Der Weg des Schwertes

15. Dezember 2017

Kendo hat an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eine jahrzehntelange Tradition. Seit Anfang der 1980er-Jahre gibt es das Dôjô auf dem Campus. Es stellte unter anderem schon zwei deutsche Mannschaftsmeister. Trainer Tino Bila erzählt von dem Kampfsport und der Philosophie dahinter.
 

Sie stehen sich gegenüber. Ihr Bambusschwert halten sie gerade nach vorn vor der Brust, die Spitze zeigt in Richtung Gegner. Der macht einen Ausfallschritt, schwingt seine Waffe und schreit "Men!". "Men" steht für "Helm". Sie weiß also: Sein Schlag geht gegen ihren Kopf. Sie bringt ihr Schwert in Verteidigungsposition und hält es schräg vor sich. Seine Waffe saust herab, begleitet von einem weiteren wortlosen Schrei. Die Schwerter schlagen mit einem lauten hölzernen Klacken aufeinander. Sie nutzt seine kräftige Attacke und leitet seine Kraft gegen ihn in einen Treffer gegen Rippen und Herz. Der Angreifer tritt zurück. Kurz hält er inne, um sich für den nächsten Waffengang bereit zu machen. Dann schreitet er wieder nach vorn. Diesmal ruft er "Do!" und zielt auf ihren Brustpanzer …

Ein wenig wirkt das Grundtraining im Dôjô der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wie ein gut einstudiertes Ballett: In der Sporthalle stehen sich je zwei Kenshi, zwei Kendo-Kämpfer, gegenüber, die eine Abfolge von Bewegungen durchexerzieren. Bei diesem Grundtraining, dem Kihon-Keiko, geht es eben nicht so sehr darum, die Gegnerin oder den Gegner auszutricksen, sondern in erster Linie um das Beherrschen eines festen Schlag- und Verteidigungsrepertoirs.

Ältestes Dôjô der Stadt

"Allerdings kann schon hier jeder seinen eigenen Stil einbringen", betont Tino Bila. Er ist einer der Kendo-Lehrer, ein Sensei. "Jeder schlägt anders. Auch ein Anfänger kann für mich noch Überraschungen bereithalten. Ich kann von ihm lernen. Das ist typisch für Kendo."

"Ken" steht für Schwert oder Klinge, "Dô" für Weg, Kendo ist also der Weg des Schwertes. Vereinfacht gesagt, geht diese Sportart auf die Kampfkunst der japanischen Samurai zurück. Sie machte in den vergangenen Jahrhunderten allerdings viele Veränderungen durch, bevor sie sich in der heutigen sportlichen Form auch in Deutschland verbreitete.

Das Dôjô ist der Ort, an dem Kendo praktiziert wird. "Jo" bedeutet Haus, der Dôjô ist das Haus des Weges. Der Ken-Dôjô der JGU ist der älteste der Stadt. Er wurde Anfang der 1980er-Jahre gegründet. Damals wurde die fernöstliche Kampfsportart fest ins Programm des Allgemeinen Hochschulsports auf dem Gutenberg-Campus aufgenommen. Über die Jahrzehnte erfreute sich das Angebot wechselnden Zuspruchs. Im Wintersemester 1998/1999 sah es sogar so aus, als würde sich das Uni-Kendo auflösen. Nach dem Jahr 2000 allerdings kam die Wende und das Dôjô blühte auf. Mit Frank Jähne nahm ein engagierter Trainer und Lehrer das Heft in die Hand.

"Außerdem kam dann 2003 Kozaki Hiroshi Sensei zu uns", erzählt Bila. "Er stammt aus Japan und hat früher die Schweizer Nationalmannschaft im Kendo trainiert." Ein Jahr später begann Bila selbst mit dem Training. Heute ist er frisch als Sensei dabei. An diesem Abend leitet er die Kenshi gemeinsam mit Jähne an.

Rüstung und Bambusschwert

Bila trägt das typische blaue Oberteil mit den weit geschnittenen Ärmeln, den Keiko-gi, dazu den Hakama, einen blauen Hosenrock, der beinahe bis zum Boden reicht. "Traditionell besteht beides aus Baumwolle", erklärt er. Auch den Do, den Brustpanzer, hat er bereits angelegt. "Ursprünglich wird er aus Leder und Bambus gefertigt, heute wird neben Bambus aber meist auch Plastik verwendet." Neben ihm auf der Sporttasche liegt der Men, ein Helm mit einem Metallgitter als Gesichtsschutz, und die Kote, stark gepolsterte Handschuhe. Im Wettkampf trägt ein Kendoka die volle Montur, die um die sieben Kilo wiegen kann.

