihrer beim diesjährigen Dies academicus ausgezeichneten Dissertation "Der Schutz elektronischer Daten im Verfassungsrecht – Bedrohungen durch neue Ermittlungsmethoden" formuliert.

"Es ist mir eine Ehre, Sie zu unserem höchsten akademischen Feiertag zu begrüßen", eröffnet Prof. Dr. Ulrich Förstermann, Vizepräsident für Forschung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz JGU), den Dies academicus. Alljährlich werden in der Alten Mensa herausragende Doktorarbeiten ausgezeichnet. Es ist der Tag der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Stiftungen und privatwirtschaftliche Initiativen wie die Freunde der Universität Mainz e.V. oder die Rheinland-Pfalz Bank haben diesmal Auszeichnungen im Wert von insgesamt 33.000 Euro ausgelobt.

33.000 Euro für Dissertationen

Für ihre Arbeit zum Datenschutz die erhält die Juristin Aernecke den Preis der Dr. Feldbausch-Stiftung. Der Humanmediziner Dr. Daniel Stephan Jussen wird von der Boehringer Ingelheim Stiftung bedacht. Er hat an einer verbesserten Methode der Hämatomentfernung nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma gearbeitet.

30 Prozent der Schädel-Hirn-Trauma-Patienten sterben an akuten Blutungen. "Ein wichtiger Grundpfeiler der Therapie ist es, neben dem entstandenen Primärschaden eine Sekundärschädigung des Gehirns zu begrenzen", konstatiert Jussen. Er nutzt ein Verfahren aus der Schocktherapie und verabreicht intravenös eine hypertone beziehungsweise hyperonkotische Lösung, die die Hirnschädigung entschieden reduziert. An Ratten funktioniert das schon, für viele Patienten könnte das in Zukunft die Chance auf Genesung verbessern.

14 Auszeichnungen für junge Wissenschaftler

Am Dies academicus geht es feierlich zu. Manch einem der 14 Ausgezeichneten ist aber anzusehen, dass das feine Kleid oder der schicke Anzug nicht unbedingt zur Alltagsbekleidung gehört. An solch einem Tag darf auch ein anspruchsvolles Musikprogramm nicht fehlen – und natürlich der Festvortrag.

Dr. Andreas Brandtner, seit 2011 Direktor der Universitätsbibliothek, hat sich ein Thema ausgesucht, das einst viel diskutiert, dann oft vernachlässigt wurde und nun wieder aktuell scheint: "Von der Logik universitärer Sammlungen. Perspektiven in Forschung, Lehre, Wissenschaftskommunikation und Musealisierung" spricht der gebürtige Österreicher.

Von alten Schätzen im Keller

1779 lobte Georg Christoph Lichtenberg das akademische Museum in Göttingen. Es war das erste seiner Art, das an einer Universität eröffnet wurde. Die Sammlung setzte sich ab von den alten Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten. Ganz im Sinn der Aufklärung ging es nicht mehr ums bloße Bestaunen, nicht um prunkvolle Zurschaustellung. Das Museum diente dem Unterricht, dem Gebrauch in der Lehre. Das machte Schule. Auch für Wilhelm von Humboldt war solch eine Sammlung unentbehrlich bei der Gründung der Berliner Universität.

Von der Epoche Lichtenbergs und Humboldts springt Brandtner gut 200 Jahre in die Gegenwart: Heute scheinen vielen Universitäten ihre Sammlungen peinlich zu sein – "so peinlich, dass sie sie in ihren Kellern verstecken müssen." Vernachlässigt, von Zerstörung bedroht, fristen sie ein Randdasein. "Rund 1.000 Sammlungen gibt es an 86 deutschen Universitäten." In Mainz sind es 21, darunter die Ethnografische Sammlung, die Mineralogische Sammlung oder die griechischen Vasen der Klassischen Archäologie. Um ihre Einbeziehung in den Uni-Alltag kümmern sich schon jetzt einige engagierte Mitarbeiter.

Sammlungen sind wichtige Ressourcen

Doch jenseits davon laufen zurzeit bundesweit Initiativen, die Sammlungen wieder zu aktivieren, sie zu katalogisieren und zu bewahren. Dafür plädiert auch Brandtner: "Machen wir uns ihre Qualitäten wieder bewusst, verstehen wir sie als Ressourcen." An der Schnittstelle zwischen Forschung und Lehre könnten sie eine Rolle spielen, aber auch museal genutzt könnten sie eine breitere Öffentlichkeit interessieren.

An der JGU will die Universitätsbibliothek als Koordinationspartner der Kuratoren fungieren. An dem Tag, an dem der Nachwuchs ausgezeichnet wird und viele Honoratioren im Publikum sitzen, erinnert Brandtner an die alten Schätze und schließt mit einer Mahnung. "Klar muss sein: Wenn sie für uns etwas wert sein sollen, werden sie uns was kosten."