Video – ein Phänomen ohne Theorie

1. Februar 2018

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) fördert über das Fellowship-Programm des Gutenberg Forschungskollegs (GFK) herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Leipziger Kunsthistoriker und Medientheoretiker Prof. Dr. Dieter Daniels gehört seit Oktober 2017 zu diesem Kreis. Er arbeitet an einem grundlegenden Werk zum Phänomen "Video", einem großen Kompendium zur transdisziplinären Videotheorie.
 

Videos sind allgegenwärtig, kaum ein Lebensbereich ist frei von ihnen. Mit dem Handy aufgenommen, finden sie über YouTube oder andere Online- und Social-Media-Kanäle zu Millionen den Weg ins Internet. Videos begleiten politische Veränderungen und lösen Proteste aus. Private Momente werden per Video festgehalten. Videoüberwachung gehört zum Alltag. Video kann Kunst sein und Kitsch, Hilfe und Ärgernis, Täuschung und Enthüllung.

"Trotz dieser Omnipräsenz gibt es bisher keine übergreifende Theorie zum Video", betont Prof. Dr. Dieter Daniels. "Wir haben Foto-, Film- und Fernsehtheorien. Da finden sich viele sehr interessante Aspekte. Aber zum Video ist bisher kaum systematisch gearbeitet worden." Das soll sich grundlegend ändern: Daniels will ein umfassendes Kompendium zu einer transdisziplinären Videotheorie veröffentlichen.

Erster GFK-Fellow der Kunsthochschule

Seit 1993 lehrt und forscht der Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Voriges Jahr wurde er zum Fellow des Gutenberg Forschungskollegs (GFK) der JGU ernannt. "Dieses Fellowship gibt mir die Möglichkeit, mich zu hundert Prozent meinem aktuellen Projekt zu widmen", erklärt er lächelnd. "Das ist im Grunde der Traum eines jeden Wissenschaftlers." Es gehört zu den zentralen Aufgaben des GFK, vielversprechende Projekte zu fördern und an die JGU zu holen. Sie sollen das Forschungsspektrum der Universität bereichern und erweitern.

Daniels ist erst vor wenigen Stunden aus Leipzig angereist. Am Abend wird er sein Forschungsvorhaben bei einer der traditionellen Zusammenkünfte des GFK vorstellen. Fellows aus verschiedenen Fachdisziplinen werden anwesend sein. "Ich sollte mich also allgemeinverständlich ausdrücken", meint er, "und ich muss mich kurz fassen: 20 Minuten sind vorgesehen."

Etwas mehr Zeit hat er zuvor noch für ein Gespräch in der Cafeteria der Kunsthochschule Mainz. "Ich bin der erste GFK-Fellow an der Kunsthochschule Mainz", erwähnt Daniels. "Daher ist es für beide Seiten ein spannendes neues Modell." Der Kontakt zu Lehrenden und Studierenden in Mainz ist ihm wichtig, das macht er gleich zu Beginn deutlich. "Beispielsweise habe ich in der Vortragsreihe der Kunsthochschule im Wintersemester einen Vortrag zur Rolle von Video in politischen Umbruchsituationen gehalten. Und diese Woche ist vorgesehen, dass mir Studierende ihre Videoarbeiten vorstellen. Ich bin gespannt, welche Dialoge sich hier entwickeln."

50 Jahre beständiger Wandel

Die Geschichte des Videos ist gerade mal 50 Jahre alt. "Damals trug man noch ein riesiges Aufnahmegerät mit sich herum. Ich selbst bin als Student Anfang der 1980er-Jahre so unterwegs gewesen." Seitdem hat sich die Technik ständig verändert. Heute ist das Video eingebettet in die digitale Welt. "Unser Kompendium wird sich auch mit dieser Wandelbarkeit beschäftigen. Wir werden versuchen, ein halbes Jahrhundert Videogeschichte als ständige Transformation des Mediums zu fassen. Die Videotheorie muss also auch diese Kontinuität des Wandels reflektieren."

Der Wandel geht so weit, dass ein Video von 1968 technisch kaum mehr etwas mit einem Video von 2018 zu tun hat. Das eine wurde auf Magnetband gebannt, das andere besteht aus Bits und Bytes. "Video ist keine monolithische Einheit, es gibt zahllose technische Formate und ebenso viele unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten. Der Begriff Video lässt sich nur schwer definieren, aber dennoch hat er eine große Beharrlichkeit: Er hat sich ein halbes Jahrhundert gehalten und im Unterschied zu Film oder Fernsehen ist er sogar international, fast überall versteht man das Wort Video."

Sein grundlegendes Werk zur transdisziplinären Videotheorie will Daniels nicht im Alleingang stemmen. Ihm zur Seite steht der Musikwissenschaftler und Kunsthistoriker Jan Thoben von der Berliner Universität der Künste. "Video ist aus Audio entstanden und überhaupt hat Video viel mit Ton und Musik zu tun. Jan Thoben und ich ergänzen uns also hervorragend." Zudem hat Lisa Weber von der Kunsthochschule Mainz die Koordination aller Aktivitäten in Mainz übernommen. Unter anderem wird sie eine große interdisziplinäre Tagung mitorganisieren, zu der im November 2018 Vertreterinnen und Vertreter der Videokunst, der Medientheorie und der Kunstgeschichte erwartet werden.

