IT-Dienstleister mit Superrechner

26. März 2018

Das Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) feiert am 28. März seinen 50. Geburtstag. Entstanden ist es einst um einen Zentralrechner, an dem einige wenige Forschende arbeiten durften. Mittlerweile hat es sich zum universellen IT-Dienstleister der Universität entwickelt. Zudem verfügt das ZDV seit einigen Monaten mit MOGON II über einen neuen, höchst leistungsstarken Superrechner.
 

"Ich musste mich selbst erst einlesen", räumt Prof. Dr. André Brinkmann ein. "Es ist interessant, was in Mainz alles passiert ist", meint der Leiter des Zentrums für Datenverarbeitung, kurz ZDV, der JGU, "aber ich kannte doch nicht alle Details." Mit Blick auf die unmittelbar anstehende Feier des 50-jährigen Bestehens des ZDV hat der promovierte Elektrotechniker das nachgeholt.

"Wussten Sie, dass Mainz eine der Wiegen der Informatik in Deutschland ist?", fragt Brinkmann. Von 1958 bis 1962 lehrte Prof. Dr. mult. Friedrich L. Bauer an der JGU. "Damals gab es das Fach Informatik noch gar nicht, er war Professor für Mathematik." Bauer erfand eine besondere Form des Computerspeichers und er arbeitete mit an der frühen Programmiersprache Algol. "Leider blieb er nicht in Mainz. Damals fehlte es bei uns noch an einer Infrastruktur, um die Informatik wirklich voranzubringen." Bauer ging nach München, wo er 1967 an der TUM die erste Vorlesung zur Informatik hielt und in der Folge einen entsprechenden Studiengang entwickelte. Aber auch in Mainz entwickelte sich in den Folgejahren einiges.

Ära des Zentralrechners

Etwa zeitgleich zu Bauers Vorlesung in München wurde an der JGU das ZDV gegründet. Damals sah die Arbeit mit Computern völlig anders aus als heute. "Wir hatten einen einzigen Zentralrechner und es gab nur ganz wenige Personen, die darauf Zugriff hatten." Brinkmann zieht eine alte Kladde mit verblichenem Umschlag hervor. "Hier ist genau verzeichnet, welcher Lehrstuhl wie viele Stunden an diesem Rechner gearbeitet hat." Selbstverständlich waren die Mathematik und die Physik vertreten. "Die Biologie beispielsweise finden Sie da noch gar nicht und es war schlichtweg ausgeschlossen, dass ein Geisteswissenschaftler darauf rechnete."

Brinkmann blättert in dem Dokument, das selbstverständlich noch auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt wurde. "Schauen Sie hier: Schon am 8. Januar 1957 schaffte die JGU eine Zuse-Rechenanlage für 180.000 DM an." Sein Finger wandert die Rubriken hinab: 1969  ist ein CD 3300 verzeichnet – für 4 Millionen Mark. "Das war zu der Zeit eine ungeheure Summe."

In den 1970er-Jahren waren auf dem Gutenberg-Campus kleine Terminals mit Bildschirm und Tastatur verteilt. "Darüber konnte man Kontakt mit dem Zentralrechner aufnehmen." Im ZDV selbst taten die Fachleute alles, um den Computer und die angeschlossenen Geräte am Laufen zu halten. "Sie finden Eintragungen wie: 'Drucker proaktiv gereinigt, damit er nicht ausfällt.' Denn wenn er ausfiel, war nichts mehr zu machen, es gab nur diesen einen. "Bis vor wenigen Jahren hatten wir bei uns im Haus Mitarbeiter, die den Titel Operator trugen. Das waren seinerzeit diejenigen, die am Arbeitsgeräusch des Rechners erkannten, ob alles in Ordnung ist." Der Zentralrechner war so etwas wie der heilige Gral der Informatik.

PC sorgt für Krise

Dann kam die Sinnkrise. Der Personal Computer eroberte seit Ende der 1970er-Jahre den Markt. "Zuerst konnten sich nur einzelne Institute so ein Gerät leisten, dann verbreitete er sich immer mehr. Jeder konnte einen PC betreiben und er hatte eine ähnliche Leistung wie unser Zentralrechner. Viele stellten die Frage: Wozu sind ein Zentralrechner und ein zentrales Rechenzentrum dann überhaupt noch da?"

