"Musik muss eine Botschaft haben"

7. Dezember 2017

Jüngst wurde Steph Winzen von der Stiftung Schlaraffia Moguntia zur Mainzer Stadtmusikerin gekürt. Die erfolgreiche Saxofonistin und Saxofonlehrerin freut sich über diese Ehre, schließlich hat sie in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein zweites Zuhause gefunden. An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) studierte die gebürtige Bayerin ihr Instrument, hier lehrt sie am Peter-Cornelius-Konservatorium und von hier aus geht sie mit verschiedensten Formationen auf Tournee.
 

Hinter ihr auf dem Schreibtisch stehen Klarinette und Querflöte. Neben dem Sofa ruhen ein großes Bariton- und ein mächtiges Basssaxofon in schwarzen Instrumentenkoffern. Auf dem kleinen Beistelltisch vor ihr liegen ein gebogenes Mundstück und ein hölzernes Rohrblatt. Beides gehört zweifellos zu einem weiteren Saxofon, das irgendwo im Raum zu finden sein wird. In Steph Winzens Wohnung im rheinhessischen Essenheim sind ihre Profession und ihre Leidenschaft unübersehbar.

Winzen ist als Saxofonistin erfolgreich – vor allem aber ist sie glücklich. "Ich habe mich entschlossen, meinen Traum zu leben", sagt sie. In ihrem Lächeln schwingt ein Hauch Verlegenheit mit. Sie weiß, dass solch ein Satz kitschig klingen kann, aber in ihrem Fall trifft er voll und ganz zu. Winzen spielt in den verschiedensten Formationen: Mal ist sie als Orchestermusikerin, mal als Teil eines Duos und dann wieder solo unterwegs. Auch stilistisch lässt sie sich schwer verorten. Bei ihr trifft Jazz auf Pop und Klassik auf Weltmusik. "Ich will mich nicht einschränken lassen", erklärt sie.

Vom Flügelhorn zum Saxofon

In der Mainzer Region fühlt sich die Musikerin zu Hause und das nicht erst, seit sie im Oktober 2017 von der Stiftung Schlaraffia Moguntia mit dem Preis der "Mainzer Stadtmusikerin" ausgezeichnet wurde. Der Verein ehrt damit nicht nur eine vielseitige Saxofonistin, sondern auch eine engagierte Dozentin, die sich besonders um die örtliche Musikszene und die Nachwuchsförderung verdient gemacht hat. "Mit dieser Auszeichnung hatte ich nicht gerechnet. Sie ist eine große Ehre und eine Bestätigung, dass ich mich wirklich als Mainzerin fühlen darf."

Winzen stammt ursprünglich aus der bayrischen Provinz, aus einem 700-Seelen-Dorf. Sie wuchs auf dem Bauernhof der Eltern auf. "Ich habe eine Plastik-Melodica gespielt, sobald ich atmen konnte", erzählt sie schmunzelnd. "Auch das Singen war schon früh sehr wichtig für mich." Ihr Vater war zweiter Vorstand im örtlichen Musikverein. "Eines Tages kam er in die Scheune und meinte zu mir: Wir bilden jetzt wieder Instrumentalisten aus. Da machst Du mit." Also lernte die zehnjährige Steph das Flügelhorn und die traditionelle Blasmusik näher kennen.

"Natürlich war das nie als Beruf gedacht, das machte man einfach so im Verein." Winzen ließ sich als Technische Zeichnerin ausbilden und arbeitete ein Jahrzehnt in der Branche. Allerdings hatte zuvor schon eine besondere Entdeckung Wurzeln in ihr geschlagen. "Bei meiner Schwester unterm Bett lag ihr altes Saxofon und ich wusste: Das ist es, was ich spielen will."

Sie mochte die Vielseitigkeit des Instruments, auch wenn sie davon erst später wirklich Gebrauch machen konnte. "Der Klang des Saxofons hat viele Facetten. Man kann verrucht, aber auch sehr sanft spielen." In der Blaskapelle saß sie nun mit dem Saxofon. "Der Orchesterleiter sagte: Das klingt schrecklich, nimm Unterricht!" Das tat sie. Doch das reichte ihr nicht.

Glücksfall Mainz

Im Jahr 2004 entschied sich Winzen, Saxofon zu studieren. "Das war ein großer Schritt. Ich setzte alles auf eine Karte und bewarb mich überall. Meine Eltern waren überhaupt nicht begeistert." Bayern und Baden-Württemberg fielen von vornherein weg. Dort kann man sich, wenn man älter als 25 Jahre ist, an den Hochschulen nicht mehr einschreiben. "Ein Solo-Oboist fragte mich bei der Aufnahmeprüfung in Berlin, warum ich jetzt überhaupt noch anfangen will."

An der Hochschule für Musik der JGU wurde Winzen schließlich angenommen. "Das war reiner Zufall – und ein Segen." Sie mochte die Stadt auf Anhieb. "Als ich das zweite oder dritte Mal in Mainz war, stand ich mit den Stadtplan am Münsterplatz und eine ältere Frau sprach mich direkt an, ob sie mir helfen kann. Das wäre mir in der alten Heimat nicht passiert." Die Hochschule übertraf ihre Erwartungen. "Das Ding ist: Wenn man Musik studiert, zeigt man das Innerste seiner Seele. Und dann kommt einer daher und sagt: So nicht! Man muss total reflektieren, was man macht. Man muss sich immer radikal hinterfragen. Das ist schwer."

