Lehre im Schatten von HIV und AIDS

9. November 2017

Der Gutenberg Teaching Award 2017 geht an Prof. Dr. Musa Dube aus Botswana. Damit zeichnet das Gutenberg Lehrkolleg (GLK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eine führende Bibelforscherin aus, der es gelungen ist, das in Afrika tabuisierte Thema HIV und AIDS in die Lehrpläne der theologischen Ausbildung einzubringen und darüber hinaus einen breiten Diskurs über die Krankheit anzustoßen.
 

In den meisten afrikanischen Gesellschaften sind HIV und AIDS ein Tabu. Die Menschen empfinden die Krankheit als Stigma, sie reden nicht darüber. Doch Prof. Dr. Musa Dube bringt seit vielen Jahren genau diese Themen auf dem gesamten Kontinent zur Sprache. "Dieses Schweigen zu brechen ist ein zentraler Punkt meiner Lehre", sagt sie.

Die Theologin von der Universität von Botswana ist an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz gekommen, um hier den Gutenberg Teaching Award 2017 in Empfang zu nehmen. Mit diesem auf 10.000 Euro dotierten Preis zeichnet das Gutenberg Lehrkolleg (GLK) der JGU Persönlichkeiten aus, die der akademischen Lehre bedeutende Impulse gegeben haben. Dies trifft auf Dube in besonderem Maße zu: Jahrelang zog sie als HIV-/AIDS-Beauftragte des Weltrats der Kirchen durch Afrika, um zu erreichen, dass die Erkrankung in die Lehrpläne der theologischen Ausbildung verankert wird.

HIV und die Bibel

Bei der Preisverleihung am DIES LEGENDI der JGU erinnert sie sich, wie es begann: "Ich unterrichtete eine Klasse von 300 Studierenden und mir war plötzlich klar, dass 40 Prozent von ihnen die nächsten 20 Jahre nicht überleben werden. Was soll ich lehren, wenn meine Studierenden nicht überleben?"

Gott schickt Epidemien als Strafe – das ist eine Lesart der Bibel, ein bekannter Topos aus dem Alten Testament. Dube stellt dem eine andere Lesart gegenüber. Sie stellt die Frage: "Wie können wir Menschen dazu bewegen, die Texte anders zu lesen?" Die Bibel erzählt, wie Gott alles Leben schuf. Hier setzt die Theologin an. "Immer wieder steht dort: 'Und Gott sah, dass es gut war.' In jedem Punkt war es gut. Alles ist von einem Respekt für das Leben durchzogen." Eine Epidemie wie AIDS, die Millionen von Leben auslöscht, sei in diesem Kontext nicht nur unmenschlich, sondern geradezu ungöttlich.

Dube kommt auf das Neue Testament und das Evangelium des Matthäus zu sprechen. "Jesus bezeichnet sich in einer Passage als fremd, als obdachlos, als krank. Er identifiziert sich mit all jenen, die marginalisiert werden. Was würde er heute sagen? Er würde sagen: Ich bin HIV-positiv." Dube fährt fort: "Jesus heilte Menschen ohne jede Gegenleistung. Er unterlief die Stigmata seiner Zeit, indem er mit Steuereintreibern und Prostituierten umging, indem er Aussätzige berührte."

Die 53-Jährige spricht sehr leidenschaftlich von dieser Art, die Bibel zu lesen. Die Preisverleihung liegt gerade hinter ihr, nun gibt sie noch dieses Interview. Dazu hat sie sich in das Büro von Prof. Dr. Volker Küster von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der JGU zurückgezogen. Die Fakultät hatte sie vorgeschlagen für den Award, Küster hielt die Laudatio auf die Kollegin aus Botswana. Der Professor für Religions- und Missionswissenschaft kennt Dube schon länger. Er hatte sie bereits in seine Lehrveranstaltungen eingeladen, als er noch in den Niederlanden unterrichtete.

Afrikanisches Christentum

"Musa Dube und ihresgleichen stehen für ein afrikanisches Christentum, das einen wichtigen Beitrag leistet", konstatierte er in seiner Laudatio, in der er den Werdegang der Theologin Revue passieren ließ. Er zitierte unter anderem eine Frage, die Dube und viele andere Afrikaner christlichen Glaubens umtreibt: "Wie sollen wir als postkoloniale Subjekte die Bibel lesen?" Schließlich ist die Bibel das Buch, das die Kolonisatoren mitbrachten – auch als Mittel der Unterdrückung.

