Innovative Erfindung verändert die Welt

22. Januar 2018

Johannes Gutenbergs Todestag jährt sich 2018 zum 550. Mal. Zu diesem Jubiläum warten verschiedenste Mainzer Institutionen mit einer Vielfalt an Veranstaltungen auf, allen voran das Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Es eröffnet den Reigen mit einer Tagung zu "Johannes Gutenberg und die Folgen".
 

Zwischen 1452 und 1454 produzierte Johannes Gutenberg mit seinen beweglichen Lettern 180 Bibeln – und löste damit eine gewaltige Revolution aus. Der Buchdruck verbreitete sich mit rasanter Geschwindigkeit. "Bis zum Jahr 1500 erschienen rund 28.000 verschiedene Titel in etwa 10 Millionen Exemplaren", erzählt Prof. Dr. Stephan Füssel. "Gutenbergs Erfindung explodierte förmlich. Zuvor war es so, dass sich Texte in den Händen ganz weniger befanden. Nun wurden sie jedem zugänglich, der lesen konnte. Dieser Epocheneinschnitt ist nur noch zu vergleichen mit dem Übergang von der Oralität zur Schriftlichkeit, in Europa um 800 vor Christus, oder mit den digitalen Umwälzungen der Gegenwart. Das sind die drei großen Medienrevolutionen der Geschichte."

Auf Füssels Schreibtisch liegen zwei mächtige, in Leder gebundene Bücher. "Dies ist ein Faksimile der Gutenberg-Bibel aus dem spanischen Burgos", erläutert der Professor für Buchwissenschaft. Er steht kurz davor, einen ausführlichen Kommentar für eine neue Faksimile-Ausgabe der Gutenberg-Bibel zu vollenden, die im März erscheint. Die beiden prächtigen Bände nutzt der Buchwissenschaftler zum Nachschlagen. Daneben wirkt sein schmaler Stapel loser Korrekturfahnen etwas unscheinbar. "Damit bin ich jetzt fast durch", meint er lächelnd.

Göttinger Bibel als Faksimile

Füssels Büro atmet Gutenberg. Im Regal reihen sich die Gutenberg-Jahrbücher, die sein Arbeitsbereich Buchwissenschaft gemeinsam mit der Mainzer Internationalen Gutenberg-Gesellschaft herausgibt, in deren Vorstand er sitzt. Darüber hinaus findet sich hier jede Menge weitere Literatur zum frühen Buchdruck und zu Gutenberg, darunter ein Band, der die Feierlichkeiten zum 500. Todestag Gutenbergs im Jahr 1968 dokumentiert, oder ein Büchlein aus der Reihe Rowohlts Monografien: "Johannes Gutenberg", verfasst von Stephan Füssel.

2018 jährt sich Gutenbergs Todestag zum 550. Mal. Anlässlich dieses Jubiläums ist eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Veröffentlichungen geplant, an denen sich verschiedenste Mainzer Institutionen beteiligen werden. Einen wesentlichen Teil tragen die Mainzer Buchwissenschaftler vom Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der JGU bei. "Ich denke, unser Programm kann sich sehen lassen, auch wenn sicher nicht so viel passieren wird wie zum großen Jubiläum 1968, in dem zum Beispiel das Mainzer Johannisfest eingeführt wurde."

Die neue Faksimile-Ausgabe wird Teil des Programms sein. Sie soll im März bei einem Festakt in Mainz und Göttingen vorgestellt werden. "Als Vorlage haben wir die Göttinger Gutenberg-Bibel gewählt", erzählt Füssel. "Es ist das einzige vollständige Exemplar, das auf Pergament gedruckt wurde." Insgesamt sind 49 Gutenberg-Bibeln erhalten geblieben, zwölf davon wurden auf Pergament, die übrigen auf Papier gedruckt. Die Göttinger Bibel wurde im Jahr 2001 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erklärt. Ein Jahr zuvor konnte sie mit DFG-Mitteln im Projekt "Gutenberg Digital" digitalisiert werden. "Wir verfügen also über eine hervorragende Druckvorlage."

Namenspatron der Universität

Das neue Faksimile erarbeitet Füssel für den weltweit agierenden Taschen-Verlag, der den Kommentarband in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache publiziert. Im Gegensatz zum Burgos-Faksimile, das vor 30 Jahren 10.000 Mark kostete, soll diese Ausgabe recht erschwinglich sein. Der Preis wird deutlich unter 200 Euro liegen.

Gutenberg wurde der Mainzer Universität bei ihrer Wiedergründung im Jahr 1946 quasi mit in die Wiege gelegt. "Damals wurde Aloys Ruppel gefragt, wie die Universität am besten heißen soll. Er war Leiter der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs, Direktor des Gutenberg-Museums und Präsident der Gutenberg-Gesellschaft. Für ihn kam nur ein Name in Frage: Johannes Gutenberg." Die neue Universität bekam einen eigenen Gutenberg-Lehrstuhl, der prompt mit Ruppel besetzt wurde, und später ein eigenes Institut für Buchwissenschaft. "Dieses Institut und die Professur für Buchwissenschaft, der Gutenberg-Lehrstuhl, sind weltweit die einzigen, die sich qua Amt mit Gutenberg und dem frühen Buchdruck beschäftigen", sagt Füssel als mittlerweile vierter Inhaber dieser besonderen Professur.

