Kein Graben zwischen Ausländern und Deutschen

1. August 2012

Die Unterscheidung zwischen Ausländern und Migranten einerseits und Deutschen andererseits ist nicht mehr zeitgemäß. Das ergibt eine Zwischenbilanz der "Migrationsstudie Mainz" des Geographischen Instituts und des Zentrums für Interkulturelle Studien (ZIS) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), an der Hunderte von Studierenden mitarbeiteten.
 

Prof. Dr. Anton Escher gibt zu: "Wir waren überrascht. Frau Alt kam zu mir und meinte: 'Wir kriegen keine großen Unterschiede, verflixt noch mal!'" Migranten, Ausländer, Deutsche – solche Einteilungen stellten sich als überholt heraus. "Sie haben in unserer heutigen Gesellschaft, unserem dynamischen Zusammensein einfach keinen Sinn mehr. Wir müssen für unsere Analysen andere Kategorien finden. Wir müssen einen anderen Ansatz suchen und uns mehr die Menschen anschauen."

Mit der "Migrationsstudie Mainz" wollten das Geographische Institut und das ZIS der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Zusammenarbeit mit der Stadt Mainz ein repräsentatives Abbild der Migrationssituation in Mainz zeichnen. Tatsächlich ist mehr daraus geworden. Schon der Titel der Studie scheint Projektleiter Escher inzwischen unpassend. "Wir wollen es nicht mehr Migrationsstudie nennen. Menschen mit Migrationshintergrund haben langsam die Schnauze voll davon, als Menschen mit Migrationshintergrund charakterisiert zu werden."

Lebensstile und Migration in Mainz

2010 wurde die Studie ins Leben gerufen, in diesem Jahr zogen Escher und seine Mitarbeiter unter dem Titel "Lebensstile und Migration in Mainz" eine Zwischenbilanz im Rathaus der Stadt, und 2013 wird die Untersuchung abgeschlossen sein. Neben den Projektmitarbeiterinnen Katharina Alt, Nicole Merbitz und Eva Riempp engagierten sich einige Hundert Studierende in Seminaren an der Uni oder als Interviewer unterwegs in Mainz.

364 Deutsche und 375 Ausländer beantworteten einen Katalog von 55 Fragen. "Das war eine sehr umfangreiche Erhebung", sagt Escher, "so ein Interview dauerte mindestens eine Stunde, trotzdem brach kaum jemand ab."

In Mainz leben Menschen aus mindestens 160 Nationen. Die Stadt ist also bunt. "14,8 Prozent der Mainzer haben keine deutsche Staatsbürgerschaft, 28,5 Prozent einen Migrationshintergrund", erklärt Alt. Besonders viele Ausländer tummeln sich dort, wo Industrie in der Nähe ist. Im Stadtteil Mombach und in der Mainzer Neustadt sind es mehr als 20 Prozent, an der Peripherie in Ebersheim, Laubenheim oder Drais unter 10 Prozent. Die größte Gruppe unter den Ausländern bilden die Türken mit rund 20 Prozent, gefolgt von Italienern, Kroaten, Polen, Portugiesen und Marokkanern.

Mainzer, Deutsche und Weltbürger

Doch diese Unterteilung nach Herkunftsländern schlug sich in den Antworten der Menschen praktisch nicht nieder. So sollten Deutsche wie Ausländer angeben, ob sie sich in erster Linie als Mainzer, Deutsche, Europäer oder Weltbürger fühlen. Sowohl 27 Prozent der Ausländer als auch der Deutschen sehen sich vor allem als Mainzer. Als Europäer bezeichnen sich 26,9 Prozent der Ausländer und 26 Prozent der Deutschen. Es folgen Weltbürger (23 und 25 Prozent) und Deutsche (beide 22 Prozent).

So geht es weiter. Verschiedene Lebensbereiche wurden abgefragt. Die Religionsausübung hat bei Katholiken und Moslems einen hohen Stellenwert, Protestanten sind da etwas laxer. In die deutschen Gesetze haben die Ausländer etwas mehr Vertrauen als die Deutschen, aber allgemein ist die Akzeptanz groß.

Fremd im Mainz fühlen sich immerhin 2 Prozent der Deutschen, unter den Ausländern sind es 8 Prozent. Zum Vergleich: Fremd in Deutschland fühlen sich 14 Prozent der Ausländer. Mainz schneidet also außergewöhnlich gut ab – was sich auch darin zeigt, dass es gut 200 der befragten Ausländer schon länger als zehn Jahre in der Stadt hält.

Die Extremen werden beleuchtet

Solche Zahlen könnten Escher und Kollegen schier endlos auftürmen. Sie alle belegen für Alt eines: "Das Bild, dass Deutsche und Ausländer unterschiedlich sind, muss man aushebeln." Escher ergänzt: "Wenn Sie eine Million Getreidekörner haben, dann nehmen Sie immer zuerst die Handvoll roter Körner wahr. Wenn ein Ausländer einen Ehrenmord begeht, finden Sie Tausende Artikel darüber in den Zeitungen." Die Masse der Menschen, darunter die Ausländer, die nicht auffallen, sind keine Zeile wert. "Nur wer extrem ist, wird beleuchtet." In der Studie ist das anders: "Wir brechen eine Lanze für die Masse."

Der differenzierte Blick auf die Mainzer Masse macht klar: Menschen verschiedener Berufsfelder, Altersgruppen oder Einkommensklassen unterscheiden sich viel mehr als Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Die erhobenen Zahlen sind die eine Seite der Studie. Jenseits davon beschäftigten sich die Studierenden noch genauer mit einzelnen Gruppen. Adem Özgen und Simon Harer etwa schauten sich die Migranten aus der Türkei genauer an. Sie stellten fest: Es handelt sich mitnichten um eine homogene Gruppe, weder in religiöser, noch in anderer Hinsicht. Alewiten, Sunniten, Kurden, sie alle in einen Topf zu werfen, wäre albern.

Differenziertes Bild der Mainzer

Mit ihrem Abschluss in einem Jahr wird die Studie ein höchst differenziertes Bild von den Mainzern liefern. Dabei verschleiern weder Escher noch Alt, dass ihr Projekt durchaus Mängel aufweist. So verweigerte sich eine kleine Gruppe von Migranten der Befragung. Doch selbst wenn die Wissenschaftler ihnen eine extreme Position zuordnen würden, ergäbe das allenfalls graduelle Änderungen. Der Grundsatz bleibt: In Mainz verläuft kein Graben zwischen Deutschen und Ausländern.

Zu anderen Städten gibt es nur wenige Untersuchungen dieser Art. "Und hinter den wenigen, die es gibt, steht meist das Sinus Institut", sagt Alt. "Die machen leider nicht transparent, wie sie zu ihren Erkenntnissen über verschiedene Milieus kommen oder welche Leute sie zur Befragung herbeigezogen haben."

"Wir dagegen legen unsere Methoden offen", betont Escher. "Wir zeigen: Unsere Schwächen liegen da und da."

Wer die Präsentation der Studie im Mainzer Rathaus erlebte, merkte allerdings schnell, dass diese Schwächen nicht groß ins Gewicht fallen gegen die eine große Stärke: Diese Studie schaut sich vor allem Menschen an und nicht so sehr Deutsche, Migranten oder Ausländer.