Derrida, Eco und Godard

Kern des geplanten Kompendiums ist eine Reihe an Texten, die sich mit dem Thema Video in den verschiedensten Zusammenhängen befassen. "Wir machen ein Art Bestandsaufnahme", erklärt Daniels. Schon das ist nicht einfach. Einem frühen Text von Umberto Eco zur Verbindung von Video und Fernsehen musste er lange nachspüren. "Man sollte denken, wenn es um solch einen berühmten Mann geht, ist alles schnell verfügbar. Aber den vollständigen Beitrag im italienischen Original fanden wir erst nach einiger Recherche und in Englisch oder Deutsch lag er noch gar nicht vor."

Rund 50 Quellentexte wird das Kompendium enthalten. Neben Eco finden sich in der Autorenliste so berühmte Namen wie Jean-Luc Godard oder Jacques Derrida. "Wir werden alles aufarbeiten, ausführlich kommentieren und mit Einleitungen versehen. Außerdem werden wir eigene Beiträge verfassen, um die Zusammenhänge einer Videotheorie als 'work in progress' zu verdeutlichen."

Das Problem bei diesem Projekt ist die Eingrenzung des Themas, denn an Material mangelt es wahrlich nicht, nur eben am theoretischen Unterbau. Es wird Kapitel zu Musikclips und zur Medienphilosophie, zu Überwachungsvideos und zur Videokunst geben. "Gerade die Kunst untersucht das Spezielle, das Charakteristische an einem Medium. Sie lotet es experimentell aus. In der Kunst können wir einiges über Video erfahren, das wir im Alltag übersehen, und so über die Besonderheiten des Mediums nachdenken."

Know-how der JGU gefragt

Ursprünglich war das GFK-Fellowship für Daniels auf ein Jahr befristet, doch es zeichnete sich schnell ab, dass  sein Projekt längere Zeit in Anspruch nehmen würde. Deswegen freut er sich über die kürzlich gewährte Verlängerung um ein weiteres Jahr. "Wir haben nun die Möglichkeit, weitere eigene Studien einzubeziehen. Außerdem können wir noch auf andere Sprach- und Kulturräume schauen." Hier baut Daniels auf das Know-how der JGU: Der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim etwa könnte helfen.

"Als Drittes wollen wir Beispiele der künstlerischen Videopraxis zum Bestandteil des Kompendiums machen. Wenn wir es mit der Kunst als Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen des Mediums ernst meinen, muss Kunst als Beitrag zur Theoriebildung erfasst und dokumentiert werden." Auch Material aus der Kunsthochschule Mainz soll mit einfließen.

Daniels hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mit vielen Aspekten von Video, Videokunst und Medientheorie beschäftigt. Er war unter anderem Mitbegründer der Bonner Videonale, am Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe baute er eine Sammlung für Videokunst auf und er leitete das Linzer Institut Medien.Kunst.Forschung. Doch lieber spricht er über das große Thema Video in seinen vielfältigen Facetten.

Anachronistische Zeichen

"Das hier habe ich heute am Leipziger Hauptbahnhof aufgenommen", sagt Daniels, zückt sein Handy und zeigt die Aufnahme eines aktuellen Hinweisschildes. "Dieses Objekt wird videoüberwacht!", steht dort. Darüber ist als Piktogramm eine altertümliche Kamera zu sehen, im Innern wird eine VHS-Kassette angedeutet und daneben steht der Schriftzug "REC". "Das ist absurd. Wir wissen nicht, wie wir Video darstellen sollen. Wir nutzen anachronistische Zeichen für ein allgegenwärtiges und damit fast unsichtbares Medium."

Womöglich wird dieses Piktogramm nicht in dem Kompendium auftauchen. Doch für Daniels bleibt es ein aussagekräftiges Detail. Wenn es auch nur im weitesten Sinne um Video geht, ist er ständig aufnahmebereit. Solche Dinge saugt er förmlich auf: "Das ist ja interessant, das muss ich mir aufschreiben", meint er, als er erfährt, dass am Mainzer Hauptbahnhof vor einiger Zeit eine Gesichtserkennungssoftware erprobt wurde – oder dass Umberto Eco im Jahr 2014 den Gutenberg-Preis entgegennahm.

"Mainz ist mit dem ZDF, 3sat und dem SWR eine wichtige Medienstadt und Fernsehen ist ja eigentlich der Ursprung des Videos. Diese Verbindung würde mich auch noch interessieren. Ich würde mich freuen, wenn sich da ein Kontakt ergäbe." Zum Abschied nickt Daniels bekräftigend: "Schreiben Sie das ruhig, vielleicht meldet sich ja jemand."