Brinkmann zeigt auf seinen Schreibtisch. Dort liegt zugeklappt ein Notebook, daneben ist ein Tisch-PC aufgestellt. "Ich arbeite normalerweise auf einem Apple-Notebook, aber neulich habe ich aus Versehen Apfelsaft drübergekippt. Apple verträgt keinen Apfelsaft", witzelt er. "Das war aber kein Problem. In ein paar Minuten hatte ich das neue Gerät funktionsbereit hier stehen und meine Daten waren alle von unserem zentralen Backup überspielt.

Diese Anekdote weist in die Richtung, die das ZDV nach der Sinnkrise einschlug. "Im Jahr 1990 hatte das Rechenzentrum als zentrale Instanz ausgespielt." Wenig später, 1992, übernahm Prof. Dr. Klaus Merle die Leitung und stellte sich der Frage, wie ein Rechenzentrum der Zukunft aussehen muss. Die Vernetzung und der Service rückten in den Mittelpunkt. Die Weichen für das Mainzer ZDV mit seinen heutigen Aufgaben und Dienstleistungen wurden gestellt.

ZDV frisch aufgestellt

Mit seinen 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat sich das ZDV zum universellen IT-Dienstleister der JGU gemausert. Niemand, der hier forscht und lehrt, kommt am ZDV vorbei. Das Campusnetzwerk bietet mehr als 10.000 Anschlüsse und rund 500 Wireless-LAN-Zugangspunkte. Das ZDV hält alle nur denkbaren Dienste rund um PC und Datenverarbeitung bereit. Es bietet eine Hotline, es veranstaltet Kurse für Studierende. Hunderttausende von E-Klausuren laufen über das Zentrum, es unterhält eigene Kommunikationsplattformen für die JGU und auch die Verwaltung wird mit dem ZDV modernisiert. Brinkmann könnte endlos weitere Beispiele aufzählen, aber er begnügt sich damit, Seafile zu erwähnen, eine Alternative zur herkömmlichen Dropbox. "Seafile hat den Vorteil, dass Ihre Daten nicht auf einmal in den USA liegen."

Der digitale Arm des ZDV reicht längst über die JGU hinaus: Das Zentrum vernetzt alle Hochschulen in Rheinland-Pfalz miteinander. "Als ich 2011 hier die Leitung übernahm, hatte ein Bagger am Hauptbahnhof versehentlich unsere Leitung beschädigt. Nichts ging mehr." In der Folge erweiterten die Fachleute die Internet-Anbindung, die alle Hochschulen des Landes über einen Ring versorgt. Nun kann eine einzelne Baggerschaufel nicht mehr die Verbindungen kappen. "Die Hochschulen in Rheinland-Pfalz wünschen sich aber weiterhin mehr Bandbreite, dem kommen wir nach: Wir ermöglichen 40 Gigabits. Unser Ziel ist es, demnächst alle Hochschulen des Landes damit redundant zu versorgen."

Das alte Prinzip des Zentralrechners schien derweil völlig vergessen – bis er dann in modernem Gewand wieder auftauchte: Hochleistungsrechner spielen seit der Jahrtausendwende mehr und  mehr eine Rolle. 2012 ging beim ZDV MOGON I an den Start. "Wir waren damit in der Weltrangliste der Superrechner auf Rang 81", erzählt Brinkmann. "Herausragende Forschung ist ohne solche Rechner heute undenkbar." Die Forscher simulieren den Urknall, berechnen die Bahnen von Elementarteilchen oder prognostizieren Vorgänge in der Erdatmosphäre. "Ohne Hochleistungsrechner wie MOGON könnte unser Exzellenzcluster PRISMA nicht arbeiten."

Neuer Superrechner MOGON II

Im November 2017 ging dann MOGON II in Betrieb, der schnellste Rechner an einer deutschen  Universität. Er liegt in der Weltrangliste auf Platz 65. "MOGON I kostete 4,2 Millionen Euro", so Brinkmann, "MOGON II 10,6 Millionen." Wer an diesem Gerät wie viel Rechenzeit bekommt, ist genau reglementiert – wie beim alten Zentralrechner. In gewisser Weise schließt sich hier ein Kreis.

Brinkmann schaut auf die Uhr. Vor seinem Büro sind leise Stimmen zu hören. "Ich habe gleich einige Bewerbungsgespräche zu führen", erzählt er. Hoch qualifizierte Fachleute fürs ZDV zu finden sei nicht einfach. "Aber wenn wir sie mal gefunden haben, bleiben sie fast alle", sagt Brinkmann strahlend, bevor er sich verabschiedet und den Wartenden zuwendet. "Unsere Personalfluktuation geht gegen Null."