Islamistischer Propaganda auf der Spur

25. Mai 2018

Die interdisziplinäre Nachwuchsforschergruppe "Dschihadismus im Internet" hat voriges Jahr ihre Arbeit aufgenommen. Sie analysiert radikal-islamistische Propaganda im Netz und spürt all jenen nach, die auf solche Beiträge in verschiedenster Weise ansprechen. Zudem ist eine eigene Online-Plattform in Arbeit. Das Projekt am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 2,7 Millionen Euro gefördert.
 

Die Bandbreite der verbreiteten Propaganda ist groß: Ein Rapper balgt sich irgendwo in Syrien mit jungen IS-Soldaten im Schnee und fordert fröhlich zum Mitmachen auf. Eine Dokumentation zeigt Missstände in Deutschland und berichtet, wie ein junger Mann darunter leidet – und präsentiert die Konversion zum Islam und schließlich den Kampf für die islamische Sache als Ausweg. Geistliche predigen mitreißend, Videos von Hinrichtungen erschüttern und machen Schlagzeilen. Es gibt aufwendige Online-Zeitschriften, einfach gestrickte Videobotschaften und einiges mehr.

Längst nutzen extreme islamistische Gruppierungen das Internet, um für sich zu werben und dschihadistische Propaganda zu verbreiten. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen allerdings steht noch ganz am Anfang. Vieles ist noch ungeklärt: Wer stellt diese Botschaften ins Netz, wie viel filmisches Know-how steckt in diesen Produktionen und wie wirken sie auf ihre Konsumenten? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich die Nachwuchsforschergruppe "Dschihadismus im Internet", die sich im vergangenen Jahr am Institut für Ethnologie und Afrikastudien (IFEAS) der JGU formierte.

2,7 Millionen Euro vom Bund

"Zuerst wurden wir von unserer inneruniversitären Forschungsförderung und vom Zentrum für Interkulturelle Studien, dem ZIS, der JGU unterstützt", erzählt der Initiator der Gruppe, Prof. Dr. Matthias Krings. Damit war eine erste Grundlage geschaffen. Doch das Projekt nahm noch mal kräftig Fahrt auf, als das Bundesministerium für Bildung und Forschung sein Programm "Forschung für Zivile Sicherheit" startete. "Darüber fließen über fünf Jahre 2,7 Millionen Euro in unser Projekt", freut sich Krings.

Ein großflächiger Bildschirm hängt an der Wand des Seminarraums, in dem die Nachwuchsforschergruppe sich trifft. "Hier schauen wir tatsächlich die Videos und sprechen darüber", erzählt Projektleiter Dr. Christoph Günther. Sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich die Beiträge an. Jeder bringt seine Expertise ein. "Wir sind interdisziplinär aufgestellt, das ist wichtig. In unserem Team gibt es jeweils zwei Fachleute für Islamwissenschaft, für Ethnologie und für Film- und Medienwissenschaft." Günther selbst ist Islamwissenschaftler, ihm zur Seite steht Doktorandin Alexandra Dick. Ähnlich sind die beiden anderen Fachfraktionen besetzt.

"Natürlich sehen und hören wir so entschieden mehr, als es jedem Einzelnen möglich wäre. Ich bin gefragt, wenn es zum Beispiel um bestimmte Textpassagen geht. Unsere beiden Ethnologinnen denken sich in die dargestellten Positionen ein und die Medienwissenschaftler beurteilen die filmischen Gestaltungsmittel."

Trailer à la Hollywood

Dr. Bernd Zywietz ist einer dieser Medienwissenschaftler. Er beschäftigt sich bereits seit Jahren mit islamistischer Online-Propaganda. "Die Botschaften sollen möglichst viele Menschen erreichen", greift er einen Aspekt heraus. "Sie sind auf globale Seh- und Hörgewohnheiten ausgerichtet und sprechen gerade eine westlich sozialisierte, mit Computerspielen, Musikvideos und Kinofilmen aufgewachsene Klientel an, zu denen oft auch die Produzenten dieser Videos gehören. Viel ist direkt aus Hollywood abgeschaut. Es gibt sogar Trailer, mit denen für kommende Filme geworben wird."