Kernstück der Ausrüstung ist das Bambusschert, das Shinai. Es besteht aus vier Holzlatten, die unten an der Basis von einer Metallplatte zusammengehalten werden und zusätzlich mit Lederriemen zusammengebunden sind. Die Spitze ist durch eine Lederkappe entschärft. Der Griff, der für beide Hände Platz bietet, ist mit Leder überzogen. Die Bambuslatten lassen sich ein Stück weit gegeneinander verschieben. "Kendo ist ein relativ verletzungsarmer Sport", meint Bila. Wunden können beim Schlag mit diesem relativ elastischen Schert kaum entstehen. "Aber es schmerzt schon, wenn es den ungeschützten Körper trifft."

Im Hintergrund geht das Training weiter. Nicht alle tragen die traditionelle Kleidung, einige Studierende sind in Straßen- oder Sportkleidung angetreten. In den Händen halten sie vom Verein gestellte Shinai. Sie versuchen sich in den neun Grundübungen, die das Kendo für Neulinge bietet. "Das sind unsere Anfänger. Wenn sie einen Eindruck davon bekommen haben, ob der Sport etwas für sie ist, werden sie nach und nach auch die traditionelle Kleidung und die Rüstung anschaffen."

Kampf und Philosophie

Kendo ist ein Vollkontakt-Kampfsport. Es gibt Wettkämpfe, Turniere und Meisterschaften. "Wir stellen zwei deutsche Mannschaftsmeister, Europameisterschaftsplatzierte und mehrere Südwest-Meister", erzählt Bila stolz. Kendo ist aber auch eine Philosophie, eine Lebenseinstellung. Meditation gehört ebenso dazu wie der Kampf. "Wenn wir ins Dôjô kommen, lassen wir den Alltag zurück. Hier gibt es keine Hektik. Kendo ist eine Form der Persönlichkeitsbildung. Wir als Lehrer vermitteln nicht nur die Kampftechniken, das Geistige spielt eine ebenso große Rolle. Unsere Kenshi lernen Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen, Verantwortung und Disziplin. Das sind Qualitäten, die sie auch im Studium weiterbringen können."

Wer sich für Kendo entscheidet, entscheidet zugleich, wie er den Sport betreiben will. "Für viele ist es einfach ein Ausgleich oder ein Form der Entspannung, andere machen es, um sich fit zu halten, wieder andere wollen Wettkämpfe bestreiten. Das alles steht gleichwertig nebeneinander." Bila selbst kommt von der Leichtathletik. "Dort geht es im Grunde nur um Bestzeiten und Titel. Kendo bietet mir mehr."

Ein Kenshi muss keine Sportskanone sein. "Kendo können Sie auch als Senior ernsthaft betreiben", sagt Bila. "Und ein paar Pfund mehr auf den Rippen sind auch kein Hindernis. Kendo ist für jeden was."

Kendo ist laut

60 Mitglieder zählt der Dôjô der JGU, rund 30 davon sind aktiv. Es gibt Kurse für Kinder im Universitäts-Sportclub Mainz (USC) und viermal im Jahr bietet der japanische Sensei Kozaki Hiroshi ein mehrtägiges Seminar an. "Dazu begrüßen wir Gäste aus Holland, aus der Ukraine oder aus Polen. Internationale Verbundenheit spielt bei uns eine große Rolle." Bila selbst reiste unlängst nach Mosambik. "Ich kam dort in den Dôjô und wurde sofort herzlich aufgenommen. Man hat weltweit ein zu Hause, wenn man Kendo treibt."

Mittlerweile ist das Grundtraining vorbei, die Anfänger verabschieden sich, nur die Kenshi in voller Rüstung bleiben. Das Ji-Geiko, das Kampftraining, beginnt. Wieder stehen sich die Kämpfer in Paaren gegenüber, wieder sind Schreie zu hören. Für den Laien ist nicht sofort ein Unterschied ersichtlich, außer dass es härter zugeht und schneller. Die Choreografie wird zum Duell, doch das Ritual bleibt – und vor allem die Schreie. Sie sind wichtig. "Damit bündelt der Kenshi seine Kraft, er zeigt seinen Angriffswillen", erklärt Bila. Und ein wenig schüchtern sie auch ein. "Kendo ist laut", meint der Sensei zum Abschied schulterzuckend. Und tatsächlich hallt das Training noch ein gutes Stück jenseits des Dôjô über den Campus der JGU.