Mainz 05 kürt sich zum Karnevalsverein

17. Juli 2012

Wie manifestiert sich regionale Identität in einer zunehmend globalisierten Welt? Dieser Frage ging Kulturanthropologin Dr. Christina Niem in ihrer Antrittsvorlesung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nach. Unter dem Titel "Repräsentation von Region oder Wettstreit regionaler Identitäten? Zwei rheinland-pfälzische Bundesligavereine im Vergleich" widmete sie sich dem 1. FSV Mainz 05, dem 1. FC Kaiserslautern und ihren Fanclubs.
 

Die traditionsreichen Meenzer Schwellköpp schreiten grinsend vorneweg, Fastnachtsvereine begleiten die Menschenschlange, und sogar Motivwagen sind mit von der Partie. Das alles hat was von Rosenmontag. Tatsächlich aber zieht hier ein Fußballverein um: Am 3. Juli 2011 macht sich der 1. FSV Mainz 05 vom alten Bruchwegstadion auf in die neue Coface Arena.

"Der Verein tituliert sich selbst als Fastnachtsverein", kommentiert Dr. Christina Niem diese Bilder, "ein Anderssein wird zum Ausdruck gebracht, regionale Identität evoziert." Für ihre Antrittsvorlesung zur Erlangung der Venia Legendi im Fach Kulturanthropologie/Volkskunde am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat Niem sich Mainz 05, den 1. FC Kaiserslautern und vor allem deren Fanclubs vorgenommen. Ihre Ergebnisse präsentiert sie im Fakultätssaal des Philosophicums unter dem Titel "Repräsentation in der Region oder Wettstreit regionaler Identitäten? Zwei rheinland-pfälzische Bundesligavereine im Vergleich".

Ein 05-Fan im Auditorium

"'Wird das langweilig?', hat mich mein Sohn gefragt. 'Ich rede über Fußball', habe ich geantwortet. 'Dann komme ich.'" Nun sitzt er also im Auditorium: Tilman, ein zehnjähriger Rotschopf im rot-weißen 05er-Trikot. "Schürrle" steht auf dem Rücken. "Wir rechnen mit seinem Einspruch, wenn was nicht stimmt", flüstert eine Verwandte. Doch Tilman wird schweigen. Ein Punkt für die Mama.

"Welche Bedeutung haben Heimat und Region in einer globalisierten Welt?", fragt Niem. "Haben Individualisierung und Mobilität dazu geführt, dass der Raumbezug obsolet geworden ist?" Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. "Es gibt Zeiten, in denen verstärkt Regionalbewusstsein aufscheint. Unsicherheiten des eigenen Lebens werden ausgeglichen in der Heimat als Raum." Ende des 19. Jahrhundert etwa gab es eine Hinwendung des Bildungsbürgertums zu Heimat und Volkskultur, begleitet von Großstadtfeindlichkeit und Agrarromantik.

Uns Poldi – Ein Heimatroman

"Heute scheint die Sehnsucht nach Lokalidentität, nach lokalen Helden wieder groß zu sein", konstatiert Niem. So titelte die Fußballzeitschrift 11 Freunde im April 2011: "Uns Poldi – Ein Heimatroman". Sie zeichnet den Weg des "Kölschen Jongs" Lukas Podolski nach. "Er zog hinaus in die Welt (Bayern München) und kehrte in die Heimat zurück (1. FC Köln), wo er zum Leitwolf wurde", erzählt Niem die Geschichte nach. Leider ging es daraufhin wieder in die weite Welt, zu Arsenal London. "Ist Poldi also doch nur ein Fußballsöldner?"

Eine Woche nach ihrer Antrittsvorlesung sitzt Niem in ihrem Büro im Philosophicum. Die Vereinnahmung von Fußballern als Regionalhelden konstatiert sie auch in Mainz. In Zeiten der Globalisierung spielt die eigentliche Herkunft des Sportlers da gar keine so große Rolle. Aristide Bancé, geboren an der Elfenbeinküste, schoss Tore und wurde schnell zum Mainzer. "Hier wird etwas zusammengezurrt, was sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheint."