Winzen fand in ihrer Saxofondozentin Linda Bangs das ideale Gegenüber. "Anders als bei nicht künstlerischen Studiengängen entwickelt sich an der Hochschule ein intensives, sehr vertrautes Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Das muss einfach passen." Mit Bangs funktionierte es. "Ich lernte erst an der Hochschule so richtig die klassische Musik kennen und die sagenhaften Ausdrucksmöglichkeiten, die sie eröffnet." 2009 schloss Winzen ihr Diplom als Musiklehrerin ab. Bangs ging in Pension, Wardy Hamburg kam an die JGU. "Sie kam aus Amsterdam und begeisterte mich für die Orchestermusik und ich dachte: Ach, das ist ja interessant. Das mache ich auch noch." Zwei Jahre später hatte sie ihr Diplom als Orchestermusikerin in der Tasche.

Big Band, Quartett, Duo

Die Zeit an der JGU hat Winzen nicht nur in musikalischer Hinsicht weitergebracht. "Ich sah, wie faszinierend es ist, wenn verschiedene Wissensgebiete zusammenkommen – und das auf hohem Niveau." Ihre erste Diplomarbeit dokumentiert das. "Ich beschäftigte mich damit, inwieweit Musiker durch Sport ihre Atemtechnik verbessern können." Auch hier findet sich ein Echo in Winzens Essenheimer Wohnung: Hinter den Saxofonkoffern liegt zusammengerollt eine Gymnastikmatte. "Natürlich treibe ich regelmäßig Sport", sagt sie. "Ich merke auch, wie Kollegen, die das nicht tun, auf Dauer Probleme bekommen."

Heute hat sich die Saxofonistin vielfach etabliert: Bereits in ihrer Anfangszeit in Mainz fand sie den Weg in die Magic Sound Big Band, die sich vor allem dem Swing verschrieben hat. Sie ist Gründungsmitglied des Saxofonquartetts "Mainz 04" und mit "ArtSax" spielt sie auf Vernissagen: "Ich trete mit dem Saxofon in eine Art Dialog mit den Kunstwerken, die ich in einer Ausstellung vor mir sehe. Oft setze ich mich gerade mal eine Stunde vor der Eröffnung hin und überlege, was passt." Diese improvisierten Konzerte kommen an. "Das Publikum auf Vernissagen ist sehr offen. Es reagiert begeistert."

Im Duo "ChordAer" präsentiert Winzen gemeinsam mit dem Gitarristen Alex Litau Eigenkompositionen. Natürlich treffen auch hier wieder Musikstile aufeinander. Winzen mischt Pop, Rock, Latin, Jazz und Klassik. "Von Alex habe ich gelernt, wie es ist, Musik ausschließlich über das Gehör zu erschließen. Ich habe schließlich meist das Notenblatt vor mir, er kommt ganz ohne aus." Mit ChordAer ist sie viel unterwegs. "Das läuft derzeit wie geschnitten Brot", freut sie sich.

Klassik, Jazz und mehr

Neben all diesen Konzertverpflichtungen ist Winzen auch Lehrerin, das betont sie. Am Peter-Cornelius-Konservatorium der Stadt Mainz, wenige Minuten vom Gutenberg-Campus entfernt, hat sie bereits im Jahr 2010 einen Lehrauftrag übernommen. "Mein bisher jüngster Schüler ist sechs Jahre alt, mein ältester 90. Bei dem einen läuft viel intuitiv ab, der andere dagegen braucht viel mehr Erklärungen und Worte. Ich mag es, mich auf jeden neu einzustellen und das Beste aus ihm herauszulocken. Daran wachse ich auch selbst." Am Konservatorium hat sie auch ein eigenes Mainzer Saxofonorchester ins Leben gerufen, dessen Musikerinnen und Musiker sich regelmäßig treffen, um Konzerte zu geben. "Das ist mein besonderes Baby", bemerkt sie.

Winzen möchte als Lehrerin und als Musikerin eine Saite anschlagen in ihrem Gegenüber. "Nur einfach Musik machen, um das Instrument zu präsentieren oder mein Können zu zeigen, das reicht mir nicht. Musik muss eine Botschaft haben." Sie nimmt ihr Baritonsaxofon aus dem Koffer neben dem Sofa und beginnt zu spielen. George Gershwin erklingt, ein Komponist, der die Brücke von der Klassik zum Jazz geschlagen hat.

Das Gespräch neigt sich dem Ende, die Musik übernimmt. Der Blick schweift über die Instrumente hinweg zur Balkontür. Die Essenheimer Weinberge sind zu sehen. Winzen setzt das Saxofon ab und wendet ihren Blick. "Diese Aussicht liebe ich", so die Wahl-Mainzerin. "Die Natur ist mein Ruhepunkt."