Dube wurde 1964 geboren, zwei Jahre später erlangte Botswana seine Unabhängigkeit. Die junge Frau musste sich häufig rechtfertigen für ihren christlichen Glauben, an dem sie konsequent festhielt. Sie studierte Theologie an der Universität von Botswana. Ihre Dissertation "Postcolonial feminist interpretation of the Bible" wurde schnell zu einem Standardwerk. Zahlreiche weitere Publikationen folgten, die zu einer Emanzipation der afrikanischen Bibelwissenschaft beitrugen.

Ihr akademischer Werdegang führte Dube zwar auch nach Großbritannien und in die USA. "Zum Glück aber war das nur ein vorübergehender Braindrain", kommentierte Küster in seiner Laudatio. Dube kehrte nach Botswana zurück, wo sie seit 2003 als Professorin lehrt. Sie ist Mitglied des Netzwerks "Circle of Concerned African Women Theologians", in dem Hunderte afrikanischer Theologinnen mit unterschiedlichstem religiösem Hintergrund zusammenfinden. "Eine große Erfolgsgeschichte" nennt Küster diese im Jahr 1989 gegründete Initiative. Zudem setzt sie sich auf vielfache Weise für die Förderung von afrikanischen Nachwuchstheologinnen ein. Auch das macht sie zu einer idealen Kandidatin für den Gutenberg Teaching Award.

"Wir sind sehr glücklich, Sie hier zu haben", begrüßte Prof. Dr. Andreas Hildebrandt die Preisträgerin zu Beginn der Festveranstaltung. "Uns geht es darum, Menschen zu verbinden, die große Ideen für die Lehre mitbringen", fuhr der Direktor des GLK fort. Dubes Engagement lobte er als "sehr inspirierend und interessant".

Armut, Ungleichheit, Rassismus

Hildebrandt sieht nicht nur die besonderen Verdienste Dubes, er betont darüber hinaus auch die Rolle des Awards für die Universität: "Mit diesem Preis unterstreicht die JGU ihre Bestrebungen nach einer Gleichrangigkeit von Forschung und Lehre. Der Gutenberg Teaching Award stellt eine ausgezeichnete Gelegenheit dar, herausragende, meist internationale Lehrpersönlichkeiten an die JGU einzuladen. Lehrende und Studierende können sich vor Ort mit den Preisträgern über Fachthemen, ihre Lehrideen, -ansätze und -konzepte austauschen."

Gemeinsam mit ihren Mainzer Kollegen hält Dube im Rahmen ihres Gastaufenthalts an der Evangelisch-Theologischen Fakultät zwei Blockveranstaltungen. Das Seminar "An African Woman's Theology in Dialogue" beschäftigt sich mit der Person Dubes. Das zweite Seminar zum Thema "Medizinethik in interkultureller Perspektive: The Case of HIV/AIDS in Africa" schaut über den Tellerrand der Theologie hinaus und spiegelt Dubes Kampagne in Afrika. Dort war ihre Arbeit von fächerübergreifenden Workshops geprägt, denn sie hatte schnell begriffen: "HIV und AIDS sind mehr als eine Herausforderung für die Medizin, sie berühren alle anderen Disziplinen."

Im Interview betont sie: "Es geht nicht nur um die Frage, wie AIDS medizinisch zu behandeln oder zu heilen ist. Die Krankheit verbreitet sich auch durch Armut, durch Ungleichheit der Geschlechter, durch Rassismus." Sie bezeichnet HIV und AIDS als eine Herausforderung für die gesamte Menschheit: "Das ist ein stille Bombe. Gerade im Zeitalter der Globalisierung muss uns klar sein, wie stark alles miteinander verbunden ist. Wir müssen handeln. Ich selbst stelle mir immer diese Frage: Es gab 35 Millionen AIDS-Tote in den 53 Jahren meines Lebens, was habe ich getan? Was habe ich als Lehrerin getan?"