Chor im Aufwind

16. Januar 2018

Rund 120 Studierende aus allen Fachbereichen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) singen bei den UniVoices. Der Jazz- und Popchor wurde vor 19 Jahren an der Hochschule für Musik der JGU gegründet und hat sich mittlerweile als eigene Hochschulgruppe formiert. Das gab frische Impulse: Die UniVoices sind größer, engagierter und aktiver als je zuvor.
 

Die Tenöre klingen nicht ganz so, wie Regina Klein sich das vorgestellt hat. "Wir hatten gesagt, ihr teilt euch in Takt 19", erinnert die Chorleiterin. "Wer singt oben, wer unten?" – "Gut, ich singe unten", brummt einer der Studierenden. "Wunderbar, Jonas. Danke. Nicolai spielt diese Passage noch mal kurz vor, dann legen wir los." Korrepetitor Nicolai Benner greift in die Tasten des Flügels. Dann sind wieder die Tenöre dran – eigentlich. "Das wäre euer Einsatz gewesen", meint Klein lächelnd. Die Jungs grinsen, der Rest des Chors feixt. Beim dritten Anlauf gelingt es: "Sing, sing, sing, sing as hard as you can ..."

Als erstes Stück an diesem Abend proben die UniVoices eine Nummer der A-cappella-Gruppe Pentatonix mit dem Titel "Sing". Die Atmosphäre ist locker, vertraut und zugleich sehr konzentriert. Gut 100 der insgesamt 120 Sängerinnen und Sänger sind zur Probe erschienen und Regina Klein scheint beinahe jeden mit Namen zu kennen. Die Chorleiterin steht selten still, oft wandert sie zwischen den Reihen umher, um genau nachzuhören, wo es knirscht. "Sehr gut, nun klingen unsere Tenöre, als hätten sie das mit der Muttermilch eingesogen", lobt sie. Der Chor applaudiert. Es geht weiter mit Takt 47.

Mehr Mitglieder, mehr Engagement

Erst vor einem Jahr hat sich der Jazz- und Popchor UniVoices frisch als Hochschulgruppe an der JGU formiert. "Das war ein Einschnitt", stellt Klein fest. "Ich war mir nicht sicher, ob es funktionieren würde, schließlich müssen unsere Mitglieder jetzt einen kleinen Beitrag zahlen, um den Chor zu finanzieren." Das hätte einige abschrecken können. Tatsächlich aber läuft es besser als zuvor. "Wir haben viele Neue dazubekommen, darunter viele Erstsemester. Die Studierenden ergreifen auch immer mehr selbst Initiative. Sie organisieren vieles, was ich gar nicht leisten könnte."

Vor dreieinhalb Jahren übernahm Klein die Leitung der UniVoices. "Der Chor ist mir sehr ans Herz gewachsen", sagt die Jazzsängerin. "Am Anfang hatte ich Befürchtungen, weil er so groß ist." Sie arbeitete bereits in mehreren Projekten als Chorleiterin, bis dahin aber immer mit kleineren Formationen. UniVoices war für sie eine Herausforderung. Mittlerweile haben sich die Befürchtungen verflüchtigt und sind der großen Begeisterung gewichen, die im Gespräch deutlich spürbar wird. "Der Chor hat eine ungeheure Entwicklung durchgemacht."

Gegründet wurde UniVoices vor 19 Jahren von Bernd Frank, Professor an der Musikhochschule Mainz. Einen Chor in der Sparte Jazz und Pop gab es damals noch nicht an der JGU. "Das ist auch heute so", erklärt Klein. "Wir sind der einzige Chor, der Studierenden aller Fachbereiche die Gelegenheit gibt, Musik aus diesen Sparten auf die Bühne zu bringen."

Jeder Ton zählt

Im Moment proben Klein und die Studierenden für das traditionelle Semesterabschlusskonzert der UniVoices im Februar. "Als freie Hochschulgruppe haben wir das Glück, dass wir weiterhin die Räumlichkeiten der Hochschule für Musik hier auf dem Gutenberg-Campus nutzen dürfen", berichtet Klein und schaut sich in der Studiobühne Black Box um. "Die Black Box ist ideal für unsere Proben. Bei unseren Aufführungen spielen wir oft in Kirchen, da gibt es viel Hall, das ist zwar wunderbar, aber es deckt die falschen Töne zu. Hier, bei dieser trockenen Akustik, kann ich jeden Ton heraushören und gegebenenfalls korrigieren."