Flehlabbe und beKLOPPte

Doch zurück zur Vorlesung: Heimat und Region bedeuten den Fußballfans viel. In Mainz manifestiert sich das im Schulterschluss mit der Fastnacht. Selbst den Spruch, den die gegnerischen Fans einst ironisch skandierten, machten sich die 05er zu eigen: "Wir sind nur ein Karnevalsverein."

Auch in den Namen der 05-Fanclubs schlägt sich regionale Verbundenheit nieder. 225 Clubs gibt es aktuell. Das Gros gründete sich in Mainz selbst, dort sind es 92, Rheinhessen zählt 65 und das übrige Rheinland-Pfalz 20, aber auch in Berlin gibt es zwei. Der Dialekt spielt bei vielen eine Rolle. Sie heißen "Meenzer Flehlabbe", "Anner Rhoiseit" oder "Mer gehen (n)immer ruff". Daneben finden sich regionale Wahrzeichen in Clubnamen: bei den "05ern im Schatten des Doms" etwa oder bei den Exil-Mainzern, die sich in Berlin mit heimwehwundem Blick aufs 05-Stadion "Bruchweg Sehnsucht" nennen. Und natürlich die Helden wie Trainer Jürgen Klopp: "Die beKLOPPten".

Fünf fürs Wunder von Bern

Der 1. FC Kaiserlautern zählt rund 400 Fanclubs. Die Namensgebungen folgen ähnlichen Strukturen wie bei den Mainzer Clubs. "Die Kaiserslauterer Fanclubs sind allerdings breiter gestreut", sagt Niem. Denn einerseits ist der Verein schon entschieden länger in der Bundesliga als Mainz 05, andererseits ist da die besondere Rolle beim "Wunder von Bern": Neben Fritz Walter waren vier weitere Kaiserlauterer dabei, als die deutsche Nationalmannschaft sich den Weltmeistertitel erkickte.

Der FCK und seine Fans identifizieren sich zwar wie die 05er mit ihrer Region, doch der überregionale Aspekt spielt hier eine größere Rolle. Auf dem "Betze", dem Stadion am Betzenberg, steht das Denkmal für die Kaiserslauterer Kicker von Bern.

15:0 für den 1. FC Kaiserslautern

"Im Wettstreit der beiden Vereine hat der Klassenunterschied eine lange Tradition", sagt Niem. "Der FCK war wer, ganz im Gegensatz zu Mainz." Das dokumentieren historische Spielergebnisse: 1945 gewann Kaiserslautern in Mainz mit 15:0. "Neuerdings aber werden die Karten neu gemischt. Historisch gesehen stehen die Verhältnisse auf dem Kopf." Mainz spielt in der Bundesliga, Kaiserslautern wurde zweitklassig.

"Meine Antrittsvorlesung war am 4. Juli, am selben Tag wie das Endspiel der WM in Bern", merkt Niem später in ihrem Büro lächelnd an. Am PC lässt sie noch mal Präsentation zur Vorlesung Revue passieren: der Umzug der fastnachtlichen 05er in die neue Arena, Namenslisten der Vereine, Bilder von Fans. Sind das nicht ungewöhnliche Themen für eine wissenschaftliche Untersuchung?

Im Mittelpunkt: der Mensch

Niem schaut zurück auf die Gründerväter der Volkskunde. "Jacob und Wilhelm Grimm haben sich für die Kultur des Volkes interessiert." Sie sammelten Sagen und Märchen. Das brachte Jacob den Vorwurf eines Zeitgenossen ein, der tadelte die "Andacht zum Unbedeutenden".

"Insofern sehe ich mich in guter Tradition", sagt die Volkskundlerin. "Mich interessiert: Wie bauen die Leute das Phänomen Fußball in ihren Alltag ein? Ich schaue: Was bedeutet es für die Leute? Der Mensch steht im Mittelpunkt."