Die Buchwissenschaft wird das gerade beginnende Jubiläumsjahr am 26. Januar 2018 mit der Tagung zum Thema "Johannes Gutenberg und die Folgen – Aspekte der frühen Wirkungsgeschichte" eröffnen. Diese Veranstaltung wendet sich nicht nur an Studierende und Fachleute, die breite Öffentlichkeit ist ebenfalls herzlich eingeladen. "Als Gastredner erwarten beispielsweise Dr. Eric White aus Princeton. Er hat eine Zusammenstellung über den Weg der 49 erhaltenen Gutenberg-Bibeln durch die Jahrhunderte erarbeitet. Und mit Prof. Frédéric Barbier kommt ein besonderer Freund unseres Instituts nach Mainz. Er wird über die deutsch-französischen Verbindungen im frühen Buchdruck reden."

Mensch und Kommunikation

Dieses erste Symposion wird durch zwei weitere Tagungen ergänzt: Am 23. und 24. Februar laden der Arbeitsbereich Mittlere und Neuere Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte sowie das Institut für Geschichtliche Landeskunde (IGL) zu "Reviewing Gutenberg. Historische Kontexte und Rezeptionen" ins Gutenberg-Museum ein. Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz folgen vom 1. bis 3. März mit der Tagung  "Wahrheit – Geschwindigkeit – Pluralität. Chancen und Herausforderungen durch den Buchdruck im Zeitalter der Reformation" in der Akademie. "Das ergibt einen schönen Dreiklang und ein vertieftes Bild", meint Füssel.

Beim diesjährigen Wissenschaftsmarkt in der Mainzer Innenstadt im September, der passenderweise unter dem Motto "Mensch und Kommunikation" steht, wird die Buchwissenschaft ebenfalls dabei sein. "Wir wollen die drei Medienrevolutionen erlebbar machen." Zudem wird sich im Wintersemester 2018/2019 in der beliebten Vortragsreihe "Universität im Rathaus" alles um Gutenberg und die Folgen seiner Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern drehen. "Und für das kommende Sommersemester haben wir viele Lehrveranstaltungen zu Gutenberg geplant, sowohl für regulär Studierende als auch für das Programm Studierende 50+."

Das traditionelle Johannisfest, zum 500. Todestag Gutenbergs aus der Taufe gehoben, wird ebenfalls einiges zum Jubiläum bieten: Dort wir eine Festschrift vorgestellt und eine Ausstellung der Gutenberg-Gesellschaft blickt auf 50 Jahre Gutenberg-Preis. Diese Auszeichnung, verliehen durch die Stadt Mainz und die internationale Gutenberg-Gesellschaft, ging unter anderem im Jahr 2000 an Joseph Jacobson, den Wegbereiter des E-Books, und 2014 an den weltberühmten Schriftsteller Umberto Eco.

Gutenberg im E-Book

Um ein spezielles E-Book wird sich ein weiterer Höhepunkt des Jubiläums drehen: Der Rowohlt Verlag hat zu Füssels Gutenberg-Monografie ein sogenanntes enhanced E-Book herausgebracht, das Filmsequenzen, Grafiken und einiges mehr enthält. "Unter anderem gibt es dort eine Kamerafahrt durch die Typografie und Illuminierung der Göttinger Gutenberg-Bibel", erzählt Füssel. "Wir dürfen dieses Material auch auf dem YouTube-Kanal unserer Universität zeigen und es ist angedacht, es auf einem speziellen Terminal, vielleicht in der Universitätsbibliothek, zu präsentieren."

Füssel lässt keinen Zweifel: Das Jubiläumsjahr 2018 wird spannend – auch weil das Thema Gutenberg immer noch Überraschungen bereithält, selbst für Fachleute wie ihn. "Erst vor zwei Jahren wurde im Würzburger Staatsarchiv ein Dokument wiederentdeckt. Es ist auf den 26. Februar 1468 datiert. Damals erstattete der Kurfürst von Mainz eine Druckerpresse aus Gutenbergs Nachlass an einen Dr. Konrad Humery zurück. Wir wissen also, dass Gutenberg bis zu seinem Tod über eine Presse verfügte." Dieses Dokument belegt auch, dass Gutenberg tatsächlich kurz vor dem 26. Februar 1468 verstarb. "Anders als etwa die 2000-Jahr-Feier der Stadt Mainz steht unser Jubiläum also auf sicheren Füßen. Wir können ganz beruhigt feiern", versichert Füssel.