Semester für Semester erarbeiten Klein und der Chor ein neues Programm. "Dafür haben wir gerade mal drei Monate Zeit." Das ist nicht viel, denn die Ansprüche sind hoch: Wer hier singen will, sollte Chorerfahrung haben, ein gutes Gehör mitbringen und bereit sein, auch jenseits der Proben an den Stücken zu arbeiten.

"Der bekannte Jazzchor Freiburg ist eine Orientierung für mich", merkt Klein an. "Natürlich sind wir nicht so gut wie so ein professioneller Chor, aber wir arbeiten daran." Gerade der Jazz sei eine Herausforderung für Chöre: "Die Harmonien sind komplex. Wir haben es nicht nur mit Dreiklängen zu tun, es ist mindestens noch eine Septime dabei. Da ergibt sich ein sehr enger Klang. Die Stimmen müssen in Artikulation und Phrasierung besonders entwickelt werden."

Komplexe Stücke

Das Programm der UniVoices stellt Klein jedes Jahr neu zusammen. "Die Mischung ist immer anders. Mal ist das Programm eher pop-, mal eher jazzlastig. Diesmal haben wir relativ viel Pop im Repertoire." Wichtig ist ihr, dass neben einfacheren Nummern auch schwierige Stücke vorkommen. "Wir wollen nicht nur das bringen, was im Radio auf den Pop-Kanälen rauf und runter gespielt wird." Zwei bis drei anspruchsvollere Stücke sind immer dabei. "Manchmal quäle ich die Studierenden richtig damit", sagt Klein lächelnd. "Zuerst denken sie, sie schaffen das nie. Aber je mehr sie sich mit komplexer Musik beschäftigen, desto mehr merken sie, was da passiert, wie spannend das ist. Die Stücke, an denen sie am längsten hängen bleiben, bringen ihnen zum Schluss am meisten."

Für die ganz schwierigen Passagen haben sich Ensembles im Chor herausgebildet, die sich oft zu zusätzlichen Proben treffen. "Ich vermeide Solo-Parts. Ich mag es nicht, wenn eine einzelne Person im Vordergrund steht und die anderen zurückbleiben. Der Chor soll immer als Chor klingen und da sind die Ensembles eine gute Lösung."

In diesem Semester gibt es bei UniVoices von allem etwas mehr. "Wir haben zum Beispiel elf Bässe. Das ist wunderbar, damit kann ich ganz anders arbeiten. Vorher waren es immer nur vier oder fünf." Und das Niveau des Chors hat sich erneut gehoben. "Wir sind jetzt schon mit fünf, sechs Stücken in der Endphase, können also noch ein paar zusätzliche Nummern vorbereiten. Sonst haben wir unser Konzert immer mit Instrumentalstücken gestreckt, diesmal werden wir fast den ganzen Abend bestreiten können."

Mehr Konzerte

Bereits im vorigen Jahr waren die UniVoices ungewöhnlich rege. "Wir haben zum Beispiel im Vorfeld des Tags der Deutschen Einheit gesungen. Das war eine Premiere." Studierende aus dem Chor haben zusätzliche Auftritte initiiert. "So soll es weitergehen", freut sich Klein. "Vielleicht geben wir diesmal auch ein zweites Abschlusskonzert." Üblicherweise lädt der Chor in die Evangelische Studierendengemeinde ein. "Der Saal fasst 300 Gäste, wir haben aber eine ganze Menge mehr Interessenten." Die UniVoices sind im Aufwind, das kommt im Gespräch mit Klein klar heraus – und das schlägt sich auch in den Proben nieder.

An diesem Abend stehen unter anderem noch "Africa" von Toto, "Steam Heat" von den Pointer Sisters  und "A cappella" von Kirby Shaw an. Nun ist aber erst einmal "Run to You" dran, ebenfalls ein Stück der Pentatonix. Diesmal beginnen die Bässe mit Takt 68. "Habt ihr noch eure Töne?", fragt Klein. "Diese Passage ist eine Herausforderung, aber ihr werdet das schaffen." Dunkel und samtig tönt es durch die Black Box: "I will break down the gates of heaven ..."

"Das macht ihr sehr schön. Ich hätte die hohen Passagen nur noch gern etwas sanfter, im Tiefen könnt ihr dann richtig brummen." Die Bässe setzen noch mal an. "Ja, das ist toll." Wieder gibt es Applaus. Und so erarbeiten sich Regina Klein und ihre UniVoices Takt für Takt und Stück für Stück des Semesterabschlusskonzerts.