Wer aber lässt sich von solchen Trailern neugierig machen? Wer schaut die islamistische Propaganda? "Unsere Gruppe hat insofern ein Alleinstellungsmerkmal, als wir nicht nur die potenziellen Unterstützer im Auge haben", sagt Günther. "Das Publikum ist ein ganzes Stück breiter. Nicht jeder, der so etwas schaut, wird gleich zum radikalen Islamisten – im Gegenteil: Wir beschäftigen uns auch mit massiven Gegnern, zum Beispiel mit Künstlerinnen und Künstlern, die es reizvoll finden, mit diesem Material umzugehen und es in ihrem Sinn umzuformen."

"Uns interessiert, wie solche Beiträge auf unterschiedlichste Konsumentengruppen wirken", vertieft Ethnologin Simone Pfeifer das Thema. "Es gibt da sehr verschiedene Aneignungsformen. Ich bin gerade dabei, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, die in ihrem Alltag mit Material aus IS-Videos konfrontiert sind." Sie nutzt dafür in erster Linie die gängigen Kommunikationskanäle des Internets, bemüht sich aber auch um persönliche Gespräche.

mainzed mit im Boot

Sicher würde Pfeifer auch gern mit den potenziellen Unterstützern und Sympathisanten in Verbindung treten, um deren Motivationen auszuloten. "Aber die Personen, die ich bisher kontaktiert habe, machen sofort dicht, wenn ich mich etwa über ein soziales Netzwerk mit meinem Forscherprofil bei ihnen melde", bedauert sie. "Im Moment sind wir dabei, neue Wege zu finden, mit ihnen zu kommunizieren."

Ein wichtiges Ziel der Nachwuchsforschergruppe "Dschihadismus im Internet" ist die Erstellung einer Online-Plattform. "Uns steht mit Mirko Scherf ein eigener Techniker zur Verfügung", erzählt Günther. Außerdem bekommt das Projekt Unterstützung von mainzed, dem Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften, unter dessen Schirm sich eine Reihe wissenschaftlicher Einrichtungen der Region zusammengetan haben, um ihre Fächer in Sachen Digital Humanities auf den neuesten Stand zu bringen.

"Wir wollen unsere gesammelten Materialien archivieren, um weiter damit zu arbeiten, wir wollen sie aber auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen", erklärt Günther. Er denkt etwa an Lehrkräfte, die sich fragen, was ihre Schülerinnen und Schüler da Merkwürdiges im Netz schauen. "Ihnen möchten wir aufklärende Beiträge und Tipps an die Hand geben, wie sie mit solchen Situationen umgehen können." Selbstverständlich soll das Propaganda-Material radikaler Islamisten nicht ungefiltert über die Plattform zu sehen sein. "Wir werden es auf jeden Fall zusammenschneiden, bearbeiten und entsprechend unserer Erkenntnisse kommentieren. Einiges werden wir nur bestimmten Kreisen zur Verfügung stellen."

Erste internationale Konferenz

Moderne Verfahren sollen bei der Aufarbeitung helfen. "Wir arbeiten zum Beispiel mit einem Annotationstool, das es uns ermöglicht, Dinge im bewegten Bild zu kennzeichnen und mit anderen Einträgen zu verknüpfen." So könnten auch öfter auftauchende Personen ausgemacht, wiederkehrende Motive in Text, Musik oder anderen Kategorien verglichen werden. "Langfristig wollen wir eine Plattform schaffen, auf der sich auch Forschende austauschen und vernetzen können."

Das Projekt "Dschihadismus im Internet" steckt noch in den Kinderschuhen, auch wenn bereits Grundlagen geschaffen und die entscheidenden Weichen gestellt sind. "Wir haben noch viel Arbeit vor uns", weiß Günther. "Besuchen Sie uns doch in einem Jahr wieder, dann können wir sicher schon mehr erzählen." Dann wird er auch über die erste internationale Konferenz der Gruppe berichten können: Am 4. und 5. Oktober 2018 werden hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der JGU über "Jihadi Audiovisualities" diskutieren.